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Wir treffen uns an der Avia-Tankstelle, punkt 12 Uhr. Einer kann wegen Knieverletzung nicht Velo fahren, übernimmt von einem anderen die Fahnenstange und geht damit auf den Zug. Wir sind zu viert, fahren über saftige Wiesen und vorbei an blühenden Obstbäumen Richtung Fürstenland. Einer erzählt, er habe grad mit „Fever Pitch“ von Nick Hornby angefangen und ich sag ihm: „Super, das ist das beste Fussballbuch.“ Manchmal vergesse ich, dass wir zum Bergholz unterwegs sind, es kommt mir eher vor wie eine lustige Sonntags-Ausfahrt, und an Fussball erinnern einzig die grünweissen Seidenschals, die wir um den Hals gewickelt haben. In Niederuzwil kommt noch einer dazu, er hat eine Senegal-Fahne am Packträger festgemacht. Trotz Gegenwind sind wir zügig unterwegs, im Auwald an der Thur, mitten in zartem, frischem Grün, beginnen wir zu rätseln, wie wir unsere Gruppe nennen sollen. - „Bio-Ultras“ oder „Green-Bikers“? Im letzten Anstieg vor Wil sagt ein Passant zu seinem Begleiter: „Schau, da ist einer mit einer Brasilien-Fahne." Das Bergholz ist fest in grünweisser Hand. Die FCSG-Fans sind auf drei verschiedene Sektoren verteilt. Das ergibt ein neues akustisches Erlebnis, da die Gesänge oft leicht verzögert angestimmt werden. Eine Frau auf den Stehplätzen begrüsst mich herzlich: „Das ist ja fast wie früher!“ Ich kenne ihren Namen nicht, sie stand auf der alten Espenmoos-Gegentribüne meist in meiner Nähe und ihre Freude ist ansteckend. Die Wil-Fans machen eine reizvolle Choreografie mit Bär und wenig tiefsinnigem Spruch: „Heute geht’s nicht um Punkte, sondern um Ehre.“ Das stimmt nicht; wir sind einzig hier, um drei Punkte abzuholen, egal wie. Die Wiler spielen auch nicht wirklich so, als wollten sie ihre Ehre verteidigen, es entwickelt sich ein Spiel voller Fehler und mit wenig Torszenen. „Das Spannendste hier ist der Himmel“, sagt einer neben mir, und ich schau hinauf und sehe die Kondensstreifen der Flugzeuge. Das 1:0 des FC St.Gallen kommt auf kuriose Art zustande: Zwei Wiler stossen im Strafraum zusammen, was Costanzo freie Schussbahn verschafft. In der Pause meint einer auf dem Freiluft-Pissoir: „Hier ist alles heruntergefahren.“ Seit sich der Hochstapler mit seinen UBS-Millionen als Wil-Präsident verabschiedet hat, ist hier nur noch ausverkauft, wenn der FCSG zu Besuch kommt. Und heute danken sie im Matchprogramm schon, wenn sie eine neue Waschmaschine geschenkt bekommen. Doch die Wiler Kurve weiss noch immer, wie sie uns ärgern kann: „Wir haben euch im Griff“ titelt sie und listet alle Niederlagen des letzten Jahrzehnts auf, die wir von ihnen kassiert haben. Die Sonne sticht und am besten hat es jener dort oben im schattigen Laubgeäst, der sich den Match wie die Leute auf den Balkonen gratis ansieht. Ist das nun provinziell? Wohl eher ist es die Art, wie unsere Stürmer sich anstellen und immer häufiger wandert der Blick zur Uhr, die einfach nicht vorwärts geht. Hinter mir steigt Cannabis-Rauch hoch, kein Wunder müssen die sich beruhigen. Kurz vor Schluss fällt der Ausgleich und die Stimmung im Ostteil des Bergholz sackt ab. Wortlos zotteln die Grünweissen ab, ein paar Junge warten ohne Erfolg auf eine Schlägerei. Enttäuscht über die Passivität von Fortes Jungs stehen wir vor dem Stadion herum; dann schlägt jemand vor, doch mit dem Velo zurückzufahren, statt mit der Bahn. Der Mannschaftsbus wartet. Wir verhandeln, welche Spieler bleiben sollen nach dem Aufstieg. Dann sagt jemand: „Wir zahlen noch dafür, dass wir leiden dürfen mit unserem Klub.- Habe ich heute bei Hornby gelesen.“
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