| Gestern war Premiere. Über die schreibe ich heute nicht. Vielmehr geistert mir seit ein paar Wochen folgende Frage durch den Kopf: Für wen spiele ich? Folgend eine Erklärung, und warum mich das beschäftigt.
Mir ist nun schon zwei Mal in Kritiken der ungefähre Wortlaut begegnet, der Zuschauerraum sei nur deshalb voll, weil er mit Schulklassen aufgefüllt werde. Einmal im «Südkurier» zur Premiere von Romeo und Julia, und vor kurzem im «Tagblatt» anlässlich der zweiten Seifenoper im Palace. Und unlängst gab es Beschwerden von Zuschauern, weil Schüler laut waren. Und da werde ich dann stutzig. Warum? Weil es irgendwie einen komischen Beigeschmack hinterlässt, dass Jugendliche oder Kinder im Theater entweder stören oder sowieso nur kreischen und johlen, weil unkritisch, weil mit Klamauk zu kriegen, weil sowieso uninteressiert, weil nicht 3-D Brille (ist übrigens ein unzulässiges Argument, weil echten Menschen zuschauen immer in 3-D, ausser bei Pirat mit Augenklappe) und weil und weil nicht und überhaupt. Die sollten doch lieber ins Weihnachtsmärchen, Kinderstück oder Jugendstück im Studio gehen, weil sie da auch eine Botschaft kriegen, Stichwort Bildungsauftrag. Wenn sie später gross sind und sich benehmen, dürfen sie dann bei den Abonnenten sitzen. Da werd ich dann - wie gesagt - stutzig. Und jetzt breche ich mal eine Lanze für dieses stark unterschätzte Publikum.
Liebes Bildungsbürgertum, die ihr ins Theater geht: Achtung, Achtung. Ihr werdet weniger. Klingt hart, ist aber so. Ihr braucht nur den Fernseher einzuschalten und findet die Beweise. Früher hiess es, oh, Bildung wichtig, Unterhaltung mit Niveau und Message, deshalb Barbapapas, Kasperltheater, gemeinsames Bücherlesen und am Sonntag tschechische Märchenfilme. Heute heisst es, Pinkelfleck bei DSDS, Exposed, Cheaters, Mitten im Leben (oder: echte Familien beim echten Kollaps, ich fühl mich gut; weil denen gehts schlecht), oder um es auf einen Nenner zu bringen: Bohlen Dieter. DAS ist der Untergang des Abendlandes, nicht die Moslems, und nicht die Chinesen. Und genau deshalb bin ich über jeden jungen Zuschauer glücklich. Weil die könnten auch oben genanntes gucken. Keine Ahnung, ob von der Schule gezwungen oder freiwillig, aber sie sind da. Und das Tolle: Sie reagieren. Jawohl, und zwar in alle Richtungen, positiv wie negativ. Wenn ihnen langweilig wird, schlafen sie nicht ein, sondern werden unruhig. Dann spürt man sie und fängt an, um sie zu kämpfen. Sie fürchten sich, wenn das Gespenst von Canterville auftritt, und lachen in der nächsten Sekunde, weil der Geist vor sich selbst erschrickt. Sie johlen, wenn Mercutio Benvolio vögelt, und weinen, wenn Romeo und Julia sterben. Und ja, manchmal stören sie, oder kotzen ins Klo, weil betrunken, weil Adventszeit, weil Weihnachtsmartkpunsch schon am Vormittag ausgeschenkt wird.
Aber da muss man durch, sonst sitzen wir bald allein im selbst gezimmerten Elfenbeinturm, und erzählen uns gegenseitig im Nachtprogramm auf Arte, warum Theater immer noch Gültigkeit besitzt.
Und deshalb, um auf die Frage zu antworten, für wen ich nun eigentlich spiele, für Kritiker und klassisch gebildete Theatergeher oder für junge Menschen, die sich manchmal daneben benehmen, bin ich bei letzteren. Weil sie mir sofort mitteilen, ob sie es gut oder schlecht finden. Weil sie sich in der Dunkelheit eines anonymen Zuschauerraums trauen, emotional zu reagieren. Sich also damit auseinandersetzen. Weil man die eben nicht unterschätzen darf. Schon der Zukunft wegen. |