Ja, der Titel ist ein Zitat von Hugo Ball, der damit die von ihm mitbegründete Spielwiese «DaDa» zu beschreiben versuchte. Keine Ahnung, wie der Immobilienmarkt anno Weltkrieg eins in Zürich gewesen ist, ob es damals «Zwischennutzungen» gegeben hat – jedenfalls ist es heutzutage kaum denkbar, dass eine Gruppe revolutionär eingestellter Persönlichkeiten aus so ziemlich überall im Niederdörfli: a. ein Szenelokal bekommt, und b. nicht innerhalb von dreieinhalb Sekunden von Grenadierbullen aus der Stadt geworfen wird, denn wie man in der Zwinglistadt Turīcum so schön zu sagen pflegt: «Erlaubt ist, was nicht stört.»
Auch wenn letzteres Bonmot glücklicherweise keine grössere regionale Ausbreitung erleben durfte, so könnte man sagen, ist diese Scheisse doch längst als Gesamtpaket zum Wahrheitsregime von Standortfaktor und liberaler [sic!] Regierungskunst geworden.
Dies betrifft die Saitenregion gleichermassen: ein subtiler Krieg der Räume kombiniert mit Erlaubnisterror und dem lebensfeindlichen Gebot, «niemals zu stören», ist auf der kulturellen Ebene evident und ernstzunehmen. So fällt auch ins Auge, wie hochnotgrotesk derzeit ein omnipräsenter DaDa-Geburstag anmutet. Die Buffonade wird aufgelöst in historisierender Ernsthaftigkeit und die Totenmesse zum Schenkelklopfer.
Szenenwechsel i.d.S., von der Metaebene ab in die Zwischenzonen, namentlich in diejenige mit ebendiesem programmatischen Titel, welche sich erfrecht, pünktlich zum Jubiläum in einer veritablen Messe DaDa zu beerdigen – weil: «100 Jahre sind genug» –, um gleichzeitig schwer-buffonesk den darum notwendigen «Gugusismus» auszurufen. Nicht wirklich Stadt, sonst aber irgendwie auch nicht viel ist dieses Heerbrugg, sagen zumindest Leute, die es wissen müssen, und doch findet sich gegenüber von Betonwüste, zwischen Kebabjoint und TT-Bar (höhö) im ehemaligen «Sternen» eine Antithese, die sich gewaschen hat.
Die vom Widnauer Künstler Kuspi 016 (dem man eigentlich im Mindesten ein ganzes Heft widmen müsste) proklamierte Kunstform des Gugusismus beschäftigt sich in kynischer Weise mit Motiven der Vergänglichkeit und genau darum mit Lebendigkeit, die ihre perfekte Allegorie in eben dieser Zwischenzone findet: ein wunderhübsches altes Haus umstellt mit Bauvisieren, das vielleicht schon Anfang März irgendeiner rentablen Bausünde weichen muss, und in der Zeit dazwischen von einer Gruppe sehr sympathischer Leute bespielt wird. Und dadurch mehr «lebt», als man es von irgendeinem nicht-tot-geschriebenen Bau gewohnt ist.
Kuspi 016 sagt Gugus.
Pünktlich zur vollen Stunde dringt der Gugusismus in Form von Soundinterventionen einige Minuten auf die Strasse und hinterlässt einen als vermeintlichen Passanten positiv verwirrt. Im Hochparterre, wo die Musik herkommt, findet man sich in einem Kuriositäten-Kabinett (gestaltet u.a. vom Skulpturkünstler Paul Müller) wieder: Da sind Titelseiten von Gala («Grosse Gefühle 2015»), Adel heute («Charlene – wird 2016 ihr Schicksalsjahr») und In Touch («Ist sie wieder schwanger?») ausgestellt, eine mit Gaffatape zensierte verzierte Videoinstallation von Sareena und DiEule zeigt ein historisches Fussballspiel und anschliessend einen rennenden Hund mit rötschem Fell.
Die Welt steht nicht Kopf, hängt aber quer – als Globus an der Wand. Die beiden oberen Stockwerke zeigen klassischere Ausstellungen, wobei «klassisch» das fälscheste Wort ist, um die anregenden Werke von Jasmin Véron, Kuspi 016, Sandro Heule und Simon Kness zu beschreiben, aber ja, da sind auch Gemälde, und die sind allesamt sehr sehenswert. Sogar der Kleiderständer im Treppenhaus ist ziemlich Duchamp.
Kuspi’s aktionistische Performance beginnt erst mit Musik unterlegt, steht unter Schnullerzwang und lernt dem phantasielosen Volksmund Mores und dem Schreibenden neue Worte: «Kellerficker! Antiseptikum! Hinterthurgau! Frikadellensalat! Linguistikproblem! Surrealistennutte! Tigerente! Wertsverarschung! Heilandsversteher! Trottelcomputer! Nazischwein! Oralstimulationstabletten! Kuhfladenpilz! Stinkgüggel!»
Auf das Kommende eingestimmt folgt die Ansage: «Ihr seid Zeugen! Gugusismus! Jede lebende Bakterie, alles was lebt ist und bleibt KünstlerIn! Auch das künstliche Leben ist frei! Kein Gesetz darf die Kunst in Zwänge und Muster drängen! Das Zeichen des Gugusismus ist der Schnuller! Lutscht euch frei!»
Die Zuschreibung «Dorforiginal» stört Kuspi kein bisschen, doch ist diese Rolle eher Performance als Introversion. «Man muss offen bleiben in diesem Tal, sonst geht man unter». Und offen ist Kuspi auf jeden Fall. Der Autor von Dialektbüchern versteht dieses «Gugus» denn auch weniger unter der Bedeutung von «Bloscht», sondern eher in der Kindersprache, ein Aufmerksamkeit heischendes «Guguseli!», und ohne nur niedlich zu sein, liegt darin eine ungeheure Kraft, etwas Verspieltes und Kämpferisches. Dieser Künstler spricht vom Leben überhaupt und hat etwas Rares darüber zu sagen.
Der Verein Zwischenzone bespielt den ehemaligen «Sternen» voraussichtlich noch bis Ende Februar und plant, solches an anderen Orten wieder zu tun. Spricht Mitinitiant Sandro Heule von den leuchtenden Augen, die ihm in der Zwischenzone so häufig begegnen, und kommt dabei selbst bei aller Bescheidenheit ins Schwärmen, demonstriert dies auf der ganzen Linie das allgemeine Bedürfnis nach solchen schwer definierbaren Gegenorten; der Notwendigkeit, verspielten Impulsen nachzugeben und sich – egal wo – lebendige Zwischenzonen zu erkämpfen.
Heute Abend duellieren sich übrigens Klangforscher und Bademeister im lauschigen Darkroom der Zwischenzone.
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.