
In kulturpessimistischen und geschwätzigen Runden in der Beiz oder im Feuilleton wird in regelmässigen Abständen darüber geklagt: die Liebesbeziehung, die Wohngemeinschaft, die Arbeitskollegen – alles nur noch Zweckgemeinschaften. Egoistische Ziele hätten die hehren Absichten verdrängt. In der Tat mag die Excel-Tabelle vielerorts die Kontrolle übernommen haben, aber so grundschlecht ist der Begriff der Zweckgemeinschaft bei angemessener Ausweitung seiner Bedeutung vielleicht gar nicht mal.
Zwischen Weihnachten und Neujahr machte sich die «Saiten»- Redaktion zusammen mit dem Autor Matthias Brenner in den Thurgau nach Müllheim auf. Das Ziel war aber nicht der bald fertige Palast vom Millionär, «Basler Zeitung»-Mitbesitzer und Demokratiebekämpfer Daniel Model. Wir waren vielmehr auf dem Weg, das Gegenmodell zu seiner Idee des elitären Freistaats «Avalon»» zu besichtigen: Eine ausgemusterte Fabrik, in der die verschiedensten Leute wohnen; Neonazis, Lärmforscher, Kantonsschullehrerinnen, Performance-Künstler, Gabelstapler-Fahrer und Punks. Gar von nächtlichen Hinterhofdeals, bei denen Köfferchen den Kofferraum wechseln, war vorab zu hören.
Wir wollten mehr wissen über dieses unbekannte und unkontrollierte Wohn-, Arbeits- und Kulturprojekt, das ohne Kulturmanagement auszukommen scheint. Brenner setzte sich, begleitet vom jungen Fotografen Elias Raschle, drei weitere Male in die S-Bahn. Er redete mit den Leuten, besuchte ihre Wohnungen und schrieb eine Reportage über diese ungewöhnliche Gemeinschaft. In fünf weiteren Artikeln berichten Experten und Expertinnen aus dem Innern spezieller Gefüge und klopfen diese auf ihre Zweckmässigkeit ab: in der Seilschaft, in der Band, in der betreuten Wohngemeinschaft, in der Exekutiven, im Dachsbau. – Die Wappen stammen aus der Feder der Illustratorin Lika Nüssli.
INHALTSVERZEICHNIS 02/2012
Reaktion.
Mass-Nahme. von Monika Slamanig
Mehrfach belichtet. mit Daniel Ammann und Bettina Kugler
TITEL
Viel Platz für noch mehr Raum im Nowhere Land. Wenn Punks neben Nazis und Performancekünstler neben Lehrerinnen wohnen – eine Reportage.
von Matthias Brenner
Die gefährlichste Seillänge des Lebens. Wie der passionierte Bergsteiger und Schriftsteller Emil Zopfi einen Kletterkameraden verlor.
Das Lied der Exekutive. Im Gemeinderat lernte Meinrad Gschwend, dass sich mit Fundamentalopposition kein Blumentopf gewinnen lässt.
Freund, Feind, Mutter. Bei Grappa diskutieren Thiemo Legatis und Severin Walz über das Gefüge ihrer Band.
Wohnen mit Gebrauchsanweisung. Cathrin und Ernesto hatten einen harzigen Start ins Erwachsenenleben.
Fotografien von Elias Raschle
Illustrationen von Lika Nüssli
THEMA
Rundflug.
von Mathias Frei, Wendelin Brühwiler, Kurt Bracharz, Daniela Vetsch Böhi, Meinrad Gschwend, Verena Schoch
Ein Kommentar zum «Zeitvorsorge»-Modell für Senioren.
von Rolf Bossart
Für Menschen mit Handicap werden Schwellen zu Barrikaden.
von Daniela Vetsch Böhi
Flaschenpost.
von Anna Frei und Andrea Thal aus Kairo
KULTUR
Musik. Sängerin Fatoumata Diawara bringt Frische in die westafrikanische Musik.
von Pius Frey
Literatur. Der St.Galler Steve Lindauer slummt in seinem neusten Buch in Gudalajara.
von Marcel Elsener
Kunst. Zu Besuch im Atelier von Silvia Bächli.
von Claire Hoffmann
Theater. Oliver Kühn bringt Ittingen zum brennen.
von Christina Genova
Film. Das Österreichische Filmschaffen ist radikal und kompromisslos.
von Geri Krebs
Von der Rolle. von Damian Hohl
Schaufenster.
Literatour. mit Florian Vetsch
Theaterland.
Forward.
Rewind.
Pressewerk. von René Sieber
Termine im Februar.
Charles Pfahlbauer jr.
Nr. 174. von Theres Senn