
«Wir können in der Ostschweiz eine zentrale Funktion übernehmen, und wir sehen auch, dass aus dieser Richtung der Kulturtourismus angestiegen ist». Das sagte Winterthurs Stadtpräsident Ernst Wohlwend kürzlich in einem Interview. Wie aus der Industriestadt eine Kulturstadt wurde, war das Thema des Gesprächs. Das Gespür für Fortschritt und Wachstum ist auch in der Kulturstadt Winterthur nicht abhanden gekommen. Schon wird in der Ostschweiz und im süddeutschen Raum verstärkt inseriert, und eine grössere Plakataktion ist am Laufen. «D'Schwiiz hört uf in Winterthur.» Den Spruch haben wir oft genug gehört. Und natürlich wissen wir, dass gemessen an den von der Pro Helvetia unterstützten Projekten die Ostschweiz ein beängstigend weisses Kulturfeld ist. Ein bisschen neidisch sind wir St.Gallerinnen und St.Galler schon. Winterthur muss eine Art Kultur-Schlaraffenland sein: 19 Museen sind auf der Internetseite der Stadt eingetragen, zwölf Institutionen zum Thema «Musik/Konzerte» oder acht Theaterhäuser. Und es kann nur Winterthur passieren, dass in einem Jahr gleich sechs Kulturinstitutionen ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Die Musikclubs Gaswerk, Kraftfeld und Salzhaus, das Programmkino Nische, die Kurzfilm- sowie die Lichtspieltage haben für den Herbst gemeinsame Festlichkeiten angekündigt. Anlass genug, endlich nachzufragen, was los ist in der Nachbarstadt.
Im 20. Jahrhundert war Winterthur die führende Schwerindustriestadt der Schweiz. Vor allem Sulzer, Rieter und die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik wuchsen und wuchsen. In den fünfziger und sechziger Jahren nahm die Bevölkerung explosionsartig zu. Und bis in die siebziger Jahre glaubten alle an den unendlichen Fortschritt. Bis erste Firmen Kurzarbeitszeit einführten. Es kam zu Entlassungen, bald zu Massenentlassungen. Heute beschäftigt Sulzer in Winterthur noch rund 600 Personen. Das sind vier Prozent der Angestellten zu Sulzers Spitzenzeiten. Die mächtigen Industriehallen wurden leer geräumt. Und plötzlich stand in Winterthur viel Raum zur Verfügung.
Im Septemberheft interessiert sich Saiten für die letzten zehn Jahre der Winterthurer Stadtgeschichte und will wissen, was von Sulzer, Rieter & Co. geblieben ist. Fotograf Florian Bachmann hat alte Aufnahmen von Industriebauten neu inszeniert. Und oft sehen sich die alten und die neuen Abbildungen verblüffend ähnlich. Geändert hat sich vor allem der Inhalt. Wo sich früher Arbeiter Schweiss von der Stirn wischten, wohnen heute schicke Familien mit Hauseingang durch die Tiefgarage. Andernorts fangen Besetzerinnen und Besetzer durchs Dach dringende Regentropfen auf. Statt der Maschinen tönen Bässe und Gitarrenverstärker. Und das schweizweit marktführende Unternehmen der Stadt gehört heute nicht mehr zur Stahlindustrie, sondern stellt Döner-Kegel her. Und wer nicht glauben will, wie bunt die Stadtbevölkerung geworden ist, stelle sich am Wochenende am besten in die Bierkurve zu den Fans des FCW.
Ausserdem