| Innert vier Tagen zwei Mal ans andere Ende der Schweiz! Das lässt die Herzen der grünweissen Fussballfans höher schlagen, denn hinter dem Röstigraben taucht man ein in eine andere, exotische Fussballwelt, wo einen die Menschen noch mit offenen Armen empfangen. Ja, Nyon ist ein wirklich gastfreundlicher Ort. Im Vorfeld zweifelte man daran, befürchtete gar, der Klub sei vielleicht nur ein seelenloses Anhängsel der UEFA, die aus Imagegründen ganz gezielt einen biederen, bescheidenen Fussballklub direkt vor den Toren ihres Hauptsitzes installiert habe als Zeichen ihrer Volksnähe, Integrität und Solidarität. Dann schnappe ich unglaubliche Geschichten auf von FCSG-Fanvertretern, die in höchsten Tönen schwärmen von der Freundlichkeit der einheimischen Verantwortlichen. Diese hätten ihnen immer wieder telefoniert und eine Stadtführung vorgeschlagen, eine Weissweindegustation und auch eine Führung durch das UEFA-Gebäude. Ausserdem sei der Anpfiff so angesetzt worden, dass möglichst viele Gäste aus der Ostschweiz anreisen können. Die Vertreter von Stade Nyonnais rechneten dabei mit dreissig oder vierzig Gästen. Sie wurden dann darüber aufgeklärt, dass ihre wohlgemeinten Programmvorschläge für die angekündigten drei- bis vierhundert grünweissen Supporter leider nicht ganz geeignet wären. Als Fussballfan erlebt man Tage, wo sich Spiel und Stimmung auf den Rängen richtig gut anfühlen, wo alles passieren könnte und man wäre noch immer dankbar darüber, überhaupt dabei sein zu dürfen. So ist es im Stade de Colovray, wo ein einsamer Angestellter in einem einzigen Kassenhäuschen vor einer Hecke auf Gäste wartet und jeden einzelnen von ihnen herzlich begrüsst. Im grosszügigen Gästesektor findet jeder einen Platz, wo er sich wohlfühlt: Manche legen sich auf die Blumenwiese, andere stehen keine drei Meter von der Cornerfahne entfernt, hören, wie die Spieler miteinander reden, und flüstern dem ehemaligen Star Massimo Lombardo zu: «Hast du noch immer die schönsten blauen Augen der Liga?» Auf der Fahrt im Zug hatte ich zwei französische Wörter gelesen: «Voleurs» war auf einen Güterwagen in Gossau aufgesprayt, «peur» stand auf einem stillgelegten Fabrikgebäude in Biel. – Dieser Nachmittag vertrieb jede Angst vor dem Scheitern im Aufstiegsrennen. Und als Diebe brauchten sich die St.Galler Fussballer auch nicht zu fühlen, denn in einer animierten Partie setzten sie sich ohne Glanz, aber klar verdient durch. Generosität gibt’s nicht im Fussball, auch Nyon gab die drei Punkte nicht freiwillig preis. Aber es gibt Nuancen und Unterschiede in der Art, wie dieser Wettkampf abläuft. Böse Zungen werden sagen, dass es der St.Galler Fankurve leicht fällt, Komplimente an unterlegene Klubs zu verteilen, solange man selbst gewinnt. Aber darum allein geht’s nicht: Klubs haben eine Ausstrahlung. Ich hoffe nur, dass der FC St.Gallen auf all den Reisen ins fussballerische Niemandsland der Schweiz etwas lernt für die Zukunft. Spätestens in der Super League gehört man dann wieder zu den Verlierern. Nyon zeigt, wie man sich dabei mit Stil und Grösse verhalten kann. |