  | Idylle statt Inferno |
| 24.08.2008, 12:58 Uhr |
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Der letzte Ausflug in die Sonnenstube Tessin im Mai war ein totales Desaster gewesen: Über Bellinzona kreiste ein Sturmtief und wartete auf den Extrazug aus St.Gallen. Dann goss es stundenlang wie aus Kübeln und kurz vor Schluss stürzte Lulic mit dem 3:2 für die ACB die durchnässten und frierenden FCSG-Fans in eine tiefe Depression. Ausgerechnet jene damals noch gefürchtete Nati B hat die grünweisse Fangemeinde innert Wochen in eine rundum zufriedene Schar verwandelt, die Fussball-Vereine und Polizeistationen in der ganzen Schweiz mit ihrer Lebensfreude und ihrer grenzenlosen Sangeslust entzückt. Von allen Ausflügen in die Schweizer Fussball-Provinz war jener nach Locarno von den Fans selbst am meisten herbeigesehnt worden. Aus zwei Gründen: Ein Samstag-Spiel im August ist die perfekte Steilvorlage für ein verlängertes Wochenende im Tessin. Zweitens: Die Locarno-Ultras pflegen enge Kontakte nach St.Gallen und gelten als aussergewöhnlich gastfreundlich. Doch plötzlich wurden alle St.Galler Reisepläne ins Tessin storniert: Der FC Locarno hatte beim Fussballverband auf Druck der Tessiner Polizei um Spielverschiebung ersucht, da man die Sicherheit im Lido gegen St.Gallen nicht garantieren könne. Unglaublich: Das letzte Mal waren sich die beiden Klubs vor dreissig Jahren noch in der Nati A gegenübergestanden. Nun wollten die Tessiner freiwillig auf ein Wiedersehen verzichten. - Der Fussballverband lehnte das Gesuch aus Locarno ab. Mit dem gleichen Argument könnten ja auch Gossau und Nyon ihre Partien gegen den FCSG in ein Stadion weitab jeder Zivilisation verschieben. Locarno zeigte den Gästen aus dem regnerischen Norden sein strahlendes Gesicht: Die einheimischen Ultras holten ihre Freunde aus der Ostschweiz mit Bier am Bahnhof ab, luden sie zum Essen ein und verbrachten mit ihnen einen gemütlichen Nachmittag am See. Die St.Galler Fankurve demonstrierte 90-minütigen Endlos-Gesangs-Support und ein Fanbetreuer spritzte die Fankurve an der prallen Sonne mit einem Gartenschlauch ab. Auch das Drehbuch das Matchs war zunächst geprägt von grosser Generosität: Die St.Galler Verteidigung liess den Locarno-Stürmer Sara leichtfertig gewähren und zum 1:0 für den Gastgeber einschiessen. Selbst dieser Rückschlag konnte die Ferienstimmung nicht aus dem Gästesektor vertreiben. Angetrieben vom unermüdlichen Anhang liessen die St.Galler Spieler den Ball geduldig zirkulieren. Und kurz vor Schluss machte der überragende Adrian Winter mit dem 2:1 die grünweisse Glückseligkeit komplett. In Zukunft wird selbst das lokale Tourismus-Büro darauf drängen, die Partie gegen St.Gallen wieder im August anzusetzen. Auf ihrem Marsch zurück zum Bahnhof hatten die stimmgewaltigen Sänger aus der Ostschweiz viel Publikum, das auf Balkonen, am Strassenrand und in den Gartencafés den Darbietungen lauschte. 100 Polizisten eskortierten die 500 Fans vom Lido ins Stadtzentrum. Dahinter folgten ein Dutzend fabrikneuer Polizeiwagen. «Himmel, jetzt müsste man hier ein Hotel ausrauben», meinte ein Fan, «die Polizei ist ja völlig abgelenkt.» Und ich dachte beim Spaziergang dem See entlang wohl nicht als einziger, dass ich auch nächstes Jahr hierher zurückkommen will und dass St.Gallen und Locarno am Ende der Saison zusammen aufsteigen müssen ins A. |
| Challenge Tour 08/09 Daniel Kehl
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