Ein Glücksfall, aber nicht der Regelfall fürs Theater: Der Autor lebt noch und kann also Auskunft geben. So sass er denn an einem Dezembermorgen, rund sechs Wochen vor der Premiere, im Probesaal des Theaters St.Gallen an der Dürrenmattstrasse, im Kreis um ihn das Ensemble samt Inspizientin, Bühnenbauer, Souffleuse und Regisseur Tim Kramer: Jonas Lüscher, Jahrgang 1976, aus Bern stammend, in München wohnhaft, Drehbuchautor, Doktorand der Philosophie und Autor eines der meistdiskutierten Bücher der letzten Jahre: der Novelle Frühling der Barbaren.
Jonas Lüscher (rechts) im Gespräch mit Tim Kramer. Bild: Susi Kaden
Der Schweizer Fabrikerbe Preising gerät in einem tunesischen Luxus-Resort in eine Party junger Londoner Banker, während sich in England ein Bankencrash abzeichnet – und zur Katastrophe führt. Preising erlebt mit, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Das ist die «unerhörte Begebenheit», die Lüscher erzählt. Er tut dies in einer etwas altmodischen Sprache, die auf Distanz bleibt trotz der teils hyperrealistischen Details bis hin zur panischen Schlachtung eines Kamels und der Feuersbrunst, die am Ende das Hotelresort vernichtet. «So knapp und so betörend hat noch niemand von der Krise erzählt», schrieb die «Zeit».
Kino ja – aber Theater?
Breitleinwand, 007 in der Wüste, filmreifer Showdown – dass sich der Roman mit seinen heftigen Bildern aber auch fürs Sprechtheater eignet, daran hätte er selber nicht geglaubt, sagt Lüscher. Eine Filmadaption ist tatsächlich im Gespräch, vorerst ist der 120 Seiten knappe Bestseller auf Russisch, Weissrussisch und neustens auf Englisch erschienen, und mehrere Theater dramatisieren ihn, so Wiesbaden, wo Lüschers Frau Ulrike Arnold den Stoff in kleiner Besetzung inszeniert hat, und jetzt St.Gallen, wo ihn Tim Kramer am 9. Januar mit einem zehnköpfigen Ensemble auf die grosse Bühne bringt.
Kramer sagt: «Ich war auf Anhieb überzeugt, insbesondere von der narrativen Kraft, die aus der Geschichte spricht.» Dann erinnert er an ein eigenes Erlebnis, nicht in Tunesien, aber auf einem Markt in Marokko: Ein alter Erzähler scharte dort ein zahlreiches Publikum um sich und schlug es mit blossen Worten in seinen Bann. Diese Erzähler-Aufgabe kommt in St.Gallen Bruno Riedl zu: Er spielt den Preising, der einem Zuhörer (Marcus Schäfer) im Nachhinein von der Katastrophe berichtet.
Bruno Riedl (Erzähler), im Hintergrund Matthias Albold, Diana Dengler, Tim Kalhammer-Löw. Bild: Tine Edel
Ort dieser Rahmenhandlung ist eine Psychiatrische Klinik, wohin Preising nach seiner Rückkehr aus nicht näher erklärten Gründen gekommen ist – Lüscher deutet allerdings beim Ensemble-Gespräch an, dass er sie nicht als «Irrenhaus» sieht, sondern mindestens so sehr als Ort des Rückzugs in irren Zeiten. Hauptdarsteller Riedl bedankt sich beim Autor für die lebendige Figurenzeichnung, die den Spielern ausgezeichnetes «Material» biete. Das hat auch in Wiesbaden, wo am 13. Dezember die Uraufführung stattfand, Eindruck gemacht – zumindest der Rezensentin auf nachtkritik.de: «Der Text ist nun einmal dermassen gut, dass man leicht nachvollziehen kann, warum man ihn für die Bühne fruchtbar machen wollte.»
Gegen die Vorherrschaft des Quantitativen
Und er ist, nicht gerade die Regel für zeitgenössisches Theater, politisch. Das fängt an bei Preising, der als Schweizer die Kunst des Nicht-Handelns zur Perfektion entwickelt hat und am Ende, wenn auch knapp, noch einmal davonkommt. Und es führt hin bis zur gnadenlosen Analyse der Finanzkrise, des globalisierten Tourismus und der «barbarischen» Instinkte, die der Crash zum Vorschein bringt.
In dieser Hinsicht ähnelt die Anlage des Stücks dem vor zwei Jahren in St.Gallen gespielten Anti-WEF-Stück Das Ende vom Geld von Urs Widmer. Und es verlängert die Reihe wirtschaftskritischer Stücke, von Top Dogs bis zu Elfriede Jelineks Die Kontrakte des Kaufmanns. Im Schatten der HSG könne man als St.Galler Theater «entweder kuschen oder sich mit der Thematik auseinandersetzen», sagt Kramer beiläufig zu Lüscher.
Allerdings ist auf der letzten Seite die Rede von «dieser Geschichte, aus der sich nichts lernen liess». Lüscher wehrt sich damit, wie er lachend sagt, gegen die «hermeneutische Folter», die seinem Text drohe: dass man ihn vorschnell als «das Stück zur Krise» deute und damit einenge.
Die grössere Krise sieht Lüscher darin, dass das Erzählen vom Zählen verdrängt wird. Geschichtlich sei das seit jeher ein Hin und Her. «Unsere heutige Gesellschaft aber ist der quantitativen Blendung erlegen», diagnostiziert Lüscher und setzt auf die «Wiederkehr des Narrativen».Ob und wie sich die Barbarei auf der Bühne erzählen lässt: Nach der Premiere wird mans wissen.
Frühling der Barbaren, Premiere: Freitag 9. Januar, 19.30 Uhr, Theater St.Gallen, theatersg.ch.
Dieser Beitrag erschien im Januar-Heft von Saiten.
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