Raus aus den Städten, rein in die Wälder
24.01.2009, 13:36 Uhr
Aha, Waldschrätin muss man sein und zwölf Jahre lang nachrichtenlos, wie die Deutsche Gabriele S. aus dem Gemeindeforst von Bolligen bei Bern. Dann haben einen alle gern, sind besorgt und sagen: "Jessas, bei dieser Kälte, ganz allein im Wald - Wind und Wetter ausgesetzt."

Sans-Papiers, Drögeler, Alkis, Clochards, die zu Hunderten in unseren Städten hausen in gleichen und noch mieseren Verhältnissen - vielfach auch nachrichtenlos - lösen keine Jöh-Geschichten aus. Ihr Schicksal nimmt einen rein administrativen Verlauf: Ausschaffung oder Wegweisung gemäss kommunalem Polizeireglement. Da gibt es keine Herz-Schmerz-Familien-Zusammenführung bei Schnippo im Dorfgasthof wie bei Gabriele S. Umlagert von einem Medientross aus dem In- und Ausland.

Das Einsiedler-Dasein im Wald hat halt etwas Mystisches. Schliesslich sind wir einst von dieser Art Abgetauchter christianisiert worden. Denken wir nur an den Heiligen Gallus.

Also, Sans-Papiers, Drögeler, Alkis, Clochards. Raus aus den Städten, rein in die Wälder! Und wenn ihr dann entdeckt seid, sagt einfach den sibyllinischen Satz (wie Gabriele S.): "Ich hatte meine Gründe."

Natürlich kann das alles auch fehl gehen. Wie beispielsweise bei dem Skelett, das Jäger im Oktober 2004 im Wald des Calfeisentals bei Bad Ragaz entdeckt haben. Es lag mindestens ein halbes Jahr dort und ist von wilden Tieren im Umkreis von 40 Metern verteilt worden. Wie polizeiliche Ermittlungen ergaben, gehörte es einer 59jährigen Hamburgerin. Die Frau einsiedelte ein Jahr lang mit Zelt und Camperausrüstung im Wald. Noch zu Lebzeiten ist sie mehrmals von der Polizei kontrolliert und befragt worden. Man liess sie gewähren. Sie trug schliesslich einen gültigen Reisepass im Plastiketui um den Hals und hatte ihre (kriminalistisch uninteressanten) Gründe für das Abtauchen: Freude an der Einsamkeit und an der Natur, wie die Behörden später sagten. Wahrscheinlich ist die Hamburgerin in der unwegsamen Gegend zu Tode gestürzt.

Ein tragischer Unfall und nicht die Jöh-Geschichte. Mit einem Skelett kann keine tränentriefende Familienzusammenführung bei Schnippo im Dorfgasthof arrangiert werden. Ein Sarg und ein Leichenauto sind kein Happyend und passen so gar nicht in das Herz-Schmerz-Konzept der fortgeschrittenen Medienverblödung.
  Nicht zu vergessen      Harry Rosenbaum
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