| Vor La Neuveville fährt der Intercity-Zug im Schritt-Tempo dem Bielersee entlang. Der Drachen eines Wassersportlers hat sich in der Fahrleitung verfangen. Es ist die erste Überraschung auf einer Reise an ein Auswärtsspiel mit weiteren besonderen Momenten: In Neuenburg füttern Eltern und Kinder grosszügig eine Schar von dreissig Schwänen mit hartem Brot aus einem grossen Sack, der sich den langen Winter über angesammelt hat. In der lebendigen Innenstadt sitzen Hunderte entspannt in den windgeschützten Strassencafés an der Sonne. An der Coop-Kasse kauft sich eine Frau acht Bierdosen, gibt vier wieder zurück, weil das Geld nicht reicht, findet schliesslich irgendwo im Portemonnaie ein paar Rappen und nimmt doch noch eine fünfte Dose. Die Kassiererin reagiert gelassen und charmant. Neuenburg ist heiter und entspannt. Von Fussball redet kein Mensch. Diese Partie an diesem Ort dürfte es eigentlich nicht geben: Heimspiele sind im Heimstadion auszutragen. Aber bei La Chaux-de-Fonds ist alles ein wenig anders. Zwar wurden dort jahrelang Titel und Trophäen erkämpft in den goldenen Zeiten nach dem Krieg und ich habe nie davon gehört, dass die Schnee- und Kälte-erprobte Jura-Stadt zwischen Dezember und April ein Fussballverbot kannte. Denn gerade den Gästen aus der anderen Schnee-Stadt der Schweiz ist ein bisschen Weiss auf dem Rasen absolut zumutbar, im Gegenteil: Auf Schnee hat der FCSG unvergessliche Siege gegen übermächtige Gegner errungen; ja, wir lieben Fussball auf Schnee! Statt auf die legendäre eisige Charrière auf 1000 Metern geht’s hinaus zum Kunstrasen über dem Einkaufszentrum Maladière. Je näher wir dem Stadion kommen auf dem Uferweg, desto weniger Leute sind dort unterwegs. Zu hören sind einzig die Gesänge der grünweissen Fankurve, sonst begegnen wir nur der Leere des Raums. Von 15 Kassenhäuschen ist eines geöffnet. Es gibt ein Einheitsticket für 25 Franken. Es ist eine einzige Tribüne zugänglich und hinter dem Getränkestand tummeln sich mehr Leute als davor. Es ist lächerlich, aber wahr: Die Maladière fasst zwölftausend Zuschauer und heute verlieren sich 708 Nasen darin, davon sicher fünfhundert in Grünweiss. Das ist ein Geisterspiel. – So stehts wirklich um den Schweizer Fussball: Hinter der künstlich geschürten permanenten Begeisterung rund um die Nati, die drei Spitzenklubs und den FC St.Gallen folgt das totale Desinteresse, das kein Werber mehr wegzuplappern vermag. Der FC La-Chaux-de-Fonds interessiert nicht mehr, denn die Herzen der Einheimischen schlagen für die Eishockey-Stars, die gerade vor zehntausend Zuschauern gegen Lausanne gewonnen haben. Nur: Noch immer gibt es auf Seite der Gelbblauen ein paar letzte, aber feurige Anhänger. Die Eltern des jungen Alic, der in der 24. Minute eingewechselt wird, halten jede Bewegung ihres Sohns mit der Video-Kamera fest und kritisieren den Schiedsrichter lautstark. Und das macht den hässlichen, von Machtkämpfen und Geldexzessen verseuchten Fussball so faszinierend: Plötzlich wendet sich das Blatt. Der vermeintliche Sieger – Trainer Forte enerviert sich in feinem Tuch immer lauter und heftiger über die eigene Mannschaft, die von Minute zu Minute an Ruhe und Sicherheit verliert. Dagegen erstarkt der Underdog aus dem Schnee und sein Junior Alic, auf dessen Trikot der Name des Vorgängers nur schnell mit schäbigem Klebband überdeckt wurde. Dürrenmatt, der im Wald oberhalb der Maladière zu Hause war, hätte sich bestens amüsiert über die Cleverness und den Witz der Chaux-de-Fonniers. Schreckliche Schwäche vortäuschen, den Gegner überheblich und nachlässig werden lassen und dann ganz ruhig zwei Bälle ins Tor einschieben zum Ausgleich. Den Schlusspunkt des grotesken Ausflugs liefert allerdings der Neuenburger Bahnhofvorstand. Nachdem eine Knallpetarde den Bahnhof erschüttert hat, blendet er auf der Anzeigetafel über dem Extrazug nach St.Gallen folgenden Kommentar ein: Départ, 20.35, Neuchâtel – Saint Gall, Train militaire. |