Saibene wer?
07.03.2011, 15:13 Uhr
Was ist Saibene?

Der wahrscheinlich nächste Trainer des FC St.Gallen gilt  als «ausserordentliches Trainertalent». So steht es im Porträt, das der Journalist François Schmid 2009 für den «Sonntag» geschrieben hat. Dass es in Aarau dann doch nicht geklappt hat, ist beim damals amtierenden Sportchef  – Bauer Hächler – nicht weiter verwunderlich.


Nett ist nur die eine Seite

Jeff Saibene gilt als ausserordentliches Trainer-Talent – heute tritt er mit dem FC Aarau in Basel an.
Jeff Saibene (40) ist ein netter Mensch – nicht immer, aber häufiger als die meisten anderen Fussball-Trainer. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, bringt er alles mit für eine grosse Karriere.

von François schmid-bechtel
Er ist weder schrill noch besonders laut. Er ist weder egozentrisch noch arrogant. Er ist weder introvertiert noch divenhaft. Dem Klischee des Fussball-Trainers entsprechen einzig seine O-Beine. Weil Jeff Saibene vordergründig kaum Kanten offenbart, wird er einerseits von vielen unterschätzt, andererseits in die Schublade des netten Luxemburgers gesteckt. Womit ihm unterschwellig die nötige Härte im unsentimentalen Fussball-Geschäft abgesprochen wird. Was oberflächlicher Schwachsinn ist.

Es spricht eher für Saibene, dass er sein Ego nicht derart aufbläst, bis die Hülle platzt. Saibene ist nett, keine Frage. Aber was soll daran schlecht sein, dass er stets anständig und um eine gute Atmosphäre bemüht ist? «Es gibt zwei Dinge, die ihn einzigartig machen: Sein beeindruckendes intuitives Auge für den Fussball und seine emotionale Intelligenz», sagt Sportpsychologe Christian Marcolli. «Jeff kann sehr gut auf die Spieler eingehen. Er spricht nicht nur mit ihnen, damit er etwas gesagt hat, sondern vermittelt Inhalte. Und weil er keine künstliche Distanz aufbaut, ist er stets authentisch.» Und seine Defizite? «Ich sehe keine», sagt Ex-Profi Marcolli, der unter anderen einst den jungen Roger Federer betreut hatte.

Von wegen nett. Als Saibene im März 2007 in Thun vom Assistenten zum Cheftrainer befördert wurde, sorgte er bald mit unpopulären Massnahmen für Aufsehen. Marcolli, der ihn im Berner Oberland coachte: «Jeff kam schnell zum Schluss, dass wir absteigen würden, falls er nicht handeln würde. Ich sagte ihm, dass er seine Karriere riskiere, falls er handle. Dann sagte er: Lieber riskiere ich meine Karriere als mit dem FC Thun abzusteigen.» Also handelte er und eliminierte mit Aegerter, Hodzic, Carreño, Leandro und Baumann fünf zum Teil einflussreiche und verdiente Spieler aus dem Kader. Der kollektive Aufschrei blieb nicht aus. Erich Vogel beispielsweise echauffierte sich, was diesem luxemburgischen Grünschnabel eigentlich einfallen würde und sprach von einer Schande. Damals war Saibene vielleicht kurz erschrocken. Heute sagt er: «Ich habe das nicht gemacht, um mich zu profilieren, sondern für die Balance im Team.» Der Erfolg gab ihm recht. Der FC Thun hat unter dem Luxemburger sechs von zehn Spielen gewonnen und die Saison auf Platz 7 abgeschlossen.

Die Episode in Thun hat selbst die Leute bei Swiss Olympic beeindruckt. So wurde Saibene von Ottmar Buholzer, dem Leiter der Diplomtrainer-Ausbildung, eingeladen, vor diversen Nationaltrainern ein vierstündiges Referat zum Thema «Krisenintervention auf Teamebene» zu halten. «Es braucht Trainer, die eine hohe Selbst- und Sozialkompetenz haben», sagt Buholzer. «Saibene bringt in diesen Bereichen sehr viel mit. Er ist ein positiver Mensch und versucht stets, das Optimum herauszuholen.» Eine Qualität, die wohl auch den Young Boys nicht verborgen geblieben ist. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass der Luxemburger als Assistent des kleinen FC Aarau ein ernsthafter Kandidat als Cheftrainer bei den stolzen Bernern war. «Obwohl mir Vladimir Petkovic vorgezogen wurde, war es doch eine grosse Genugtuung, bis zuletzt im Rennen gewesen zu sein», sagt Saibene.

Abgehoben hat er deswegen nicht. Hat der Vater von zwei Söhnen noch nie. Selbst damals nicht, als er schon mit fünfzehn in Luxemburg als Wunderknabe gehandelt wurde. Saibene hatte sich damals aufgemacht, beim 200 Kilometer entfernten belgischen Traditionsklub Standard Lüttich seinen Traum von einer Profikarriere zu realisieren. Mit achtzehn hatte er sein erstes Zwischenziel bereits erreicht. Trotzdem wurde nichts aus einer schillernden Laufbahn im Rampenlicht der grossen Bühnen. Er galt als ebenso versierter, wie auch fragiler und unkonstanter Mittelfeldstratege. «Ich war als Spieler mental nicht robust genug. Ich war kein Wettkampftyp. Vielleicht zu sensibel. Vielleicht auch zu wenig egoistisch. Aber diese Erfahrung hilft mir heute als Trainer. Beispielsweise bei Sandro Burki. Ich weiss, wie ich ihm helfen kann, dass seine Karriere nicht gleich verläuft wie meine.»
  Querfeldein      Andreas Kneubühler
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