Schon eigenartig die Stunden vor einer Premiere.
Ob man will oder nicht, ob die Rolle groß oder klein ist, ein Premierentag ist stets etwas Besonderes. Ich bin heute aufgewacht, ruhig und entspannt: "Premiere! Na endlich. Wird auch höchste Zeit!“ habe ich mir gedacht.
Und dann, zwischen Frühstückskaffee und Premierengeschenke basteln, schleicht sich klammheimlich das Fieber ein. Mittlerweile flirrt die Magengrube. Das Adrenalin pumpt. Der Atem ist kurz und flach.
„Mein Herz schlägt britisch präzise. Wenn auch etwas beschleunigt.“ sagt Mrs. Umney in „Das Gespenst von Canterville“. Und so schlägt auch meine Pumpe. Ich versuche cool zu bleiben, fokussiert. Was kann schon passieren? Schlimmstenfalls Blackouts, vollkommene Leere im Kopf. Wie war noch mal der Text? Was muss ich sagen? Oder den Auftritt verpassen, die Requisiten vergessen. Oder ein Zuschauer steht auf und schreit mich an: "Was für ein Scheiß!!"
In solchen Momenten frage ich mich, warum ich mir diese ganze Aufregung eigentlich antue. Warum finde ich meine Glückseligkeit nicht als Schneiderin. Das wollte ich doch mit 13 werden. Es gibt sogar ein Foto, wo ich mit 2 Jahren, das Meterband um den Hals, im Strickkorb meiner Mutter wühle. Aber nein, es musste die Schauspielerei sein.
Aber dann passiert es immer wieder. Manchmal dauert es nur ein paar Sekunden. Aber wenn der Funke überspringt, wird die ganze Arbeit und Unsicherheit belohnt.
Wenn das Ensemble ohne Eitelkeit zusammenspielt, wenn sich jeder auf jeden verlassen kann, wenn ich weiß, mein Spielpartner hält mich fest im Arm und lässt mich nicht los, er mir zur richtigen Zeit das richtige Stichwort gibt, wenn der Techniker im richtigen Moment das Bühnenbild dreht, wenn meine Garderobiere Rosalina mir hilft in einer Minute das Kostüm zu wechseln, dann wird es magisch und der ganze Bunker hebt sich für ein paar Millimeter.
Eigenartig, jetzt, wo ich mir mein Lampenfieber von der Seele geschrieben habe, bin ich ruhiger. Die Vorfreude überwiegt jetzt sogar.
Dann geh ich mal los.
In die Maske.
Ins Kostüm.
In die Höhle des Löwen.
Heute im Theater St. Gallen um 14:00 Uhr Premiere von "Das Gespenst von Canterville" |