, 19. März 2017
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«Die grimmige Weltverschlagenheit meiner Jugend»

Die «Menschlein-Matthias»-Romane des Thurgauer Erzählers Paul Ilg sind in der Neuausgabe von Charles Linsmayer wieder zugänglich. Und in einer Bühnenfassung live zu erleben. von Rainer Stöckli

Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, erscheint Paul Ilgs Prosa Vaterhaus. Drei Geschichten des damals – neben Alexander Castell und Alfred Huggenberger – «bedeutendsten Thurgauer Erzählers» (Martin Stern 1981). Erweisen wollen die drei Texte, es bedeute das Vaterhaus wohl Schutz und Schirm für darin Aufwachsende; es könne das Vaterhaus aber auch zum Verhängnis werden, nämlich Hemmschuh einer freien Entwicklung.

Paul Ilg. (Bilder: Archiv Charles Linsmayer, linsmayer.ch)

Man nickt. Elternhaus und intakte Familie
oder – wenn sie fehlen – die Entbehrung des Elternpaares, mithin der Geborgenheit, sind Grundthemen in Ilgs Erzählwerk. Wenn dem Menschlein
Matthias Böhi der Vater abgeht und die Mutter um
Auskommen, Unabhängigkeit, Gesundheit kämpft,
so dass der Knabe (unehelich, Einzelkind) bei Verwandten aufwachsen muss, ist im Leben Tritt zu
fassen kummerschwer. Folgerichtig leidet der
zehnjährige «Kostgänger» auf dem Gupf ob Rehetobel, leidet, statt dass er eine Initiation in ein lebenswertes Dasein erfährt. Erscheint dann eines schönen Sonntags die Mutter am Ort der Verdingung zu Besuch, so reisst

das aufgestaute Weh des Kindes alle Dämme ein und [setzt für lange] jede Freude unter Wasser. Matthias hielt die Geliebte [die Mutter] fest umklammert, als könnte sie ihm wieder entrissen werden, und heulte dazu schrill wie ein Sägewerk in ihre Röcke hinein. (Erstausgabe S. 51/52)

Es braucht viel, bis das verletzte Kind im Älterwerden sich ertüchtigt – die Wunden der Entwurzelung vernarben schlecht.

Karriere eines «Ausserbürgerlichen»

Paul Ilg ist 1875 geboren. Mit knapp 40 veröffentlicht er die Erzählung Das Menschlein Matthias (Stuttgart 1913). Als letztes von vier Büchern, d. h. nach einer «Jugendgeschichte» und zwei «Roman» geheissenen Büchern das vierte. Der Herausgeber der Neuausgabe, Charles Linsmayer, lobt es als das «homogenste, geschlossenste, unaufgeregteste, stilistisch und sprachlich überzeugendste». Jedenfalls ist mit dem Menschlein Matthias die Tetralogie komplett. Zum vierbändigen, biografisch fundierten Erzählkomplex gemacht hat diese Buchreihe erst Ilgs Neubearbeitung der Jahre 1941-1943, angestrengt zwischen den Erzählungen unter dem Titel Das Vaterhaus und dem Gedichtband Der Erde treu, dem Roman Grausames Leben.

Ilgs Überarbeitung hat den Erzählstoff gegenüber der früheren Fassung geglättet, die lebensgeschichtliche Zeitenfolge linearisiert; des kleinen Helden Böhi Ringen mit den Verhältnissen ist an den Anfang gesetzt – es folgen gemischte Jahre neben der Mutter und in wechselnder Distanz zum Erzeuger, bald am Wasser (Rorschach), bald in der Stadt (St.Gallen). Und dieses Ringen um Zuneigung, Anerkennung, Bedeutung hält vor, ja bestimmt auch die drei Folge-Bände. Sie erscheinen in diesem biologischen Nach- einander nochmals in den 50er-Jahren.

Paul Ilg: Das Menschlein Matthias. Tetralogie. Hg. von Charles Linsmayer. Band 33 der «Reprinted»-Reihe. Huber Verlag Frauenfeld 2017, Fr. 59.–

Das ursprünglich zuerst erschienene Werkviertel, Lebensdrang, hatte eine andere Hauptfigur im Blick: Martin Link, wenige Jahre jünger als der Autor. Rekapituliert sind Ilgs Zürcher Erfahrungen – einerseits als «Kontorist» oder Sekretär, andererseits als Liebhaber und Kumpel. Da will einer, da muss einer arrivieren; wie der Autor in der Gesellschaft der Jahrhundertwende soll da «ein Ausserbürgerlicher» (Dora Gerber, 1948) im Figurenkreis des Romans zu Ansehen, Vermögen und Einfluss gelangen.

Ebendas versucht Ilg als Schriftsteller: Er gibt zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg Novellen, Dramen, Lyrik ans Licht, «Skizzen und Satiren», eine Offiziersgeschichte, einen Filmroman; er wird ins Französische, Italienische übersetzt, er erreicht Zweitauflagen. Der Schriftsteller wird namhaft, vermögend hingegen nicht, und er bleibt ruhelos, unverankert. 1957 stirbt Ilg in Romanshorn.

Vier Romane und 70 Seiten Biografie

Es war an der Zeit, Ilgs vierteiliges Hauptwerk so kompakt wie sorgfältig nochmals vorzulegen. Charles Linsmayer hat sich der Aufgabe angenommen, Huber (Imprint bei Orell Füssli) hat sich die Herausgabe aufgebürdet. 800 Seiten, 59 Franken. Das umfassende Nachwort, 70 Seiten, reich illustriert, bleibt so gut wie nichts schuldig. Falls Ilg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergessen gewesen wäre (Urteil Martin Sterns von 1981) – Linsmayers archivalische Umsicht, nicht zuletzt Neugier für den Lebensgang seines Autors, sowieso Kenntnis der Forschungslage und Literaturkritik schlagen das wieder wett. Ein besonderes Verdienst dünkt mich die historische Einbettung. Ob ein Fingerzeig auf Arnold Küblers vier Öppi-Romane extemporiert gewirkt hätte? Ob man Kürzungen und Veränderungen am Textkorpus der Erstausgaben nicht hätte anzeigen müssen?

Das Menschlein Matthias, Bühnenfassung von Markus Keller:
22. März, 19.30 Uhr, Kantonsbibliothek Frauenfeld

Über alles wichtig ist jedoch: Ilgs Tetralogie ist «reprinted» (so heisst Linsmayers Reihe). Die dritte Neuausgabe liegt vor, vier Romane in einem Band. In der heutigentags bekömmlichen, der Lebenschronologie entsprechenden Reihenfolge. Vom Roman gibt es zudem eine szenische Fassung, gespielt von Esther Leiggener und Oliver Daume; sie tourt gegenwärtig durch die Schweiz.

Grosse, verdiente Ehre im übrigen nicht nur für Paul Ilg, sondern auch für Herausgeber Charles Linsmayer: Er ist am 16. Februar mit dem Spezialpreis Vermittlung des Bundesamt für Kultur ausgezeichnet worden.

Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.

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