, 31. Oktober 2016
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Bartleby, Barnebooth, Bartlebooth

Die Kellerbühne St.Gallen bringt als Eigenproduktion Herman Melvilles Roman «Bartleby der Schreiber» auf die Bühne. Ein Solo für Matthias Peter und für alle Bartlebys dieser effizienzgetriebenen Welt. Am 2. November ist Premiere.

«I would prefer not to.» Es ist einer der grossen Sätze der Weltliteratur, der Verweigerer-Satz schlechthin. «Ich möchte lieber nicht» ist der Standardsatz von Bartleby dem Schreiber. Herman Melville, der Autor des Moby Dick, hat dem Kopisten Bartleby im gleichnamigen Roman 1853 ein Denkmal gesetzt.

Lange her, aber seither spukt Bartleby durch die Kanzleien und Köpfe dieser Welt. Und im November hallt der Satz wider im Gewölbe der Kellerbühne St.Gallen, wo Matthias Peter und der Flötist Daniel Pfister als Regisseur den alten Text zu neuem Leben erwecken. Der Satz «Ich möchte lieber nicht» sei zum Beispiel beim diesen Sommer verstorbenen Romanautor Markus Werner auf einem Täfelchen neben dem Telefon an der Wand gestanden, erzählt Daniel Pfister. Der Satz, ergänzt Matthias Peter, habe auch in der Occupy-Bewegung Resonanz gefunden, die den Autor Melville und seine Figur kapitalismuskritisch eingemeindet hat. Vor zwei Jahren spielte das Schauspielhaus Zürich eine Bartleby-Adaption, an deutschen Theatern steht der Stoff ebenfalls vielfach auf den Spielplänen.

melville

Herman Melville.

Prototyp der Verweigerer

Ein Kanzlistenstuhl, ein altmodischer Rollschrank, eine spanische Wand: Die Requisiten sind karg, so karg wie Bartlebys Existenz. Matthias Peter spielt den Ich-Erzähler, den Anwalt, der Bartleby eine Zeitlang beschäftigt hat und ihn jetzt nicht mehr loswird. Den «unbeweglichen Gesellen» selber, diese «auf die Nerven gehende Bekanntschaft», den Mann, der mit freundlicher Bestimmtheit alles ablehnt, was man ihm an Tätigkeiten vorschlägt oder aufdrängt: Diesen Bartleby sieht man im Stück nie.

Was man sieht, wechselnd verkörpert von Matthias Peter, sind die Figuren um ihn herum. Und ist die schleichende Irritation und Aggression, die Bartlebys Verweigererhaltung in seinem Umfeld, der New Yorker Wallstreet, auslöst. Ein subversives Zerstörungswerk, das konsequent mit Bartlebys Tod endet.

Bartleby, der Schreiber:
2. November, 20 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen im November und im Februar

Barnabooth, der Milliardär: 13. November, 11 Uhr, weitere Vorstellungen im Februar

Bartlebooth’s Lebensplan: 20. November, 11 Uhr, weitere Vorstellungen im Februar

kellerbuehne.ch

Warum die heutige Bartleby-Renaissance? Woher all seine bürolistischen und existentialistischen Geistesverwandten? Viele sähen im Roman «ein frühes literarisches Aufbegehren gegen das beschleunigte und entmenschlichte System des Kapitalismus», sagt Matthias Peter. Erstmals komme hier die trostlose Welt des Angestelltendaseins aufs Tapet, lange vor Kafka. Bartleby gilt zudem als Prototyp des arbeitsteilig spezialisierten Menschen.

Von solchen politisch aufgeladenen Interpretationen des Romans hält Regisseur und Musiker Daniel Ziegler weniger. Was ihn fasziniert, ist eine Figur, die einen nicht mehr loslasse, die sich ohne eindeutige Botschaft, aber umso dringlicher im Kopf des Lesers und Zuschauers festsetze. Und ihn mit sich selber konfrontiert. «Bartleby wirft uns auf uns zurück», sagt auch Matthias Peter: «auf die Frage, wo wir uns verorten, wozu wir in der Gesellschaft Ja sagen und wo wir nicht mehr bereit sind, mitzutragen».

Gewünscht: Erzählkonzentration

Die Inszenierung versteht sich als «Erzähltheater». Eine Stunde Text, solo auf der Bühne, in mehrere Rollen schlüpfend: Das fordert vom Schauspieler alles ab. Gemeinsam mit Regisseur Daniel Pfister sei es zu Beginn der Probenarbeit vor allem darum gegangen, die Figur herauszuarbeiten und die wechselnden Erzählhaltungen zu präzisieren. Pfisters genauer Blick und sein musikergeschultes Ohr für die Klanglichkeit von Melvilles Sprache sei dabei eine entscheidende Hilfe gewesen. Das Ziel, auf der Bühne wie im Publikum, nennt Matthias Peter mit einem schönen Wort: Erzählkonzentration.

Die Produktion setzt die Reihe von literarisch-szenischen Eigenproduktionen fort, die der Kellerbühnen-Leiter in den letzten Jahren auf die Bühne gebracht hat; darunter ebenfalls mit Daniel Pfister Jakob Senn, Der Mann im Turm oder Die Sirene. Zuletzt zu sehen waren Der Andere von Florian Zeller 2016 sowie im Jahr zuvor, mit Wiederaufnahme neulich, Kulissenklatsch, eine Adaption des St.Galler Theater-Schlüsselromans Die Brokatstadt. Für diesen stadtgeschichtlichen Stoff hätte sich Matthias Peter etwas mehr Neugier des Kulturpublikums erhofft; viele Stühle blieben leer.

Mit Bartleby lässt sich jetzt die Lust auf Neues gleich dreifach befriedigen: Neben der Hauptproduktion kommen zwei Texte als «Erzählprogramm mit Musik» auf die Bühne, die die Bartleby-Figur weiterspinnen: Der französische Autor Valéry Larbaud hat mit A. O. Barnabooth und dessen Tagebuch eines Milliardärs die Figur des «armen Reichen» ironisch auf die Spitze getrieben – eine Existenz, von der er selber als Erbe des Entdeckers der Vichy-Quelle genaue Kenntnis hatte. Und sein Landsmann Georges Perec führt in Das Leben – Gebrauchsanweisung die Figuren Bartleby und Barnabooth puzzleartig zu Bartlebooth zusammen. Diese beiden Texte, provokativ und humoristisch, sind jeweils als Begleitprogramm zum Haupt-Bartleby sonntags zu hören, begleitet vom Pianisten Urs Gühr und vom Flötisten Daniel Pfister.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

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