«Alles ist Leihgabe.» Das ist so ein Ribaux-Satz, gesprochen aus inzwischen 84 Jahren Lebenserfahrung. Louis Ribaux, körperlich gebrechlich und geistig hellwach, liess seine Sätze am Donnerstagabend im Festsaal von Katharinen vorlesen. Sätze, in denen vom «inneren Licht» die Rede ist, von Momenten der Ausweglosigkeit und dem Halt-Finden in einem Motto wie «Es gilt also aufmerksam zu bleiben.»
Und dann die zentrale Selbstcharakterisierung des legendären St.Galler Buchhändlers und Antiquars: Dem Prinzip Hoffnung stellt er das «Prinzip des Weitergehens» zur Seite. Weitergehen und Weitergeben: Exemplarisch dafür steht sein jahrzehntelanger Einsatz für das Buch und dessen Vermittlung. Dieses Lebenswerk zeichnete der Buchgestalter Jost Hochuli aus über fünfzigjähriger Freundschaft mit Louis Ribaux nach.
Hochuli erinnerte an die ersten, von Ribaux initiierten Autorenlesungen in der Fehr’schen Buchhandlung in den Sechzigerjahren, als Lesungen eine Novität waren und die Gewerbepolizei erstmal Veranstaltungen ausserhalb der Ladenöffnungszeiten verbot. Zu eigentlichen Institutionen wurden dann die Lesungen in Ribaux‘ eigener Buchhandlung, 1974 an der Bahnhofstrasse mit Elias Canetti eröffnet, ab 1985 an der Vadianstrasse. Klingende Namen zählte Hochuli auf, Autorinnen wie Hilde Domin, Erica Pedretti, Margarethe Mitscherlich, Jeanne Hersch, Helen Meier oder Esther Vilar, Autoren wie Heinrich Kuhn, Christoph Keller, Rafik Schami oder der Zeichner Karl Uelliger. Seit 1993 wirkt Ribaux in seinem Antiquariat und kennt, so schildert es die Autorin der Broschüre, Brigitte Schuster, alle seine Bücher – beziehungsweise: «er weiss zumindest, was er nicht hat».
Neben dem Buch die Politik: Acht Jahre sass Ribaux im St.Galler Gemeinderat, zwölf Jahre im Kantonsrat, für die FDP, aber im Grunde – zusammen mit Mitstreitern wie dem Ökonomen Hans Christoph Binswanger – ein «Grünliberaler avant la lettre», wie Hochuli sagte. Aus der Warte der Nachhaltigkeit, die seine politische Arbeit prägte, kämpfte er auch gegen die Aufhebung der Buchpreisbindung. Im Text «Lesen als Ereignis», der in der Broschüre nachgedruckt ist, schreibt Ribaux dazu grundsätzlich: «Wir ahnen, dass es Menschheitswege jenseits der sich als absolut gültig betrachtenden Ökonomie gibt.» Die Literatur sei ein Zeuge dieser anderen Weltsicht. «Und sie macht uns souverän, weil wir dank Literatur zeitlose Zusammenhänge der Welt erahnen dürfen.»
Zusammen mit einem zweiten Text, der kurzen Betrachtung «Baum und Buch» (verfasst für das Bibliotheksheft von Saiten, Februar 2013), machen die Eigenbeiträge von Louis Ribaux den Kern der Broschüre aus. Die Autorin und Typographin Brigitte Schuster steuert prächtige Fotos bei (das Bild oben zeigt Ribaux‘ mit Sinnsprüchen gestaltetes Schaufenster) und einige Textskizzen, die man sich vertiefter gewünscht hätte.
Exemplarisch aber zeigen die Bilder den Büchermenschen Louis Ribaux: Rastlos tätig in seinem Reich am Paracelsusgässlein in St.Gallen, inmitten von Bücherstapeln, Bücherregalen, wohlgeordneten Bücherbergen. Skeptisch, was die abnehmende Zahl von Bücherfreunden und das schwindende Interesse am Buch, insbesondere am «wertvollen» Buch betrifft – aber zugleich hoffnungsvoll: Sein in Katharinen gelesener Text verstand sich auch als «Botschaft für eine zukünftige Welt der Bücher».
Brigitte Schuster: Das Antiquariat Ribaux im Paracelsusgässlein in St.Gallen, VGS St.Gallen 2014, Fr. 19.50
Bilder: Brigitte Schuster
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