Obwohl ich mich wie geheissen rechtwinklig verkrümmt und die rechte Kopfhälfte flach gen Himmel gedreht hatte, lief mir die grauschleimige Flüssigkeit immer wieder mal aus dem Ohr über die Wange bis zum Kinn, manche Tropfen schafften es bis zu den Lippen, eine wahrlich bittere Erfahrung. Ciproxin, Ohrensuspension, klägliches Träufeln gegen eine bösartige bakterielle Entzündung, die Folgen eines gewaltigen Ohrenpfropfens. Vielleicht hätte unsereiner besser hingehört, damals, als das Hinhören langsam zum Problem wurde. Aber natürlich passten verstopfte Ohren und trübe Augen bestens zu Apriltagen, in denen der Frühling einfach nicht kommen wollte, und stattdessen der Schneeregen ein grimmiges Comeback feierte. Nulltage mit Nullresultaten, auf Tvaunull verhandelten sie das Nulldrei und und Nullvier und das Nullsieben von Joe’s Nullenelf, das war so gar nicht wie auf der dauerhoppigen Zeitungsseite «Hopp KMU Tippspiel Sanktgallen»; noch nicht mal nullnull, aber das dafür auf den Strassen: null Leute, und wenn aus dem Nichts doch noch einer aufkreuzte, hatte er null Lust auf irgendwelchen Austausch.
Rundum nur Sachzwangsjackenbefehle
Kopf hoch, die alte Losung musste helfen, aber nur zum Ohrenträufeln. Und dann, ein wenig hirnen, weil Politik. Auch die: ein Nullsummenspiel, wie man so sagt. Nullnullnullnull. Zum Haarölsaufen. Sumpfbiber hatte mich gewarnt: Auch du, Charlie, wirst noch einige Kröten schlucken müssen, um diesen freisinnigen Frosch zu wählen. Okay, das Bild war schief, aber ich wusste, was er meinte. Diese Qualwahl! Aussichten für die Ostrandzone, die einer gallenstädtischen Parkgarageneinfahrt an einem ortstypischen Matschschneetag entsprachen. Gar nichts von Sanders-Bewegung und Feelthebern, sondern rundum nur Sachzwangsjackenbefehle von wegen Machmächlerjetzteinfach gegen das Tonischnüggeli – Augen zu und durch.
Ich tat mein Bestes: Küchentisch, Grüntee, Wahlzettel ausgepackt, Kugelschreiber hinterm Ohr, die Elster auf der Tanne vor dem Fenster grinste nur blöd. Kröten schlucken? Frosch fressen? Ist doch ein Lieber, flöteten alle. Bei allem Würgen – es wollte einfach nicht gehen. Ich tigerte vom Kühlschrank zum Vorratskämmerchen, ich stemmte die verstaubten Hanteln, ich schattenboxte gegen das Kleinere Übel und sortierte trübe Tassen. Ich kam nicht weiter, jede Ablenkung war willkommen, ich zappte durch die Kanäle und landete wieder nur auf Tvaunull, sein Personal fesselt immer ungemein, und erst recht die Gäste: dieses Mal wars ein Tübacher Elvis-Imitator, ein Held aus Disneyland im 3000fränkigen 70er-Elvisanzug, der in einer schummrigen Konzertbeiz in unserer Siedlung am Grossen Pfahlbauersee einen Marathon singen wollte. So weit sind wir gekommen. Love me tender, I wanna be your Teddybär.
I wanna be your vacuum cleaner
Ich stellte ab und legte John Cooper Clarke auf: I wanna be your vacuum cleaner, I wanna be yours. Wollte ich, konnte ich aber nicht, bei dieser Qualwahl. Ich liess Zündhölzer abbrennen, warf Dartpfeile auf die visierten Köpfe und ging sogar in den Hanggarten, um Rossschneckenkandidaten entscheiden zu lassen. Schliesslich legte ich mich aufs Nagelbrett, schluckte viermal leer und – ächz, ähm – wählte dann doch den grundehrlichen Chancenlosen, der mir nach all den Anläufen irgendwie leid tat. Sorry, Sumpfbiber, sorry Braunauge, sorry all die Pfahlgenossen, die mir das Krötenschlucken so innig ans Herz gelegt hatten. Es könnte mir noch leid tun, ich müsste damit leben.
Kein Wunder suchten mich nachts höllische Träume heim, in der schlimmsten Sequenz war ich eingesperrt in der Bad Ragazer Babyfabrik, «HW Baby Center, das grösste Babycenter der Schweiz direkt an der Autobahn mit über 70000 Artikeln für Mutter, Vater, Kind und Baby», ich kroch unter Tausenden schreiender Babies, die meisten davon fett und feucht, kein Entkommen, ein schweisstreibender Alptraum, die Fernsehwerbung hatte offenbar ihre Wirkung getan. Oh je. Vermutlich ist jetzt, da Sie das lesen, doch noch alles gut geworden. Muss ja, wie die Oma sagt. Die Elster auf meiner Tanne grinst nur.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.