Der Prozess. J. F. A(ustria)
14.03.2009, 18:22 Uhr

In Österreich gibt es einen Job, den keiner freiwillig je her gäbe. Auch nicht für eine Frühpension mit 19 Jahren. Es ist der Job eines Landeshauptmannes. Da sind sich alle einig: Simply the best. Dieser Job ist ein Synonym für die sprichwörtliche “Win-Win-Situation”, man hat das, was beim Mühlespiel als “Figge-Mühle” bezeichnet wird: Mit jedem Zug ist Mühle.

Ein Landeshauptmann hebt in seinem Bundesland keine Steuern ein, das macht der Bund, das Schwein. (Sprich: Wien) Ein Landeshauptmann verteilt aber das Geld, das er vom Bund bekommt, und wer brav ist, bekommt auch was. Der Bund ist sozusagen die “Bad-Bank”.

“Die Großkopferten in Wien, die alles verscheißen und uns, liebe Niederösterreicher und Innen, nicht das zukommen lassen, was uns zusteht. Da spüts oba Granada!”

Und im Reich des wohl begnadetsten “Landeskaisers”, im Pröllencounty, wo der Pröllen Erwin auch schon mal Straßen sperren lässt, wenn er mit einem bis obenhin vollgedopten Radsportler radeln will, gibt es ein schmuckes Städtchen, das heißt St.Pölten. Ich kenne St.Pölten. Der Zug hält immer dort.

Aber ab nächster Woche, wird die Hauptstadt von Pröllencounty in der ganzen Welt, sozusagen in der “Mega-bad-bank” einen klingenden Namen haben. Warum?

Weil am Montag der Prozess gegen Josef F. beginnt. Der Prozess jenes Josef F., der - von seinen Mitmenschen als sympathischen Zeitgenossen geschildert - 24 Jahre lang seine Tochter im Keller seines Hauses eingesperrt, und sich dort tausende Male an ihr vergangen und 7 Kinder gezeugt hat.

Josef F. ist geständig. Trotz der Ungeheuerlichkeit der Tat, wäre der Fall für die Jusitiz bei dieser stringenten Beweislage und einem geständigen Täter, ein eher kurzer Prozess. Aber die Justiz möchte das nicht.

Das Interesse am Prozess ist überbordend. Journalisten aus aller Welt. Ein Cateringzelt wurde errichtet, Gerichtspraktikant/Innen fungieren als freundliche Guides, und dem Vernehmen nach, soll es auch koscheres Essen geben. Das könnte für St. Pölten ein Novum sein.

Im Fernsehen werden zufrieden feixende Hoteliers interviewt: “Ja, ja, wir sind seit Wochen restlos ausgebucht!”

Die 8 Geschworenen werden vermutlich die ganze Zeit unter Polizeischutz stehen, da die freie Presse es sich nicht nehmen lassen wird, auf diejenigen einzudringen, die die Sache auch mit bekommen. Denn der Prozess findet unter Öffentlichkeitsausschluss statt.

Es gibt im Lande noch ein paar Spielverderber, die die Meinung äußern, dass die Justiz hierzulande eigentlich nur noch ShowCharakter ausweist, und sie sich nahtlos an das geile Gewäsch des Boulevards anschmiegt. Fürwahr, diesen Einddruck habe ich auch. A bisserl, halt. Wobei die Justiz dann schon wieder zeigen kann, wo der Barthel der Most holt, wenn es darum geht, Beamte freizusprechen, die wieder mal einen Bürger ohne Not irgendwie zu Tode gebracht haben.

In Großbritannien hat ein ähnlich gelagerter Fall die Gerichte veranlasst (zum Schutze der Opfer vor dem Boulevard), unter Androhung von Millionenstrafen und Gefängnis, eine Bildsperre & das Veröffenlichungsverbot intimer Details zu verhängen, und auch zu exukutieren. So etwas hätte man hier auch tun können. Aber der Boulevard würde Zensur verorten. Das geht natürlich nicht.

Wir alle wissen, wie die Sache mit Josef F. ausgehen wird. Und ich ahne langsam auch, wie die Sache mit diesem Land ausgehen wird. Es braucht dazu keinen Blick in die Kristallkugel. Ein Blick nach Süden genügt. Faschisten, Bürgerwehren, die Medien geknebelt und/oder gekauft, das Volk mit Holiduliü verblödet, resigniert und stumpfaggressiv.

Vielleicht noch 5-6 Jahre.

Außer… Ach, vergessen wir’s, und freuen uns doch einfach, dass die Hoteliers, die Gastronomie in St. Pölten einen schönen Reibach macht. Dank Josef F. Nicht wahr? Jetzt isch eh scho wurscht…

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01 Hansdampf, Sonntag, 15. März 2009, 00:28

In der Tat «eh scho wurscht»?
Wobei der Boulevard inzwischen breit und fett durch die Redaktionsstuben (heisst heute wohl: Newsdesks) ehedem seriöser Tageszeitungen molocht. Von vielen Online-Plattformen ganz zu schweigen. Alle Aufmerksamkeit den Durchgeknallten. Fehlt nur noch eine Castingshow für den potentiellen Amokläufer. Ist es wirklich "eh scho wurscht"?
02 Sonntagsmigräne, Sonntag, 15. März 2009, 14:39

Wir warten eh aufs nächste Monster, das kann es noch nicht gewesen sein, Kombination von Kellerfritz und Kugeltim, also wild schiessender Inzestgrüsel, demnächst in ihrer Zeitung.
03 Regula, Sonntag, 15. März 2009, 15:06

ist zynismus das einzige was euch bleibt?
04 hansdampf, Montag, 16. März 2009, 10:43

Mit Zynismus wird bestimmt kein Problem gelöst. Da hat Regula recht. Ich vermisse einfach die dringend notwendige Mediendebatte. Zumindest bei den Amokläufen ist es meines Erachtens logisch, dass jede grosse Berichterstattung über solche Tragödien weitere nach sich zieht. Über Selbstmorde wird genau aus diesem Grund von der Polizei nur in den seltensten Fällen informiert, und die Medien akzeptieren diese Regelung (noch). Amoktäter fühlen sich in den meisten Fällen bedeutungs- und nutzlos. Dies in einer Zeit, wo "berühmt sein" – und eben nicht nur Warholes Viertelstunde – für ganze Generationen eines der erstrebenswertesten Ziele ist (Castingshows, Reality-TV, etc.). Mit dem voyeuristischen Ausschlachten einer Amoktat geben die Medien dem Täter so ein Profil und einen Namen, der über Jahre hinaus "bekannt" bleiben wird. (Wie hiess schon wieder der Mann, der im Zuger Parlament ein Blutbad anrichtete?) Ein Amoklauf wie letzte Woche in Süddeutschland oder die psychopathischen Taten eines Einzelnen sind für die betroffene Region ein unbeschreibliches Trauma. Für den Rest der Welt würde an sich eine knappe Nachricht genügen. Die Betroffenheits-Nummer vieler Medien zieht jedenfalls nicht mehr. Ich kann nicht wirklich Anteil nehmen aufgrund von TV-, Zeitungs- oder Online-Berichten, die so schnell als möglich Bilder (noch besser Videos) einer Schreckenstat publizieren wollen und wie Geier zu Hunderten in trauernde Dörfer und Städte einfallen. Es ist z.B. kaum vorstellbar, was in St. Gallen (medial) passiert wäre, wenn die Turnhalle im Riethüsli während des Unterrichts eingestürzt wäre...Wir sollten anstelle der oftmals geheuchelten Anteilnahme besser wieder einmal die Rolle der Medien im so genannten Informationszeitalter hinterfragen. Und sehr genau darauf achten, was wir von diesen Medien zum Konsum, bzw. Verzehr vorgesetzt bekommen.


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