Retilien und Liter
24.09.2008, 00:42 Uhr
Für einmal keine Buchbesprechung, dafür eine Gattungskritik. Was ist Literatur? Ein Wort? - Ja, ein Wort. Wenige verbeugen sich davor. Die meisten wohl finden eine Schnur wichtiger. Sie bindet Literatur zu einem Packen. Und der lässt sich dann bequem ins Altpapier schmeissen (Philantropen gehen damit ins Brockenhaus). Im Wort Literatur steckt noch ein anderes Wort: Liter. Wer beispielsweise einen Liter Weichspüler säuft ist pässlicher für ein Leben in dieser Zeit als einer der liest. Literatur macht belesen und Weichspüler lässt einen überleben. Letzteres ist wirklichkeitsnaher. Tur steckt auch noch im Wort Literatur. Nur, es sagt nichts. Das T muss weg – und Ur kommt raus. Ur atmet Anfang, steht zuerst. Zumindest weit vor dem was heute ist. Urmenschen waren möglicherweise die besseren Menschen als es die aktuellen  sind. Ganz einfach, weil es sie nicht mehr gibt. Wenn doch, bestimmt auf einer höheren Seinsstufe (wo Literatur schon gar kein Thema mehr ist). Die ersten vier Buchstaben in dem Wort rückwärts gelesen ergeben: Retil. Vorerst nichts Brauchbares. Aber wer weiss, wenn die Gentechnologie ein Stück weiter ist, wird aus dem Reptil vielleicht ein Retil – ein Krokodil mit Retikulum (zool. Netzmagen für Wiederkäuer). Die restlichen vier Buchstaben im Wort Literatur rückwärts gelesen machen noch weniger Sinn: Ruta. Findige können zwar daraus in neuer Zusammensetzung Autr machen. Und wenn einer von diesen Findigen für sich auch noch nach einer neuen Daseinsform sucht und mit dem Mut der Berufung sein Ohr abschneidet und den h und das r anschliessend aufisst, bleibt ein o im Setzkasten. Mit diesem ergänzt macht "Autr" nun doch Sinn. - Ob das aber auch im Sinn von Literatur ist?
  Literatur      Harry Rosenbaum
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