  | Datenklau ist anderswo |
| 03.02.2010, 00:48 Uhr |
| Nachdem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die gestohlenen Bankkundendaten aus der Schweiz kaufen will, soll deutschen Anlegern und Anlegerinnen der kalte Schweiss auf die Stirn treten. Das wollen anonyme Schweizer Banker laut Zeitungsberichten beobachtet haben.
Wie es den betuchten Deutschen wirklich geht, wollten wir von jenen wissen, die professionell mit ihrem Vermögen zu tun haben, weil sie es auf Schweizer Konten parkieren. Was sagen Vermögensanlageberater beim Bankhaus Jungholz an der St. Galler Poststrasse? - Da ist niemand zuständig für die Kommentierung der Kundenbefindlichkeit, erfahren wir sehr bald und werden in der Angelegenheit ans Stammhaus in Jungholz verwiesen.
Die rund 300 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Tiroler Gemeinde auf den kaum sieben Quadratkilometern Alpengrund liegt verkehrstechnisch im österreichischen Heimatland etwas ungünstig. Auf der Strasse ist das Banken-Dorf (vier Geldinstitute im Ort) nur über Bayern - also deutsches Staatsgebiet - erreichbar. Die Allgäuer Exklave auf über tausend Meter Meereshöhe blieb von der schnöden Behandlung durch die Geografie ziemlich unbeeindruckt und hat sich in den letzten Jahren erfolgreich als Finanzplatz, mit Spezialität Vermögensanlage, etabliert.
"Unter der Dachmarke Bankhaus Jungholz bündelt die Raiffeisenbank Reutte ihr Vermögensanlage-Geschäft", heisst es in der Selbstdarstellung. - Reutte ist der Bezirk zu dem das Dorf Jungholz gehört.
Da Österreich ein ähnlich strenges Bankgeheimnis hat wie die Schweiz und Deutschland eher ein gläsernes, aber viele reiche Leute in dem grossen Land wohnen, lag es nahe, mit dem Bankhaus Jungholz auch Swiss Banking zu betreiben. 2001 wurde in St. Gallen zu diesem Zweck das Geldinstitut mit den Granitsteinen vor der Türe eröffnet. "Das Angebot richtet sich primär an deutsche Kunden", heisst es im Unternehmensporträt weiter.
Wie ergeht es nun diesem Zielpublikum in Zeiten des Bankkundendaten-Stehlens und der staatlichen Hehlerei mit der brisanten Ware? Die nicht unbegüterten Mitmenschen (unter 100'000 Franken eröffnet Jungholz kein Anlagekonto) wissen ja überhaupt nicht, ob sie dereinst als geklaute Datensätze vom Schäuble käuflich erworben und dann unter dem Vorwurf der Steuerkriminalität in die Mangel genommen werden. - Genügt ein hoch spezialisiertes Team für Private Banking und Direct Broking noch um eine derart arg gebeutelte Kundschaft seelisch aufzufangen? Oder braucht es da bereits ein auf Steuerhinterzieher ausgerichtetes Care Team?
Nachdem wir uns in dieser Besorgtheit an das Bankhaus gewandt haben, kommt denn auch prompt die Mail aus Jungholz, worin mitgeteilt wird, dass in Absprache mit der Geschäftsleitung die Vorkommnisse nach aussen nicht kommentiert würden.
Jesses! Am Ende nimmt man den Schäuble in Jungholz gar nicht ernst, weil er Rollstuhlfahrer und nicht wie sein Amtsvorgänger Peer Steinbrück Kavallerist ist.
Ganz so scheint es denn aber auch nicht zu sein. Beim Bankhaus Jungholz in St. Gallen weiss man inzwischen: Schwarzgeld parkieren und über den Fiskus in Deutschland lachen ist nicht mehr drin. Und das Care Team gibts wirklich. - "Der einfache Weg zurück in die Steuerehrlichkeit" lautet der Titel einer seiner aktuellen Kundenbroschüren. Sie hat schon beinahe einen Sekten-Touch. Man könnte die Schrift aber auch als die Soft-Version der ausreitenden Kavallerie betrachten, die den Indianern Schiss macht. - "Das Bankgeheimnis wird voraussichtlich in Zukunft keinen ausreichenden Schutz mehr in Steuerangelegeheiten bieten", steht da geschrieben. Und weiter heisst es: "Anleger mit nicht korrekt versteuertem Auslandsvermögen sollten jetzt über die nachträgliche Richtigstellung nachdenken und damit völlig straffrei Versäumtes nachholen."
Das Konspirative bleibt weiterhin Teil der Geschäftspolitik des Bankhauses. Die persönlichen Daten der Kunden werden nach Angaben des Geldinstituts nicht in einem Grossrechner abgespeichert, sondern in schriftlicher Form aufbewahrt. Zum Security-Bereich hätten nur sehr wenige, speziell ausgebildete Mitarbeiter Zutritt. - Anstatt eine CD-ROM bräuchte ein Datendieb also eine MINOX-Spionagekamera. Und seit die in Aktion war, sind mehr als siebzig Jahre verstrichen. Entsprechend schwer einen solchen Apparat heute aufzutreiben und entsprechend klein auch das Risiko, dass jemand Kundendaten beim Bankhaus Jungholz abknipst und an eine Regierung verhökert. |
| Politik Harry Rosenbaum
1 Kommentar |
| | Mitreden |
| | | | 01 | Hansdampf, Mittwoch, 3. Februar 2010, 10:36
Spannend sind für einmal die Zahlen. Auf der Diskette, die ja vom Genfer HSBC-Ableger stammen soll, sollen sich 1500 Namen mit einem geschätzten (hinterzogenen) deutschen Steuervolumen von rund 100 Millionen Franken (oder Euro oder was auch immer) befinden. 1500 Steuerflüchtlinge also alleine bei dieser "Genfer Zwergbank". Wie viele wären es wohl, wenn UBS oder CS ihre Datenbanken offen legten. Wohl Zehn- oder Hunderttausende mit abgezügelten Steuergeldern von mehreren Milliarden Franken (oder Euro oder was auch immer). Und nun stelle man sich vor, deutsche Banken (oder französische, serbische oder was auch immer für Banken) kämen in die Schweiz und böten die gleichen "Dienstleistungen" an wie die Schweizer Banken in Deutschland, also rundum Verwöhnservice für Steuerbetrüger, mitsamt organisiertem Geld-Transport über die Grenze. Wie würde es da wohl aus Schweizer Kehlen tönen? Es scheint, dass wir den Banken (und dem Finanzplatz) Kadavergehorsam schulden. Angefangen bei den milliardenschweren Goldgeschäften im 2. Weltkrieg bis heute. "Switzerland - The heart of darkness" titelte jüngst eine britische Zeitung. Sie trifft mit ihrem Urteil ins Schwarze. Wir reden nun über Steuerfluchtgelder - was, wenn dann auch einmal die Konten der (Drogen)Mafia und aller Despoten dieser Welt ins Zentrum rücken? Wetten, dass "unser Finanzplatz" auch diesbezüglich an der Spitze liegt. |
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