  | Die witzige Seite des Grauens |
| 18.11.2008, 16:25 Uhr |
| Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen will mit seiner aktuellen Sonderausstellung "Kälte, Hunger, Heimweh" bis am 13. September 2009 über den Überlebenskampf deutscher, ausländischer und freiwilliger Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehöriger in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zwischen 1941 und 1956 informieren. Es wird eigentlich nichts gezeigt, was man nicht auch schon weiss. Beispielsweise von der Tatsache, dass rund 2000 Schweizer und Auslandschweizer für Hitler in der Wehrmacht oder der Waffen-SS gekämpft haben und eine nicht bekannte Zahl dieser Leute in sowjetische Gefangenschaft geraten ist. Das aber wird nur ganz am Rande erwähnt. Die Ausstellung will keine politische sein.Sie fokussiert einzig das Überleben hinter dem Stacheldraht und blendet die Kriegsgreuel und Verantwortlichkeiten aus. Natürlich, auch Kriegsgefangenschaft kann ein Teil des Grauens sein und war es sicher für Tausende in den sowjetischen Camps, wo es meistens am Notwendigsten für das Überleben bei 50 Grad minus fehlte. Jedoch Kriegsgefangene (mit Überlebenswille) sind zäh, einfallsreich und bisweilen sogar witzig. - Wie schafft man Ersatz für Essbesteck, das man nicht hat - oder Schuhe, die in der Eishölle fehlen? Die Gefangenen haben gewusst wie. Und die Exponate, die einen Teil solcher Überlebens-Basteleien zeigen, sind aus der Sicht der AusstellungsbesucherInnen sogar höchst amüsant. Das ging bei der Vernissage am Freitag denn auch so weit, dass ehemalige Kriegsgefangene aus diesen Lagern den Einstimmungs-Apero - Borscht in Konservendosen mit einem Holzlöffel gereicht - absolut toll fanden und ihn in der Erinnerung an die Haft richtiggehend schmausten.Man hats überlebt und das Grauen liegt nun doch schon 60 Jahre zurück, was trotzdem am tieferen Sinn einer solcher Ausstellungen zweifeln lässt. Auch Auschwitz - das hier in keinen Vergleich mit den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern gestellt werden soll - liegt 60 Jahre zurück und einige haben sogar das überlebt. Bis jetzt gab es noch keine spezielle Ausstellung über den individuellen Überlebenskampf in diesem KZ. - Was wird sein, wenn es dereinst doch eine solche geben sollte - und in welcher "Erinnerungs-Form" wird der Apero gereicht? In Auschwtiz standen bekannterweise Gaskammern und Krematorien. |
| Museen / Kunst Harry Rosenbaum
1 Kommentar |
| | Mitreden |
| | | | 01 | Anna, Samstag, 1. August 2009, 18:59
Danke für den Beitrag, der Artikel im Saiten hatte mich sehr nachdenklich gestimmt. Ein Freund, der die Ausstellung ebenfalls gesehen hat, hatte mir sehr ähnliche Gedanken schon vorher erzählt. Ich habe mir erlaubt, einiges in meinem nzz campus Blog zu zitieren, ich hoffe, das ist in Ordnung!Herzliche GrüsseAnna |
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