Kämpfe und Kekse – Ein Kultur-Inventar
September 2010

«Gerade in den Bereichen Bildung, Forschung, Kultur kann es nicht darum gehen, die Töpfe möglichst gleich zu verteilen, sondern darum, gestaltend zu agieren – das geht gerade verloren.» Die Aussage von Tim Kramer zur aktuellen Kulturpolitik («Hallo Neugier!», ab Seite 13) spricht vielen aus dem Herzen. Andere wiederum werden sich aufregen, weil sie um die Umsetzung ihrer Projekte bangen. Solange Kultur gefördert wird, werden die Diskussionen anhalten. Und sie muss gefördert werden. Demokratie bedeutet immer auch, Entscheidungen zu treffen; insofern sind Subventionen und Verteilschlüssel ein Teil der demokratischen Auseinandersetzung.
Viel wird über den Kulturbegriff nachgedacht, wie wäre es damit: Kultur ist es, wenn andere meinen, es besser zu wissen? Das mag wie ein billiger Witz tönen, wird aber durch die jüngeren Erfahrungen in St.Gallen gestützt. In der ersten Hälfte dieses Jahres rumorte es kräftig in St.Galler Kulturkreisen. Darf Kultur nicht ab und zu stören? – Zum Beispiel den politischen Betrieb? Oder den ruhigen Schlaf? Teilweise waren die Eruptionen kurz und heftig. Andere wiederum zeigen Wirkung. Da war zum einen die Einfache Anfrage der FDPPolitikerin Jennifer Deuel im Stadtparlament. Ihr liegen zu viele linke Zeitschriften im Konzertlokal Palace auf, ebenfalls zu links sei die Ausrichtung der Veranstaltungsreihe «Erfreuliche Universität» am selben Ort. Die Passage in der Antwort des Stadtrats, in welcher es um die Begrifflichkeit geht, kann als Aufforderung an alle Kulturschaffende verstanden werden, sich lautstark in laufende Diskussionen einzumischen:
«Im Sinne einer traditionell liberalen Praxis übt der Stadtrat hinsichtlich des Programms aller kulturellen Institutionen seit jeher grosse Zurückhaltung. Er respektiert die künstlerische Freiheit der Institutionen und greift nicht in die Programmgestaltung ein. Eine wichtige Funktion der Kultur ist die – durchaus auch kritische – Reflexion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Kultur und Politik ist deshalb schwierig. Gemäss Europarat ist Kultur ‹alles, was dem Individuum erlaubt, sich gegenüber der Welt, der Gesellschaft und auch gegenüber dem heimatlichen Erbe zurechtzufinden, alles das dazuführt, dass der Mensch seine Lage besser begreift, um sie unter Umständen verändern zu können›.» Gerade aber die erwähnte «traditionell liberale Praxis» stellt Tim Kramer in Frage. Grund ist die Polemik rund um das Projekt in Zusammenhang mit dem Mord an Lehrer Paul Spirig und die bis heute anhaltenden Erschütterungen. («Saiten» berichtete in der Juniausgabe): «Für mich zeigt sich darin eine grundlegende Krise des Liberalismus, die man hier in der Ostschweiz beispielhaft sehen kann.» Die Diskussion wird weiter gehen. Was für eine Rolle spielen dabei die Professionalisierung, die Ämter für Kultur, die Haltung der Kulturschaffenden? Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass Subventionen nicht nötig sind, damit sich Veranstalterinnen und Veranstalter verwirklichen, sondern um für die Gesellschaft notwendige Prozesse vorzuantreiben.

 

INHALTSVERZEICHNIS

Wege zur Erlösung. von Milo Rau

Meisterstück. von Christina Genova

Instantgeschichten. von Lika Nüssli, Monika Slamanig und Andrea Gerster

Mehrfach belichtet. mit Daniel Ammann und Kurt Bracharz

 

TITEL

Kämpfe und Kekse. Siebzehn Thesen zur Kultur.

Hallo Neugier! Tim Kramer, Direktor des Theaters St.Gallen, über die Lokremise, Liberalismus und produktive Unruheherde. von Bettina Kugler

In guten wie in schlechten Tagen. «Saiten» befragt die Kulturämter der Ostschweiz zur Zukunft der Förderung.

Offene Räume als Ausweg aus der Enge. Auf Stippvisite bei der jungen Kulturszene. von Johannes Stieger

Das «Independent»-Geschäft. Wie Agenturen und Konzertmanager abzocken. von Damian Hohl

Kulturmanagement rules. Die Hysterie der Professionalisierung. von Chrigel Fisch

 

THEMA

Rundflug. von Heidi Eisenhut, Kurt Bracharz, Mathias Frei, Daniela Vetsch Böhi, Wendelin Brühwiler und Meinrad Gschwend

Rorschach als Bühne. von Peter Müller

Ein Nachruf auf Gäbi Lutz. von Hanspeter Spörri

Ein Medienmonopol in der Ostschweiz? von Harry Rosenbaum

Flaschenpost. von Richard Butz aus Albanien

 

KULTUR

Musik. Winterthurs Hommage an Mozart. von Patricia Huber

Tanz. Gross angelegte Förderung des zeitgenössischen Tanzes. von Anita Grüneis

Kunst. Junge Sammlungen im Kunstmuseum. von Wolfgang Steiger

Ausstellung. Arthur Cravan in St.Gallen. von Martin Amstutz

Film. Der Traum von der Panamericana. von Andrea Kessler

Literatur. Das Kochbuch als Reisebericht. von Carola Kilga

Literatur. Tim Krohn für Kinder. von Florian Vetsch

Von der Rolle. von David Wegmüller

Literatour. mit Richard Butz

Presswerk. von René Sieber


KALENDER

Termine im September.

Charles Pfahlbauer jr.

D’Sueballä. von Lika Nüssli