, 12. Mai 2017
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Lattich: Eine Stadt in Bewegung

Lattich, das temporäre Quartier auf dem Güterbahnhofareal, ist in seiner zweiten Saison eröffnet. Unzählige kamen und feierten, und es fühlte sich nach Aufbruch an.

«… aber etz simmer endlich emol bi öppis Grossem debii»: Man muss nicht gerade mit Stahlberger pathetisch werden, aber für Momente kommt das Gefühl auf, an diesem Donnerstagabend bei der Eröffnung des temporären Lattichquartiers auf dem Güterbahnhof-Areal: Da ist etwas in Gang gekommen, was die Stadt in Bewegung bringt, was die Leute zusammenbringt – und was das Zeug zur Veränderung hat. «Klimawandel», in einem übertragenen und rundum positiven, nachhaltigen Sinn.

Viele und immer mehr versammeln sich an diesem Abend auf dem Areal, zwischen der Backsteinhalle der SBB, die jetzt einfach «Halle» heisst und bis zum Herbst kulturell gefüllt wird, und den vorläufig fünf Containern, die draussen auf der Brache verteilt sind. Gabriela Falkner, Co-Präsidentin des Vereins Lattich, ist glücklich, alles hat geklappt, das Interesse ist gross, und eine Rede will sie auf keinen Fall halten: «Es geht um den Ort, nicht um uns.»

Vor der Lattich-Beiz bilden sich Schlangen, in den Bäumen am Rand des neuen Quartiers klettern die Kinder, die Beete des Heks-Gartenprojekts sind angesät, das Jugendsekretariat nimmt seinen Container in Beschlag, vis-à-vis wird die GBS-Fachklasse arbeiten, das Theater will am Sonntag mit dem Container-Programm starten, und der Musiker Roman Rutishauser lädt in den noch rohen Hyundai-Schiffscontainer ein, der hier zum «Container für Unerhörtes» werden soll.

Rutishauser hat dafür seine bisherigen Anstellung aufgegeben und begeistert sich: dass ausgerechnet in diesen Containern, diesen genormten Ungetümen im Lattich das Ungenormte und erst noch zu Entwickelnde Platz finden soll, findet er grossartig. Und dass an einer unauffälligen Stelle seines Containers mit Kreide asiatische Schriftzeichen stehen, gefällt ihm besonders: Nach 12 Jahren auf den Weltmeeren bringt der Container einen kosmopolitischen Geist nach St.Gallen.

Infos: lattich.ch

In der Halle sind Tobias Spori und Ann Katrin Cooper für das Kulturprogramm zuständig. Der Platz konnte um ein Mehrfaches erweitert werden, ein Flügel steht parat, Scheinwerfer strahlen, und Spori freut sich auf den ersten Auftretenden: den Stimmkünstler Christian Zehnder, der an Auffahrt die Halle zum Klingen bringen wird.

Brandschutztüren, günstig ersteigert, sind eingebaut, ein Zaun schützt die Besucher auf der Rampe, Notausgänge sind da und Toiletten: Der Lattich kann wuchern. Was auch immer hier ganz konkret passieren werde: Entscheidend sei, dass es passiert und dass der bisher vernachlässigte Ort als ein Gewinn für das Stadtleben wahrgenommen werde, sagt Hans-Ruedi Beck, Kenner der Stadtentwicklung rund um den St.Galler Bahnhof und Aktivist der ersten Stunde auf der anderen Seite: dem Tisch hinter den Gleisen am Bahnhof Nord.

Hier, am «Bahnhof Südwest», scheint an diesem Lattich-Eröffnungsabend der Gedanke absurd, dass das Areal in einigen Jahren zum Loch für einen hirnrissigen Autobahnzubringer werden soll.

 

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