, 15. März 2017
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Es braucht neue, andere Erzählungen

Die Anlaufstelle für Rassismus Cabi gastiert in der Erfreulichen Universität. Den Auftakt machte am Dienstagabend Jovita dos Santos Pinto mit einem raren Thema: die Geschichte Schwarzer Frauen in der Schweiz.

Tilo Frey, die erste Schwarze Nationalrätin, neben Liselotte Spreng, beide gehören zu den ersten Frauen im Parlament.

Die Schweiz imaginiert sich noch immer als «weiss». So könnte die Quintessenz der unglaublich spannenden Arbeit der Historikerin Jovita dos Santos Pinto lauten, die in mehrerlei Hinsicht den Spuren Schwarzer Frauen in der Schweiz nachgeht. Dieses Imaginieren ist, wie man vom postkolonialen Philosophen Achille Mbembe lernen kann, immer ein deutliches Indiz für die bestehenden Machtverhältnisse. Wie sich diese im Raum des Sichtbaren und Sagbaren zeigen, demonstriert Pinto anhand dreier Frauen der schweizerischen Geschichte.

Rassismus, Geschlecht und Geschichte

Gemeinsam hatten diese wenig, ausser eben den rassistischen Zuschreibungen von aussen. Pinto beginnt mit der medialen Erzählung des ersten Schwarzen Nationalrats der Schweiz, Ricardo Lumengo, die so schlicht nicht stimmt, da schon 30 Jahre zuvor mit Tilo Frey ebenfalls aus dem Seeland eine Schwarze Nationalrätin im Parlament politisierte, deren Geschichte aber offenbar nahezu vergessen wurde.

Ein weiteres Vorurteil betrifft die vermeintliche Unsichtbarkeit Schwarzer Frauen in der Schweiz vor den 70er-Jahren, was in einem Land, das um die Jahrhundertwende als wichtige Drehscheibe für «Völkerschauen» fungierte, an Geschichtsklitterung grenzt. Unnötig zu betonen, wie falsch diese Vorstellung ist, vielsagend jedoch der Hinweis, dass die Quellenlage extrem prekär ist, dass nach wie vor wenige Forschungen zum Thema existieren – zu einem Thema notabene, das viel zu einem kritischeren Selbst-Verständnis der Alpenrepublik beitragen könnte.

Das Cabi organisiert noch zwei weitere Abende mit der Erfreulichen Universität im Palace: am nächsten Dienstag (21.3.) spricht der Soziologe und Religionswissenschaftler Oliver Wäckerlig zu Islamfeindlichkeit und «Vernetzung gegen ‹Islamisierung›» und eine Woche später (28.3.) der Journalist Hans Stutz zu rechtsextremen Bewegungen in der Schweiz.

Das Stichwort heisst Intersektionalität: die Erweiterung der Kritik politischer Ökonomie um die Kategorien «Rasse» und «Geschlecht» (und viele mehr). Dieser Import aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung betrifft den Rest der Welt genauso und verdeutlicht sich in den Erfahrungen Schwarzer Frauen auch in der Schweiz, die doppelte bis dreifache Herabwürdigungen erleben und erlebten: nämlich solche sexistischer und rassistischer Art, und ungeachtet dessen, häufig aber daraus folgend, solche klassistischer Art.

«Sei weiss wie eine Lilie»

Ein Beispiel gibt die Geschichte von Henriette Alexander (1817-1882), die in ihrer Autobiographie bemerkt, wie als junge Frau, wegen ihrer afrikanischen Herkunft, trotz ihrer Fähigkeiten niemand daran dachte, ihr einen Beruf zu lernen. Henriette Alexander war Deutsche und später Schweizerin, wurde aber als «Afrikanerin» wahrgenommen, was aufzeigt, wie Pinto betont, wie die Kategorie «Schwarz» in den Köpfen kaum mit den Kategorien «Schweizerin» oder «Deutsche» zusammen gingen: Es zeigt sich darin, um dies vorwegzunehmen, «Weissein» als «unbenannte schweizerische Strukturkategorie».

Nicht alle Afrikanerinnen sind schwarz, auch südlich der Sahara nicht, und nicht nicht alle Schwarze stammen aus Afrika, so Pinto in ihrem Essay Spuren – Eine Geschichte Schwarzer Frauen in der Schweiz. Es macht Sinn, die berühmte Figur Simone de Beauvoirs weiter zu entwickeln: Sie wurde nicht als Frau geboren, doch ist sie dazu gemacht worden, und: Man wird nicht Schwarz geboren, sondern wird – durch rassistische Strukturen, Zuschreibungen und Erlebnisse – dazu gemacht.

Die Historikerin Jovita dos Santos Pinto in Aktion.

Sicherlich nicht böse gemeint war der Rat von Tilo Freys Vater, sie solle «weiss sein wie eine Lilie», was sie bis hin zum schneeweissen, von der bürgerlichen Presse kritisierten Anzug versuchte zu befolgen. Die Zeilen, die heftige Beklemmung auslösen und eine*n würgen, so man sich vor Augen führt, was das heissen soll, haben der 2008 verstorbenen Politikerin laut eigener Aussage sehr geholfen. Was der ersten Schwarzen Nationalrätin ermöglichte, ernst genommen zu werden, stände dem Rest des Landes gut an, aufgearbeitet zu werden. «Unsichtbarkeit», «Tarnung» oder «Weiss sein wie eine Lilie» sind Figuren, die Schwarze Frauen noch heute bemühen müssen, um der (post-)kolonialen (S)Exotik rassistischer Zuschreibungen und Herabwürdigungen zu entgehen.

Was heisst Postkolonialismus?

Die älteste Geschichte, die Pinto aufgreift, ist die von Pauline Hippolyte Buisson aus dem 18. Jahrhundert, einer Tochter versklavter Menschen auf Sainte Domingue (heute Haiti), die von einem Offizier, der zur Niederschlagung der Sklavenaufstände da stationiert war, als Dienstfrau in die Schweiz geholt wurde. Ungeklärt war ihr bürgerrechtlicher Status, der zu einem Rechtsstreit führte, allerdings erst bei ihrem Sohn: Die Schweiz kannte keinen Sklavenstatus und doch wurde sie als «Eigentum» der Familie betrachtet.

Die überlieferten Beschreibungen zeugen von einer Entmenschlichung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Schwarzen Frau, die von Zeitgenossen als hypersexualisiertes, tugendloses «Material» bezeichnet wurde, da sie im Haus, worin sie arbeitete «einfach schwanger wurde».

Die einst äusserst populären Rassentheorien sind glücklicherweise nicht mehr so verbreitet und wären als derart hässliche Rhetorik auch justiziabel. Über Rassismus sind wir trotzdem wenig aufgeklärt. Ohne seriöse Aufarbeitung solcher, sich in diversen konstruierten Dichotomien zeigenden, zumeist narzisstisch-eurozentrischen Ideologien, wird der Rassismus im schweizerischen Alltag kaum- oder unwidersprochen fortbestehen. Aufarbeitung bedeutet zwar vor Allem Arbeit, die aber, wie die Doktorandin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung in Bern Jovita dos Santos Pinto eindrücklich beweist, auch ausserordentlich interessant ist.

Literatur:

– Dos Santos Pinto, Jovita: Spuren – Eine Geschichte Schwarzer Frauen in der Schweiz, in: Berlowitz, Shelley et al.: Terra incognita […], Limmat Verlag Zürich 2013

– Dos Santos Pinto, Jovita: «Literatur Schwarzer Autorinnen», Arttv.ch

– Mbembe, Achille: Kritik der Schwarzen Vernunft, Suhrkamp Berlin 2017

– Burke, Fork; Diarra, Myriam & Schutzbach, Franziska: «Der Blick der anderen, das ist entscheidend», WOZ 09/2017

– Surber, Kaspar: «Wo sind die Schwarzen Frauen?», WOZ 13/2013

Spricht sie vom Postkolonialismus, wird klar, wieviel diese Wissenschaften mit unserem Leben zu tun haben: «Der transatlantische Sklavenhandel, der europäische Imperialismus und der Kolonialismus werden in der postkolonialen Forschung als Kernstücke der Moderne angesehen, nicht als deren Randerscheinungen. Damit wird Kritik geübt an der Vorstellung, dass Europa abgekoppelt vom sogenannten Rest entstanden sei, und seine modernen Errungenschaften lediglich in die Peripherien hinausgetragen habe. Postkoloniale Kritiker*innen entlarven dabei ebenfalls einen eurozentrischen Mythos, nämlich dass Europa eine besondere Geschichte hat, an welcher alle anderen Gesellschaften gemessen werden können. Sie zeigen auf, dass der Mythos der Besonderheit und der Vorrangstellung Europas nicht nur die aussereuropäische Kolonialisierung legitimierte, sondern Europa erst als Einheit konstituierte».

Die Schweiz steht, wie die Vorlesung Pintos verdeutlicht, keineswegs ausserhalb dieses postkolonialen Verhältnisses, auch wenn sie das gerne hätte.

Geschützte Räume und neue Geschichtserzählungen

Der ungefragte Griff in die Haare, die öffentliche Frage nach Sex gegen Bezahlung, der Vergleich mit Tieren, und nicht zuletzt die eigentlich unbeantwortbare Frage «Woher kommst du?» (welche eine von Pinto befragte Frau mit «Ich bin die Heidi des 20. Jahrhunderts» beantwortet) zeugen von massivem «Alltags-»Rassismus, wie ihn Schwarze Frauen so häufig erleben und den Privilegierte (insb. weisse, heterosexuelle Männer) kaum kennen. Die Geschichten dieser Betroffenen sind unumgänglich, um ein realistisches Bild der Gesellschaft zu zeichnen, in der wir leben. Dass niemand besonders glücklich sein kann ob dieser Realität, unterstreicht die Wichtigkeit solcher Arbeit nochmals.

Was ist also zu tun? Wie damit umgehen, wenn diese Zuschreibungen und Übergriffe bereits einer neunjährigen Tochter gemacht werden, wie Eltern aus dem Publikum anfügen? Ohne erfreuliche Erfahrungen zu romantisieren, kann doch gesagt werden, dass zum Beispiel geschützte Räume Schwarzer Frauen einen wichtigen Unterschied machen können, dass solche Netzwerke diskursive Verschiebungen angehen können, Bewusstsein schaffen, Hilfe anbieten, und medial intervenieren können.

In den Wissenschaften und im Alltag erst recht geht es darum, wie Pinto resümiert, andere Erzählungen, und insbesondere andere Geschichtserzählungen zu finden, so es strukturelle Veränderungen geben soll. Dies ist ein langer Weg, wird aus dem Publikum bemerkt, die Arbeit beginnt aber jedenfalls der Prekarität angemessen: vorgestern.

Anlaufstellen/Projekte:
Bla*Sh – das Netzwerk von Schwarzen Frauen in der Deutschschweiz
Black Biel – Buchprojekt
Collectif Afro-Swiss Romandie / (oder Fb)

Und in St.Gallen:
Cabi – Antirassismus-Treff

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