Im Mai 2010 steht die Historikerin Iris Blum zum ersten Mal im ausserrhodischen Stein vor einem riesigen Archiv-Konvolut. Es sind gegen 200 Bundesordner, prall gefüllt mit Briefen und Dokumenten. Dazu kommen Fotosammlungen, Museumsobjekte und einige Tondokumente sowie eine umfangreiche Bibliothek mit Büchern über Religionen, Geheimbünde, Mythologien, Heilkunde, Okkultismus, Magie und weitere esoterische oder kulturgeschichtliche Themen.
Es handelt sich um den Nachlass der 1945 gegründeten Psychosophischen Gesellschaft der Schweiz (PG), die seit 1952 bis zu ihrer Auflösung ihren Sitz als Abtei Thelema in der Liegenschaft Schedlern und ab 1966 zusätzlich im daneben gelegenen Haus zur Rose hat.
Mit dem Ziel, das Archiv zu ordnen und ein Buch darüber zu verfassen, taucht Iris Blum buchstäblich mit Haut und Haar in diese Arbeit ein: «Meine Kleider verraten nach der Arbeit in der Abtei einen Duft von Dachkammern und Kellerabteilen. Dieser Geruch hat sich ungefragt in das Links-Rechts-Muster meiner Wolljacke verstrickt. Auch in meinen Haaren hat er sich eingenistet, abgelagert auf meinem Körper.»
Sechs Jahre später ist das Archiv als Sammlung Collectio Magica et Occulta (CMO) in der Kantonsbibliothek AR in Trogen zugänglich. Und auch das Buch von Iris Blum liegt vor – unter dem Titel Mächtig geheim – Einblicke in die Psychosophische Gesellschaft 1945–2009.
Tempel, Hotel, Druckerei…
Was die Autorin auf 348 Seiten in 20 Lebensgeschichten von A bis W, in 18 Beschreibungen von Tätigkeitsfeldern, auf 51 Bildseiten, mit je einem Personen- und Begriffe-Glossar sowie in fünf persönlichen Berichten über ihre Arbeit vorstellt, ist eine ziemlich verrückte Geschichte. Sie beginnt mit dem 1919 in Zürich geborenen gelernten Bäcker/Konditor Hermann J. Metzger, genannt Bruder Paragamus, und seiner Ehefrau Rösly (Strickler). Als Ideengeber wirkt Felix L. Pinkus, Unternehmer, Schriftsteller und Theosoph, Vater des legendären kommunistischen Zürcher Buchhändlers und Verlegers Theo Pinkus.
Hermann J. Metzger, genannt Bruder Paragamus. (Bild: CMO)
Metzgers engste Verbündete sind Frauen, mit denen er – wie mit anderen auch – sexuelle Beziehungen unterhält: Annemarie Aeschbach (Schwester Chochmah), die mit ihrem geerbten Vermögen für die finanzielle Grundlage sorgt, Anita Borgert (Schwester Ainyahita), mit der er zwei uneheliche Söhne zeugt, und Anna Werder-Binder (Schwester Rhodanuba), Astrologin und Priesterin. Das erklärte Ziel der PG ist es, Menschen jeglicher Bildung mit Vorträgen und Kursen in der Erforschung der Weisheitslehren des Altertums und der Neuzeit auszubilden und sie für eine Mitgliedschaft zu interessieren.
Iris Blum: Mächtig geheim. Limmat Verlag, Zürich 2016, ca. Fr. 48.–
Buchvernissage: 4. November, 19.15 Uhr, Rathaus Trogen, Obergerichtssaal
Zum Programm der «Rose»: kulturhausrose.ch
Die Tätigkeiten der PG in der Abtei Thelema sind vielfältig. Dazu gehören: Vorträge, Tagungen und Treffen, gnostische Messen in eigener Kapelle, Aufbau eines esoterischen Museums und einer Bibliothek, Druckerei mit Verlag, Herausgabe der Zeitschrift «Oriflamme», Gasthaus und Hotel, Betreuung einer Wetterstation, Labor zur Herstellung von Heilmitteln und Elixieren. Angetrieben von Metzger übernimmt die PG als Dachverband und Trägerverein die administrative Betreuung des Schweizer Zweiges des Ordo Templi Orientis (O.T.O.), der auch mit dem Monte Verità verbunden ist, der Fraternitas Rosicruciana Antiqua (FRA), des Illuminaten-Ordens (IO) und der Gnostisch-Katholischen Kirche (GKK).
Skandal um «sexualmagische Praktiken»
Das langsame Ende der PG wird 1972 mit einem Skandalbericht in einer deutschen Boulevardzeitschrift eingeläutet. Darin werden ihr sexualmagische Praktiken und Okkultismus im Geiste von Aleister Crowley, dessen Schriften sie eifrig verlegt, vorgeworfen. So und nach ausgedehnten Prozessen im Ruf beschädigt, geht die PG in den Untergrund und agiert in den folgenden knapp 30 Jahren ihres Weiterbestehens nur noch im Stillen.
So sah es damals aus in der «Rose». (Bild: CMO)
1981 zieht der WWF mit seinem Ökozentrum in die «Rose» ein, später quartiert sich hier eine sozialpädagogische Wohngruppe ein. Annemarie Aeschbach führt die PG nach dem Tode Metzgers (1990) als ihr Oberhaupt auf Sparflamme weiter und harrt bis zu ihrem Ableben (2008) in Stein aus. Inzwischen ist die Liegenschaft verkauft und die Nachfolgestiftung aufgelöst. Seit 2011 veranstaltet die Veranstaltergruppe Kulturhaus Rose im ehemaligen Gasthaus regelmässig Konzerte.
Iris Blum ist ein informatives Buch gelungen, das nicht nur die Geschichte der PG aufrollt. Es vermittelt darüber hinaus Einblicke in die Subkultur der Geheimgesellschaften und den oft dubiosen Hintergrund der Esoterik ganz allgemein.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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