, 24. Januar 2017
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Mit Geschichten Generationen verbinden

«Es war einmal… – Grosseltern erzählen»: Die St.Galler Stadtbibliothek Katharinen hat am vergangenen Samstag eine Veranstaltungsreihe für Vorschulkinder gestartet, die ans alte Ofenbänklein erinnert und zugleich auch eine neue Form von Oral History ist.

Bruno Früh mit Enkelin im Lesezimmer. (Bild: Stadtbibliothek Katharinen)

Der 75-jährige pensionierte Sekundarlehrer Albert Rüesch erzählt die Geschichte vom kleinen Peppino und seinem Vater Pepe, der als Strassen-Fakir mit dem Verschlucken von Schwertern, Messern, Scherben und Nägeln das Brot für die beiden verdient. Eine Handvoll Kinder sitzt, begleitet von den Eltern, mucksmäuschenstill vor dem Erzähler.

Nach Bänkelsänger-Art macht Rüesch das Erzählte den kleinen Zuhörern immer wieder mit dem Vorzeigen bunter Illustrationen aus dem Buch, dem die Geschichte entnommen ist, auch optisch zugänglich. Augen leuchten, Münder stehen offen. Albert Rüesch hat sofort einen Draht zu den Kindern gefunden. Er hat den Peppino von Ursina Ziegler (Autorin) und Sita Jucker (Ilustratorin) schon seinen eigenen Enkeln erzählt und damit Erfolg gehabt.

Ausflug ins pralle Dorfleben

Als in Pepes Hals ein Nagel stecken bleibt, erreicht die Dramatik ihren Höhepunkt. Nur eine Operation im Spital kann jetzt noch helfen. Peppino bleibt allein auf der Strasse zurück.

Was nun, fragt sich der Bub? Er hat eine Idee. Mit bunten Stiften bemalt er die Strasse. Das Bild wird immer grösser. Es zeigt einen Dorfplatz, schliesslich das ganze Dorf und das pralle Leben darin. Die Leute bleiben stehen, staunen über die Arbeit des kleinen Künstlers und spenden Geld. Plötzlich jedoch fängt es an zu regnen, das Bild zerfliesst, und nach kurzer Zeit ist nichts mehr davon da.

Die Blumenverkäuferin Hortensia eilt mit ihren vielen Sträussen auf dem grossen Wagen herbei und schlägt dem Jungen vor, Vater Pepe im Spital zu besuchen. Das tun die beiden zusammen mit Hortensias Hund Tim. «Cara mia!», ruft Pepe und wird vor lauter Freude über die vielen Blumen und die anderen Geschenke augenblicklich wieder gesund.

Einweihungsfest fürs ganze Dorf

Pepe kann nun aber nicht mehr Schwerter und andere Dinge schlucken. Was nun? Womit soll er Geld verdienen und für seinen Jungen sorgen? Zum Glück hat die Blumenfrau eine Idee: «Kommt doch mit mir aufs grosse Blumenfest, ich kann Hilfe brauchen.»

Die drei fallen am grossen Blumenumzug einem Bauern auf. Er hat ein kleines, schon halb zerfallenes Häuschen auf seinem Grundstück. Aus Sympathie schenkt er es Pepe und Peppino. Sie machen sich sofort an die Instandstellung und veranstalten nach getaner Arbeit ein Einweihungsfest für das ganze Dorf.

Peppino drängt seinen Vater, doch die alte Zauberkiste hervorzuholen und seine Kunst der Illusionen beim Dorffest vorzuführen, wie er es vor dem Schlucken von Schwertern und anderen Dingen getan hatte. Pepe zögert. Er hatte doch so lange nicht mehr gezaubert, ob er das überhaupt noch kann?

Und wirklich, er kann es noch. Aus seinem Zylinder kommen Tauben, Hasen und andere wundersame Dinge. Pepe zeigt den Dorfkindern, wie all die grossen Illusionen schwups in die Welt kommen und hops wieder daraus verschwinden.

Vom Geschichten erzählen zum Erzählen von früher

Albert Rüesch fragt die Kinder, ob sie auch Tiere zu Hause hätten. Ein kleines Mädchen sagt: «Ja, vier Büsis!» und zählt alle mit Namen auf. Das Stichwort für Albert Rüesch, selber von den Katzen zu erzählen, die er als Kind zu Hause hatte.

Daraus wird eine neue, persönliche Geschichte  – über das Familienleben vor mehr als 60 Jahren; ohne Fernsehen, ohne Auto, aber mit grossem Garten und viel Gartenarbeit, auch für die Kinder.

Einiges ist für die kleinen Zuhörer fremd, weil es aus ihrem Leben verschwunden ist. Beispielsweise das Jäten in den Gartenbeeten. Albert Rüesch erklärt, dass früher alles, was keine Nutzpflanze war, ausgerupft wurde. Den Kindern eröffnet sich dadurch ein neues Zeitfenster, und Fragen tauchen auf – Oral History auf den Wandel des Alltäglichen heruntergebrochen.

Das Ziel: Generationen zusammenbringen

Mit der neuen Reihe will die Stadtbibliothek verschiedene Genrationen miteinander in Kontakt bringen. Das Konzept für die Vorschulkinder sei von der Stadtbibliothek selbst entwickelt worden, sagt Monika Enderli von der Abteilung «Mit Kindern leben/Leseanimation». Es lasse sich auch ausbauen für Kinder im Schulalter.

«Wir suchen noch Grosseltern als Erzählerinnen und Erzähler für die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe nach den Sommerferien», sagt Monika Enderli. «Es haben sich bereits Interessierte gemeldet. Bei Bedarf geben wir natürlich auch Tipps fürs kindergerechte Erzählen.»

Ausgangspunkt ist jeweils das Nacherzählen eines Kinderbuches, das die Grosseltern selbst wählen können und zu dem sie selbst eine Beziehung in ihrer Kindheit hatten – eben weil damals vielleicht die Grossmutter oder der Grossvater auf dem Ofenbänklein sitzend die Geschichte schon erzählt hatte.

Am 25. Februar 2017 wird die Reihe mit Christian Crottogini fortgesetzt, am 25. März 2017 mit Bruno Früh. Eingeladen sind Familien mit kleinen und grossen Kindern. Der Eintritt ist frei. Erzählungsfreudige Grosseltern melden sich bei Monika Enderli, Stadtbibliothek Katharinen: monika.enderli@stadt.sg.ch / 058 229 09 80.

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