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Mit dem Fahrrad übers freie Feld Richtung Gossau, hinein in den Nebel. Vorbei am Biobauernhof und einem Gehege mit Freilandhühnern; rechts grüsst das Pumpwerk Heimat und auf dem Weg liegt Kuhdreck, der zu lockerer Slalomfahrt anregt. Eine wunderbare Einstimmung auf die einfache Fussballwelt – hier der kleine Dorfverein und auf der anderen Seite der SBB-Gleise die hässlichen Verteilzentralen von Migros, Coop, Spar und allen anderen, die St.Gallen West und Gossau zusammenwachsen liessen. In diesem Stil geht es auch weiter. Jogger, Velofahrer und Sonntagsspaziergänger begegnen wohl zum ersten Mal in ihrem Leben einer Wanderwegsperre: Ohne Ankündigung wird der Durchgang zum Bahnhof wegen des Fussballmatchs gesperrt. «Kommen Sie in einer halben Stunde, dann ist der Weg wieder frei», sagt der Mann der privaten Sicherheitsfirma und die Leute nehmen es hin und kehren um, als wäre es die normalste Sache der Welt. Der Gossauer Sportplatz ist schön gefüllt. Der Speaker möchte den modernen Fussball importieren in die «Buechenwald-Arena» und das Publikum schon vor dem Anpfiff zu einer Welle animieren. Erfolglos. Hier lässt man sich nicht so schnell für dumm verkaufen, es ist fast alles noch so, wie es jahrelang überall war auf Schweizer Fussballplätzen. Bunt gemischtes Publikum, Kommentare und Gesprächsfetzen auf den engen Stehplätzen, die sich zu einem absurden Sprechtheater zusammenfügen. «Könntelustigwerdenheutedraussenwartenzwanzigleutevonderhardturmfront. Warumdieschonwiederkeingeldhaben? Diehabeneinproblemmitdenjokers. Weilallesindiebetriebsagfliesstundderfcjetztgarnichtshatvomzuschauerrekord.»
Auch auf dem Feld läuft ein unterhaltsames Stück mit richtiger Derby-Dramaturgie. Gossau macht ein schnelles Tor und der unglückliche FCSG-Goalie Lopar hört jedes einzelne Wort der grünweissen Fans hinter ihm, die ihn wegen seines zögerlichen Eingreifens kritisieren. «Das ganze Dorf ist da!», singt die St.Galler Fankurve und spricht aus, was jeder sieht. Ganze Familien haben sich die raren Eintritts-Billette gesichert, Vater und Mutter tragen ihre Töchter auf den Schultern, damit die auch etwas haben vom Spiel. Doch die Kleinen blicken meist ins Publikum. Langeweile! – Nirgends kann man es als Kind besser erfahren als am Fussballmatch. In der Pause erledigen viele Männer ihr Geschäft an der Hecke vor den Bahngeleisen. Es herrscht eine gelassene, relaxte Stimmung wie früher hinter der Gegentribüne im Espenmoos. Schliesslich werde ich Zeuge einer denkwürdigen Begegnung. Gossau-Goalie Darko Damjanovic stürzt sich entschlossen in einen Zweikampf an der Behindlinie und holt einen Abstoss heraus, keinen Meter vor den Zuschauern entfernt. So viel Selbstbewusstsein eines Gossauers ist für einen jungen FCSG-Fan, dessen Lieblinge noch immer nicht in Führung liegen, definitiv zuviel. Er beschimpft den kräftigen Torhüter als «tigge Siech» und ein anderer doppelt mit einem «Obelix» nach. Damjanovic hörts, kommt auf die zwei zu, fixiert sie, wartet einen Moment und kickt dann mit bösem Blick einen Papierfetzen vom Feld.
Nun spielen sich weitere turbulente Spielszenen vor dem Tor von Damjanovic ab, und das ist gut für alle jene, die kein Ticket haben und vom Wohnhaus ausserhalb des Sportplatzes einzig den Gossauer Strafraum erblicken können. Der Nebel wird dichter, das Spiel ist weiterhin umkämpft und dann passiert, was diese Saison schon zur Gewohnheit wurde. Der FCSG erzielt das Siegtor, und wiederum macht der Gossau-Goalie in seinem leuchtend gelben Trikot eine gute Figur. Den ersten Ball wehrt er ab, erst beim Nachschuss ist er machtlos. Nach dem Schlusspfiff warte ich am Spielfeldrand. Damjanovic stürzt in meine Richtung, umarmt lachend einen Bekannten und flüstert ihm etwas auf Serbisch ins Ohr. Schliesslich kommt ein weiterer Zuschauer hinzu und spricht den Gossau-Goalie an: «Gratuliere! Gute Leistung! Und das sage ich übrigens als St.Galler.» Ich fahr mit dem Velo im Dunkeln zurück Richtung Stadt, zufrieden über den Ausflug in die Nachbarschaft. Ich komme an einer selbstgemalten Verkehrstafel vorbei, die vor Kühen warnt. |