Eine Blume, die Stille symbolisiert. Dieses Gewächs dann als Parfüm zu konservieren, von dem bei Bedarf immer wieder eine Nase voll genommen werden kann. Diese Fantasievorstellung – ein Refrain-Fragment des Lieds A Perfume – ist sinnbildlich für das erste Album Compliments/Arguments der Rheintaler Band bordeaux lip.
Die fünf Musiker Neil Nein (Ex-Loreley & Me), Andrey Müller, Adrian Küng, Kenshj Savary und Lucas Giger geben sich darauf der Alltagsflucht hin. Compliments/Arguments klingt verschroben und kaputt, nur selten melodisch und eingängig. Die musikalische Reaktion der Band auf das Leben ist düster. «Das war halt unsere momentane Stimmung», sagt Neil.
bordeaux lip sind fünf Mitzwanziger, die im Rheintal aufgewachsen sind und sich gemeinsam gegen die Fasnachtstradition stemmten. Heute leben sie in St.Gallen, Zürich und Winterthur.
Seit zwei Jahren machen die Weinlippen in dieser Formation Musik. Ihr Bandraum in Altstätten zwischen einer Behinderteninstitution und einem Heim für schwererziehbare Mädchen sei eine inspirierende Umgebung.
bordeaux lip: fünf «Typen, die am Türsteher gescheitert sind» (Bild: zVg)
Selber beschreibt sich die Band in ihrer Bio als «Typen, die am Türsteher gescheitert sind und hinter dem Club betrunken rumlärmen, während die coolen Kids drinnen zum Chartsound sich selbst geniessen».
Dazu passt auch, dass die Band an Weihnachten auf Facebook ein Bild des Rappers Pitbull postete – einfach nur, weil sie kein besseres Bild gefunden haben. «Es gibt kein schmierigeres Grinsen, das besser dafür steht, was mich am Mainstream-Zirkus nervt», sagt Neil.
Aufpolierter Garage-Sound
«Anti-Garage» nennen bordeaux lip ihren Stil. Also Musik, die mit Garage-Attitüde gespielt, aber aufgeblasen und poppig produziert ist. Aufgenommen wurde im Studio 21 in Winterthur mit dem Produzenten Johannes Eberhard.
Der Opener Sappy beginnt mit viel Gitarrengeschrummel und der durchdringenden, teils verstörenden Stimme von Neil Nein. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizers sind gut aufeinander eingespielt.
bordeaux lip hat aber auch mit elektronischen Klängen experimentiert. «Wir haben Gläser, Ketten und andere Dinge – wenn ich mich richtig erinnere, sogar ein totes Tier – im Studio herumgeworfen und in die Beats eingebaut», erklärt Neil.
Viele Lieder von Compliments/Arguments haben eine lange Geschichte hinter sich. A Perfume, das fröhlichste und poppigste des ganzen Albums, hat Neil Nein als Teenager geschrieben und dann immer wieder verändert.
Das Cover des Albums zeigt eine Frau mit Rastas, die laut Nein Abstand, Ruhe und Einsamkeit symbolisiert. Eine Fantasiefigur brüllt die Frau an, der Hintergrund zeigt eine Ruine. Der Fotograf Felix Schönberg hat das Bild geschossen. In den Augen der Band symbolisiert es die gegensätzlichen Gefühle, mit denen alle kämpfen. Seien es sterbende Seefahrer (Loreley) oder die Ruhe (On the quiet), der Gegensatz wird mit Fantasiewelten thematisiert.
Der beste Song für die Band selbst ist Maybe Tomorrow, der sich mit verpassten Chancen und Zukunftsplänen befasst. «Andere Lieder kann ich schon gar nicht mehr hören», sagt Neil. Im Vergleich zu Loreley & Me, seinem früherem Projekt, klingt die Musik von bordeaux lip härter, mehr nach Rockband.
Trockene Liebesgedichte
Zwischen den einzelnen Titeln gibt es zwei Interludes. «Never less alone than when alone», verkündet eine Computerstimme. Die englisch rezitierten Gedichte, beide sehr romantisch, erscheinen durch diese Vortragsart plötzlich trocken und rational.
Im Hintergrund gibt es nerviges Pieps-Geräusch zu hören, das Weltraum-Assoziationen weckt. Zufällig hat die Band die Gedichte im Internet gefunden und mit einem Stimmübersetzter vertont. «Ich verstehe die Gedichte selbst nicht. Es gibt keine tiefere Botschaft», sagt Neil. Es sind Stücke, die niemand im Bus mit dem Kopfhörer hören will, so verstörend klingen sie – «die Ästhetik des Hässlichen», wie es die Band nennt.
Live: 4. März, Tankstell St.Gallen, 1. und 2. April, Sing&Play Festival, Flon St.Gallen.
Gegen Ende des Albums wird die Musik immer düsterer und gipfelt in ifeveryonesunique, das von fiktivem Drogenkonsum handelt. Diese zunehmende Düsterheit passt zum Konzept des Albums, zeigt aber auch, dass es in nur zwei Sessions aufgenommen wurde. Plötzlich ertönt die Stimme von Neil Nein tiefer: «Vielleicht habe ich da mehr geraucht und gesoffen», meint er.
Geradezu auflockernd sind die vier Remixes, die an das Album angehängt sind. bordeaux lip wollten ihre Songs auf ungewohnte Art umsetzen und haben dazu zwei Bekannte angefragt: Der amerikanische Produzent Slade Templeton hat zwei Stücke vertont und die garagigen Tracks zu elektronischen Klängen mit wuchtigen Beats verwandelt. Und Franz Schiepek hat aus Sappy ein weniger rohes, bluesigeres Lied gemacht.
Ganz am Schluss hat Neil selber einen Remix von A Perfume produziert. Als sich am Ende des Stücks die Stimme verzerrt und mit Pfeifgeräuschen mischt, ist die Musik mittreissend wie selten. Mittlerweile sei bereits ein Grossteil der Songs für ein zweites Album geschrieben, sagt Neil Nein. «Ich glaube, sie sind etwas glücklicher».
bordeaux lip: Compliments/Arguments. bordeauxlip.com, weareananas.com
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»