, 9. April 2017
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Aluhut auf!

«Ois Oasch», wie man in Wien sagt, denke ich mir derzeit oft, wenn ich in sozialen Netzwerken unterwegs bin. von Dani Fels

Dani Fels (Bild: Ladina Bischof)

Einst als vernunftbegabt wahrgenommene Menschen verlieren sich da in Spekulationen über eine «globale Elite», die wahlweise von Geheimgesellschaften, Ausserirdischen, manipulierten Regierungen, «den Juden» oder von all diesen gemeinsam gebildet wird. Sie versuchen mir zu erklären, dass wir dank eines geheimen Programms «der Regierung» aus Flugzeugdüsen mit Gift besprüht werden, dass 9/11 ein «inside job» der amerikanischen Regierung gewesen und dass die Rettung der Welt in einem System «ohne Zins und Zinseszins» zu suchen sei. Spätestens an diesem Punkt geht bei mir die Historisches-Gedächtnis-Warnlampe an.

War nicht die sogenannte Brechung der Zinsknechtschaft eines der Ziele des Nationalsozialismus und seit dem frühen 20. Jahrhundert immer wieder eine Quelle des Antisemitismus unter dem Deckmantel der Kapitalismuskritik?

Wenn ich nun in Kommentarspalten eine solche Frage in die Diskussion werfe, werde ich in kürzester Zeit und in hoher Kadenz mit Links auf YouTube-Videos bedient, die ich mir doch bitte erst einmal anschauen soll, bevor ich den Skeptiker gebe. Sie würden mir die Augen öffnen und überhaupt ALLES erklären. Als forschender Mensch, mit einem ungebrochenen Glauben an umfangreiche Recherche, wundere ich mich dann, mit welchen Quellen man mir die Welt da zu erklären versucht. «KenFM», «Compact Magazin», «Kopp Verlag», «Russia Today», und gelegentlich ist sich sogar jemand nicht zu schade, auf «Sasek TV» zu verlinken.

Glauben, man habe die Wahrheit erkannt, weil man sich ein YouTube-Video angeschaut hat, ist das eine. Glauben, man habe die Wahrheit erkannt, weil man unreflektiert braun-esoterische Quellen verlinkt, auch wenn darin scheinbar unverdächtige Menschen wie ein Jean Ziegler ein Statement abgeben, ist verstörend.

Wenn der Kontext, in dem sich jemand präsentiert, kein relevanter Faktor mehr sein soll, geht die Taktik der neuen Rechten auf, sich tief im demokratischen Lager einzunisten und über dieses seine verqueren Ideologien gesellschaftlich akzeptiert zu verbreiten.

Wenn in naher Zukunft nicht «ois Oasch» sein soll, sind wir gut beraten, historische Zusammenhänge nicht zu vergessen und Quellen gut zu prüfen.

Dani Fels, 1961, ist Dozent an der FHS St.Gallen und Fotograf. Er schreibt monatlich die Stadtkolumne in Saiten.

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