Die Max-Göldi-Soap
14.06.2010, 19:50 Uhr
So, jetzt wissen wirs und erst noch aus berufenem Mund. "Die Schweiz hat Freunde, viele Freunde", hat die Aussenministerin Micheline Calmy-Rey mit unwiderstehlichem Charme den Kameras und Mikrofonen der Weltmedien anvertraut. Und um Gewissheit über diese ungemein beruhigende Tatsache zu erhalten, bedurfte es einer eigentlichen Gefühlsbombe: der Max-Göldi-Soap. Auf SF1 und anderen Sendern während Monaten ein Quotenrenner.
Unsere Freunde - das sei hier mit aller Deutlichkeit vermerkt - sind u. a. der gekrönte König von Spanien, Juan Carlos, und der (noch) nicht gekrönte König von Italien, Silvio Berlusconi. Nicht zu vergessen die Deutschen, die zu Freunden in der Libyen-Affäre geworden sind. Eigentlich hat man das gar nicht so erwarten dürfen, weil wir den Deutschen ja bis vor kurzem mächtig auf den Kecks gegangen sind, wegen unserer steuerfreien Ausländerliebe. Man erinnere sich nur an die US-Kavallerie, die Herr Steinbrück vor gar nicht so langer Zeit vorbeizuschicken drohte.
Jetzt aber können wir alles vergessen, Steuer-Piraterie und UBS-Apokalypse. Man hat uns nämlich wieder lieb, und um das zu zeigen sind auch alle (fast alle) ins Zelt des Herrn Gaddafi sen. gepilgert. Dort haben sie dann das ganze Kasperletheater nochmals angeschaut.
1. Szene: Gaddafi jun. verprügelt zwei Hausangestellte. Diese gehen zur Genfer Polizei, eine Anzeige machen.
2. Szene: Die Genfer Polizei überprüft, ob der Schläger auch wirklich nicht Harry, der Prinz von England ist. Nein, es ist eindeutig Gaddafi jun.! Also kann man auch etwas unternehmen, entscheidet die Genfer Polizei und fährt das ganze Programm aus. Einen aus dem Gaddafi-Clan kann man schliesslich nicht jeden Tag auf den Grill werfen und durchbraten. Also, mit zwanzig Mann und vollem Waffensortiment ausrücken und die Hotelsuite stürmen. Gaddafi jun. samt seiner schwangeren Frau hops nehmen und dann marsch in die Zelle für zwei Tage. Damit es auch alle sehen, dass man mit den Gaddafis in Genf nicht lange fackelt, subito eine Fotoserie von der Verhaftung in der Zeitung abdrucken.
3. Szene: Max Göldi, Länderchef beim Technologiekonzern ABB, ist in Libyen eingereist. Er war schon mehrere Male geschäftlich im Land. Bei jedem Arbeitsaufenthalt müsste er eigentlich um eine Arbeitsbewilligung nachsuchen, so wollen es die Visabestimmungen nun mal. Das ist aber ein langes und enervierendes Prozedere. Also macht es Göldi wie alle anderen Geschäftsleute auch: Er kommt mit einem Touristenvisum, die Arbeitsbewilligung wird er dann schon irgendwie erhalten. Bisher hatte der Wüstenstaat nie Probleme gemacht, wenn man bei der Einreise etwas schummelte.
4. Szene: ABB und Max Göldi wissen, Gaddafi sen. ist ein Diktator. Aber was solls; deswegen kann man ja nicht dasselbe machen wie man es mit anderen Diktaturen z. B. dem Sudan oder Burma tat, nämlich aus politischen Gründen die geschäftlichen Beziehungen abbrechen. Nein, nein, das geht mit Libyen nicht: Nach den weltweit aufgehobenen Sanktionen hat Libyen nämlich einen grossen industriellen Nachholbedarf. Gaddafi-Land ist ein lukrativer Wachstumsmarkt. Das Stromnetz modernisieren und Kraftwerke bauen soll ABB. Wer lässt schon solche Aufträge sausen, Politik hin oder her.
5. Szene: Bei der Genfer Polizei ist man stolz, einen vom Gaddafi-Clan mal so in die Mangel genommen zu haben. Gaddafi sen. indes tobt zu Hause ob der Schmach des Sohnes. Den Bundesrat schert das vorerst wenig. Eine Genfer Angelegenheit, denkt der Magistrat. Die sollen das regeln, wenn überhaupt.
6. Szene: Die Medien sehen das anders, aber nur weil sich mit dem Göldi Max und seinem tunesisch-schweizerischen Kompatriot Rachid Hamdani, den die Gaddafi-Leute ebenfalls wegen Visavergehen hereingenommen haben, eine super Boulevard-Geschichte abzuzeichnen beginnt. Da muss jetzt der Staat ran und seine Bürger aus den Fangarmen der Gaddafi-Krake befreien. Eine Telenovela, die das wirkliche Leben schreibt, die Spannung auf hohem Niveau verspricht, weil sie abwechslungsweise auch in der Schweizer Botschaft in Tripolis spielt und auf beiden Seiten hochdramatische verbale Ausbrüche provoziert. - Didier Burkhalter, der nachmalige Bundesrat, sagte am Anfang der Libyen-Affäre als Mitglied der ständerätlichen Sicherheitskommission im Zeitungsinterview, die Schweiz wäre durchaus in der Lage, ein Detachement Soldaten zu Gaddafi zu schicken, um die beiden Geiseln heimzuholen. Dies bewirkte in Libyen kurzfristig die Verlegung der Festgehaltenen an einen geheimen Ort. Gaddafi sen. hat dann auch noch der Welt seinen Plan offenbart, die Schweiz zu zerschlagen und an Frankreich, Italien und Deutschland zu verschenken. - Stillose Zeiten: Ein gewisser Herr Steinbrück (Möchtegern-Kavallerist), hat sich mit gedrechselt-scharfen Worten bis vor kurzem redlich den Hass der Alpennation verdient. Heute kennt ihn aber kaum mehr jemand im Land, weil der hochstilisierte Gaddafi - Revolutionsführer auf Lebzeiten - besser eine mediale Hasskampagne in der Schweiz bedient als ein spröder Deutscher, der eine oder vielleicht auch zwei Amtsperioden absitzt.
7. Szene: Montag, 14. Juni, morgens 01.30 Uhr; Göldi Max, der Märtyrer, setzt zur Landung in Zürich-Kloten an. Die vier Monate Strafverbüssung in Libyen - bei fast täglichem Zellen-Besuchen durch einen Vertreter der Schweizer Botschaft - sind um.
8. Szene und Abspann: Am Rand des Flughafens Zürich-Kloten gibt es ein Gefängnis. Unter seinen Insassen und Insassinnen sind Leute, die ebenfalls gegen Visabestimmungen verstossen haben; in diesem Fall aber schweizerische. Menschen, die man hierzulande nicht kennt, deren Namen von keinem Medium verbreitet werden, die höchstens als Teil einer Statistik irgendwo anonym aufscheinen; sie werden ausgeschafft. Im Gegensatz zu Göldi Max wehren sich ein paar dagegen. Bei diesem Widerstand sind auch schon einige gestorben. - Sie hatten in diesem Land keine Freunde, wahrscheinlich nicht einen einzigen, Frau Calmy-Rey.
  Politik      Harry Rosenbaum
  2 Kommentare
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01 anaximander, Dienstag, 15. Juni 2010, 11:39

Einziger Schwachpunkt: Göldi hat nicht gegen die Visabestimmungen Libyens verstoßen.
02 yves baumann, Dienstag, 15. Juni 2010, 12:56

Hat er doch! Siehe: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Schweizer-Geiseln-haben-libysche-Visumspflicht-tatsaechlich-verletzt/story/31076428


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