, 10. Februar 2017
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Der Stoff, aus dem die Schäume sind

Mit dem Buch «Sapphische Flaschenpost» legen der Künstler Peter Z. Herzog und der Lyriker Florian Vetsch ein Bild-Text-Panoptikum aus der Welt der Schäume und (erotischen) Träume vor, das sich gewaschen hat. von Clemens Umbricht

Dass der Eros schäumt, wissen wir seit Aphrodite. Der griechischen Mythologie zufolge schnitt Kronos, Uranos’ Sohn, seinem Vater die Geschlechtsteile mit einem Sichelhieb ab und warf sie ins Meer. Dieses vermischte sich schäumend mit Blut und Samen und gebar Aphrodite. Ihres Zeichens Göttin der Schönheit und der Liebe, trug sie fortan den Beinamen «Schaumgeborene».

Mit dem Thema Schaum hat sich vor einigen Jahren auch der Philosoph Peter Sloterdijk befasst: Shakespeare paraphrasierend summiert er im dritten Band seines Sphären-Werkes: «We are such stuff the foams are made on.» Mächtige anthropologische Blasen-Cluster bieten hier Anlass zu menschheitsgeschichtlicher Schaumdeutung.

Auch Peter Z. Herzog und Florian Vetsch widmen sich in ihrem Kunstband dem Schaum, genauer: dem «entsetzlich aufschäumenden Eros». Wem es ihre gischtende Flaschenpost an die heimatlichen Gestade schwemmt, der taucht ein in ein prickelndes Seh- und Leseerlebnis.

Shampoos als gesellschaftliche Spiegel

Über 300 Shampoo-Flaschen hat der in Zürich wohnende Künstler Herzog in der Zeit von 1999 bis 2001 anlässlich eines Aufenthalts in Paris gesammelt und neu gelabelt. Entstanden ist ein lustvolles Panoptikum der Markenwelt unseres Hygiene-Verständnisses, um nicht zu sagen: Hygienewahns.

Beispiele gefällig? Ein nachhaltiges Dusch-Vergnügen bietet das Produkt «timeless. Ewig Verwandelt». Für übernächtigte Reisende empfiehlt sich das revitalisierende «étrange. Viel Durchgemacht». Sanftes Re-Shaping der intellektuellen Silhouette insinuiert «Zettel’s Dream Profiler». Ob für die reife Mutter («maternelle. Klytemnästra Erosetta»), für den leidenschaftlichen Gamer («délurée. Patty Yuniverse 3.0») oder für den spirituellen Sucher («intuitive. Silzenium Om») – Duschen ist das halbe Leben, in Markennamen kristallisieren sich Sehnsüchte!

Wer es härter mag, greift zu «douteuse. Wilma Mankiller». Für den finalen Waschgang empfiehlt sich «médusée. Straight Shot». In der modernen Zeus-Hera-Beziehung hat «résistance. Penthesilia Sirach» seinen Platz. Exquisite Duschnoten versprechen schliesslich Artikelnamen wie «aquatique. The Beholder’s Share», «étrange. Kaltes Plasma» oder «polarisée. Emma Facekini».

Peter Z. Herzog, Florian Vetsch: Sapphische Flaschenpost. Vom entsetzlich aufschäumenden Eros, Vexer Verlag, St. Gallen 2016, Fr. 48.–

Wem das auf den ersten Blick absurd erscheint, dem ist der Schaum noch nicht aufgegangen. Die fantasievollen Produktebezeichnungen mit realen oder fiktiven Namen führen, ebenso wie die Bildcollagen auf den Etiketten, mitten in Fragen zu Körperpflege und Identität, Vergänglichkeit und Bleibendem. Das Haar- und Körperwasch-Shampoo als Spiegel identitätsergänzender Versprechungen und damit verbundener gesellschaftlicher Codierungen – damit treibt Herzog ein hintergründiges Spiel. Seine regenbogenfarbene Kollektion der Duschgels ist die Geschichte eines Wegwerfartikels, erzählt auf der schwarzen Bühne, auf welcher der Witz in den Aberwitz kippt. Die Rekonstruktion der Duschmitteldosen führt direkt zu ihrer Dekonstruktion, Bezeichnetes und Bezeichnendes schäumen grenzenlos.

«So will Sappho ihren Kentaur»

Peter Z. Herzogs Shampoo-Flaschen stehen 101 Sapphische Odenstrophen des St.Galler Lyrikers Florian Vetsch an der Seite. Auch für sie gilt, was Sloterdijk geschrieben hat: «Es ist die Mischbarkeit der gegensätzlichsten Stoffe, die im Schaum zum Phänomen wird.» Das klingt beispielsweise so:

Sappho bringt, mir lieb, die Geräte hierher:
Mittenheiss trochäisches Tempo, Lenden
Hebung, Senkung, daktylisch ökozentrisch
Klackende Stäbe

Die antike griechische Dichterin Sappho, die um 600 v.Chr. auf Lesbos lebte, war berühmt für ihre Liebes- und Hochzeitsgedichte. Nach ihr wurde ein Versmass benannt, das bis in die Neuzeit gepflegt wird. Gerhard Tänzer beschreibt es in seiner kleinen erotischen Versschule Schönes Blumenfeld so: «Die ersten drei Zeilen bestehen aus jeweils vier Trochäen, in deren Mitte ein Daktylus eingebettet ist. Die vierte Zeile besteht aus einem Adonischen Vers (Daktylus und Trochäus).»

Sappho ist für Vetsch nicht nur die formale Inspirationsquelle, sondern auch die in verschiedenen Gedichten direkt Angesprochene. Doch sie ist nur eine unter vielen. Der aufschäumende Eros schweift, flottiert von der schaumgeborenen Göttin zur linkisch schmunzelnden Helena, vom römischen Dichter Catull zur lieblichen Coiffeuse und von ihr zu Amy und ihrer verschlüsselten braunen Haut. Denn:

So will Sappho ihren Kentaur: Er schwitzt &
Schnaubt, die Venen prall, die Gelenke sehnig
Prescht er über Thrakiens Hügel, verhofft im
Schatten der Pappeln

Liebesgedichte, erotische Gedichte, ja – «Gnadenschaum von morgen, du blinzelst aus den / Venushügeln heute. Die Pforten, Grotten / Stehen offen» – aber nicht nur. Diverse der Sapphischen Vierzeiler nehmen Bezug auf Aktuelles, auf 9/11, auf das Bienensterben, auf Kochkünste, auf die wachsenden Abfallberge und «Petflaschenhalden» (auch Plastik hat Ewigkeitscharakter!) und die Ödnis von Siedlungen, in denen «die Witwenstelze erschaudert». Die von Florian Vetsch mit neuer Energie aufgeladenen Sapphischen Odenstrophen sind von jenem perlenden Gleiten der Signifikanten durchwirkt, das den Betrachter auch durch Peter Z. Herzogs Illuminarium der Schaumzonen begleitet.

Amys braune Haut ist verschlüsselt. Oder?
Undercover blättert sie Topoi auf &
Lyrics, grölt durch 1000 Gezeiten, stösst an
Trommeln & Saiten

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