  | Feierabend |
| 26.05.2009, 20:36 Uhr |
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In St.Gallen ist es fast dreissig Grad heiss. Der FCSG feiert den Aufstieg am Samstag zu Hause. Der Extrazug nach Lugano ist längst ohne mich abgefahren. – Es gibt kaum Gründe, sich diese unbedeutende letzte Auswärtspartie im tropischen Tessin anzusehen. Also erfinden wir einen Anlass: Wir gönnen uns zum Saison-Abschluss ein lustiges, entspanntes Feierabend-Reisli über die Alpen. Zunächst läuft alles nach Plan; saftige Wiesen und Schneegipfel hinter Thusis, Gewitter-Stimmung am Rheinwaldhorn, einsame Kappellen im Misox. Kaum Verkehr, hin und wieder ein Kleinbus mit SG-Nummernschildern und grünweissen Fahnen. Unser Chauffeur schwärmt für St.Pauli und ich freu mich darüber, denn vielleicht könnten wir von den Hamburgern lernen, wie man Fussballbegeisterung mit klaren politischen Grundsätzen lebt. Unser Gespräch dreht sich darum, ob dieser Traum von Fankultur auch in St.Gallen möglich ist. Wie kann man im Fussball Herz und Hirn kurzschliessen und dumpfen Gewalt- und Machtdemonstrationen einen lebendigen, witzigen und friedlichen Support entgegensetzen? Die Ernüchterung folgt bald: Freunde berichten vom unfreundlichen Polizei-Empfang am Bahnhof in Lugano, von der verordneten Fahrt in überhitzten Bussen, die endlos in der Sonne warten und von Prügeln für jene, die aus dem Bus hinaus an die frische Luft wollen. Als wir vor dem Stadion eintreffen, ist die Stimmung der grünweissen Supporter am Boden. Ein riesiges Polizeiaufgebot bewacht die Menge vor dem viel zu engen Eingang. Es ist heiss wie in der Sahara und einer schleppt einen Sixpack mit Wasser für seine Freunde an. Einzelne gehen gelassen um mit der Anspannung, setzen sich in eine schattige Ecke des Parkplatzes und warten, bis der Weg ins Stadion frei ist. Und wieder ist die Frage da: Wie könnte ein Kurve auf diese Provokation anders reagieren als mit wütenden Beschimpfungen der Sicherheitskräfte? Wie könnten St.Galler Sicherheits-Verantwortliche den Einheimischen im Voraus verständlich machen, dass die Eingangskontrolle nicht für hundert sondern für tausend Leute vorbereitet werden muss. Der Auftritt unserer B-Mannschaft ist willig, aber bescheiden. Vor dem Eingang kurvt ein Reinigungsfahrzeug herum und wischt den Abfall zusammen. Dann gehen wir kurz vor der Pause glücklich in Führung. Einer bemerkt, dass es hier weniger Vögel hat als im Espenmoos. Es riecht intensiv nach Lindenblust. Am Hang flackert eine rote Leuchtschrift: BRE. In der zweiten Hälfte dreht der FC Lugano das Spiel um, der Ball zirkuliert elegant und bald stehts 2:1. Auf der Laufbahn vor uns steht ein einsamer Sicherheitsmann in beigem Hemd und brauner Hose, halbhohen Leder-Stiefeln und schwarzen Handschuhen. Mit dem gelben Stern auf der Brust wirkt der Mann wie die Karikatur eines lateinamerikanischen Drogenpolizisten. Unsere Mannschaft kann nicht mehr reagieren. Einer neben mir wirft das Programmheft entnervt weg. Unsere Kurve singt: „Nati B – Lugano ist dabei!“ und „Alles ausser SG ist scheisse!“. Nun erwischt mich selbst der Koller und ich versende düstere Nachrichten: „Schaue Silhouette an. Rieche Luft. Was kommt?“ – Die prompte Antwort holt mich schnell zurück in die Realität: „Ist erst Frühling. Zu früh für Melancholie. Wahrscheinlich Hunger. Iss was!“ |
| Challenge Tour 08/09 Daniel Kehl
1 Kommentar |
| | Mitreden |
| | | | 01 | Stefan Tschirky, Dienstag, 23. Juni 2009, 17:50
..... ja, sehr treffend beschrieben, und es war sehr heiss, offenbar zu heiss auch für einige Lugano Tifosi !Es muss an der Hitze gelegen haben sonst hätten einige sogenannte Fans und nicht noch auf dem Heimweg beim Stadion angespukt und uns mit Füssen ins Auto getreten !Leider gibt es immer wieder solche Chaoten überall die einfach nur darauf aus sind Randale zu machen, schade für den Fussball ! |
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