Editorial
Wer einen Film machen möchte, der über zwei Millionen Franken kostet, der müsse die Schweiz verlassen, sagte kürzlich der Regisseur Peter Liechti. So viel Geld bekomme hier niemand für einen Film. Um überhaupt an Gelder zu kommen, habe man früher Pressekritiken vorweisen müssen, heute werde nach Besucherzahlen gefragt. Hört sich nach Publikumsdiktat an. Und danach, dass die Kulturförderung nur unterstützen mag, was gefällt. Aber: In keinem Land sei der Pro-Kopf-Film-Output so hoch wie in der Schweiz, weiss Liechti. Hat das durch die Feuilletons gezogene Buch "Der Kulturinfarkt" doch recht, wenn es untertitelt "Von allem zu viel und überall das Gleiche"?
"Saiten" fragt in den Kanton St.Gallen hinaus, wie es um die Förderung und die Kultur steht und hat durchaus Positives zu vermelden. Unter Kathrin Hilbers Regierungszeit wurden Kultursprünge gefordert, die dann zwar nicht möglich waren, aber stetige Kulturhüpfer haben den Kanton trotzdem aus seinem kulturellen Tiefschlaf wecken können. Auch die zwei Kulturjournalisten Peter Surber und Johannes Stieger nörgeln nur kurz; was in den letzten Jahren gegangen ist, ist doch erstaunlich. Muss man jetzt Angst vor dem nächsten Sparpaket haben? Kritisch bleiben die Blicke auf die Partypolitik, Kantimusicals und auch bezüglich des Stadt-Land-Gefälles. Am Ende plädiert Berthold Seliger eindringlich für die kleinen Veranstalter wie das Palace in St.Gallen, ohne sie gäbe es kaum musikalische Entdeckungen fürs Publikum. Aber lesen Sie selbst.
Andrea Kessler
In eigener Sache: Diese Maiausgabe war die letzte mit Johannes Stieger als Redaktor. Er hat "Saiten" in den letzten sechseinhalb Jahren geprägt und getragen, nun zieht es ihn weiter. Wir rufen ihm ein lautes "allerliebsten Dank" mit auf den Weg! Aber gottlob verlässt er uns nicht ganz; mit seiner unverwechselbaren, treffenden und mit einer gehörigen Portion schmunzelnden Stimme wird er als Schreibender weiterhin den Osten durchpflügen. Wir freuen uns drauf! Auch freuen wir uns auf seinen Nachfolger Peter Surber. Nach über zwanzigjähriger Tätigkeit für das "St.Galler Tagblatt" darf "Saiten" mit ihm einen der prägendsten Kulturjournalisten der Ostschweiz bei sich begrüssen. Ihm winken wir ein freudiges Hallo entgegen!
INHALTSVERZEICHNIS 05/2012
Reaktion.
Mass-Nahme – Die Letzte.
von Monika Slamanig
Bibliothek.
von Ralph Hug
Maag + Minetti.
von Keller & Kuhn
Mehrfach belichtet.
mit Daniel Ammann und Sabina Brunnschweiler
TITEL
Der St.Galler "Kultursprung" entpuppt sich als effizienter "Kulturhüpfer".
Aus Anlass des Rücktritts der Kulturministerin Kathrin Hilber, ein Aus- und Rückblick.
von Ralph Hug
Grösser, teurer, Kantimusical.
Kulturvermittlung an den Kantonsschulen und der Lotteriefonds.
von Andrea Kessler
"Lieber Herr Würth ..."
Gibt es in St.Gallen eine Partybewegung?
von Andreas Kneubühler
Fünf Fragen zum Sparen.
An Kathrin Meier vom Amt für Kultur.
von Johannes Stieger
Die Sorge gilt dem Publikum.
Gibt es noch ein Stadt-Land-Gefälle?
von Michael Hug
Orte nicht imperialer Kunst.
Über die Vorteile der Kleinen.
von Berthold Seliger
Bilder von Beni Bischof
THEMA
Rundflug. von Anna Rosenwasser, Daniela Vetsch Böhi, Heidi Eisenhut, Mathias Frei, Wendelin Brühwiler und Kurt Bracharz
38 Flaschenpost.
von Lika Nüssli aus Abu Dhabi
KULTUR
Musik. Die brillante Soap & Skin an der Grenze des Erträglichen.
von Reto Aschwanden
Kunst. Ficht Tanners Welt voller Intuition.
von Kristin Schmidt
Literatur. Der Pressefotograf Tomas van Houtryve blickt hinter die Vorhänge.
von Julian Sonderegger
Theater. Das neuste Stück des Aktionstheater Ensembles.
von Wolfgang Mörth
Tanz. Wo sind die Bühnen und Räume?
von Kristin Schmidt
Von der Rolle. von Anja Schulthess
Schaufenster.
Literatour. mit Florian Vetsch
Theaterland.
Forward.
Presswerk. von Anna Frei
KALENDER
Termine im Mai.
Charles Pfahlbauer jr.
Nr. 789. von Theres Senn
Saitenlinie