Mit Samplern ist das so eine Sache: In der Regel gleichen sie Patchwork-Teppichen. Manchmal überraschen sie mit stimmigen Kombinationen (wie Trentemøllers Harbour Boat Trips zum Beispiel), oft genug aber sind sie ein willkürlicher Mix aus charttauglichem Gedöns (erinnern wir uns nur an The Dome oder die Bravo Hits – Volume 1 bis in alle Ewigkeit).
Nicht so das jüngste Kind von Niklaus Reichle aus St.Gallen und Ronny Hunger aus Zürich: La Suisse Primitive Volume 1 ist nicht einfach eine Compilation, die als diffuse Ansammlung von Statements im Regal steht, sondern ist erstens (und zum Glück) genre-bezogen und erinnert zweitens an jene Zeiten, als den Musik-Magazinen noch liebevoll zusammengestellte Sample-CDs beigelegt waren.
Zu lesen: Allerhand über Garage-Musik
Garage ist also das Thema. Im Innern der Plattenhülle sind kurze Essays und Texte aus allen Teilen der Schweiz (abgesehen vom Rätoromanischen) zu finden: Philipp Niederberger aus Zürich etwa schrieb eine Ode an den Garage-Punk, Damiano Dug Merzari aus Lugano listet seine persönlichen Best-Moments auf, etwa das Konzert von Thee Of Sees auf MDMA an der Kilbi, und Ronny Hunger – verantwortlich für das typografielastige, aber sehr gelungene Artwork – berichtet vom Leben als Veranstalter in seiner Stadt. Und Niklaus Reichle, La Suisse Primitive-Gründer und Mitinitiant der Compilation, geht der Entstehungsgeschichte seines St.Galler Labels nach.
Auf der Rückseite platziert er eine Art Editorial. Darin versucht er, einerseits dem Garage-Begriff nachzuspüren, und erklärt andererseits das Konzept der Platte bzw. wieso er sie realisieren wollte: um lose Fäden aus allerlei Garagen der Schweiz zusammenzufassen. Oder in seinen Worten: «In order to make a statement that there is something undeniably happening across Switzerland even though we don’t really have a clear idea of what it is. There were a few stable lines that kept a certain weak pattern together that was not easy noticeable at first sight, but when comparing concert programs and internet sites gets visible quite fast.»
Zu hören: schrammlig Kaputtes und Banjo spielende Rockabillys
Im Anschluss macht Reichle einen kleinen Exkurs in besagte Garagen – nach Bern, Luzern, Zürich, Genf, Lugano und natürlich St.Gallen. In Bern etwa sei einer der Pioniere der zeitgenössischen Garage-Szene zu finden, schreibt er: Beat Zeller, seit 1986 im Business. Auf der Platte sind gleich drei Bands aus der Bundesstadt vertreten: The Jackets mit You Better, The Shit mit Asshole, einem knackigen Track mit Refrain zum Mitbuchstabieren, und The Monsters mit ihrem schrammlig-kaputten Bumblee Bee, der so viel Spass macht, wie an der überbevölkerten Bushaltestelle in einen Gonten zu springen.
Für Zürich hat Fai Baba seine Garage geöffnet. Mit Who’s dead liefert er den passenden Einstieg zur B-Seite, erst driftend in der Sehnsucht, dann mit rassigem Gitarrensolo, einem ausgeprägten. Das passt zum Opener; Anatolia/Ghost Story von Mama Rosin. Das Trio aus Genf klingt wie die Banjo spielende Lieblingsband eines LSD-affinen Rockabillys. Macht Spass, auch wenn man nicht ganz alles vom Text versteht. Diesbezüglich punkten Adieu Gary Cooper, die anderen Romands. Ihr Si je parle dans mon sommeil, gehört ausserdem zu den folkigeren Nummern auf La Suisse Primitive Volume 1 und ist erst gegen Ende mit leichten Dissonanzen gespickt, die ihr etwas erlösend Alptraumhaftes verleihen.
Kaum zu hören: weibliche Stimmen
Frauen sind durchaus auch vertreten in oben genannten Bands, aber zu hören sind sie nicht wirklich – ausser bei den Jackets aus Bern. Auch bei den St.Gallern nicht, vertreten mit Les Chevaux Sauvages (Hey Little Girl), The Midnight Jerks (Gored) und Augenwasser. Sein Track, Raw Mickey Mouse Power, ist Teil der gleichnamigen EP von März 2014, der ersten Veröffentlichung von La Suisse Primitive und zugleich der letzte der Compilation. Ein rein instrumentaler, kleiner Exot vielleicht, der aber zum Opener passt, dank der klebrig verzerrten Gitarre.
Volume 1 von La Suisse Primitive klingt vielleicht nicht unbedingt neu, hat aber dennoch einiges zu bieten und ist nicht zuletzt sehr geeignet für Halli Galli und Kissenschlachten, sprich tanzbar.
Die englischen Texte dazu kann man als bevormundend empfinden, als Szene-Geschwafel oder überflüssige Grübelei abtun, sollte man aber nicht. Denn unter anderem kann man auch lernen: «GaragePunk is not a scene, because scenes are shit. Right, a real GaragePunk-Girl is interested in all kinds of music and picks out what she likes best.» Die Texte sind Ausdruck einer Haltung, eines mehrsprachigen Geistes. Versteht man sie als Momentaufnahme, kann man sich wunderbar darin vertiefen. Und die Compilation wird zum Soundtrack.
La Suisse Primitive: Volume 1, Vinyl, 12″, Fr. 24.– lasuisseprimitive.com
Release-Party mit Björn Magnusson & The Cold Fiction, Augenwasser, Shady & The Vamp, Batman und Wicked Wiggler: Freitag, 29. Januar, Palace St.Gallen
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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