Sauber ist nur das Wasser
25.01.2012, 15:50 Uhr

Bottled Life

Beim Filmabspann werden Bravos durch den Saal gerufen, getragen von rauschendem Applaus, der nicht mehr abklingen mag. Empörung hatte das Landhaus in Solothurn schon in den ersten Minuten des Films geflutet; jetzt gibt es für das Publikum kein Halten mehr.

Verwaltungsrat Peter Brabeck blickte in den ersten Filmminuten mit seinen eisblauen Augen in die Kamera und lobt Nestlés Engagement im Flüchtlingslager Kebribeyah in Ostäthiopien. Zusammen mit dem UNHCR bohrten sie 2004 Brunnen und verlegten Leitungen, die im 22 Kilometer entfernten Lager die Flüchtlinge aus Somalia mit sauberem Wasser versorgen sollten.

Eine Reise des Filmteams von «Bottled Life» (Regie: Urs Schnell, Journalist: Res Gehriger) nach Äthiopien, zeigt, dass heute die Brunnen regelmässig ausfallen und die Wasserverantwortlichen in der Pumpstation seit Jahren niemanden mehr  von Nestlé gesehen haben. Die erste Empörung im Publikum kocht hoch.

Die zweite folgt wenig später. «Das ist der falsche Film, zur falschen Zeit», lieber sollen sie einen Film über den Wasserverbrauch in der Landwirtschaft drehen, sagt François-Xavier Perroud 2008 - damals noch Mitglied der Geschäftsleitung. Es bleiben die einzigen offiziellen Worte Nestlés zum Film bis zum Zeitpunkt der Premiere. Noch dazu verhindert der Multi dem Filmteam weltweit die Zugänge zu den Abfüllstationen von Nestlé.

Nestlé macht Geschäfte mit Wasser. Der grösste Lebensmittelkonzern der Welt mit Sitz in Vevey kauft Quellgebiete, füllt das Wasser in Petflaschen ab, schraubt einen Deckel drauf und verkauft die Flaschen mit einem Gewinn von 665 Millionen Franken - laut Nestlés Jahresbericht von 2010.

Dass der Multi 48% seines Umsatzes in Amerika und 40% in Europa macht, stört viel weniger, als der Gedanke, dass Nestlé in wasserarmen Gegenden mit seinem teuren Flaschenwasser präsent ist und auch dort mit Gewinn verkauft. In Nigeria. In Pakistan. Gegenden in denen sauberes Wasser ein Luxusgut ist.

Doch was der Film erzählt, ist weder überraschend noch neu. Woher die laute Sympathie des Publikums mit den Filmemachern rührt, unerklärlich. Hier wurde kein Nestlé-Skandal aufgedeckt, sondern es verpasst ein dringendes und drängendes Thema anzusprechen: verbindliche Menschenrechtsstandards für multinationale Unternehmen.

Das klatschende und bravorufende Publikum in Solothurn, 552 Personen finden im Landhaus-Saal Platz, verbraucht selber  90'000 Liter Wasser pro Tag. Das macht 32 Millionen Liter im Jahr; 70 Millionen, wenn der Wasserverbrauch der Industrie aufgerechnet wird (Quelle: Bundesamt für Statistik). Nestlé verflascht zusammen mit den anderen grossen Playern Coca-Cola, Pepsi und Danone und vielen kleinen, 89 Milliarden Liter Wasser im Jahr. Zehn mal weniger als die Schweiz im gleichen Zeitraum verbraucht. Klospülungen, Waschmaschinen, ... das ist bekannt.

Das Entsetzen wird wohl kaum von der Befürchtung ausgelöst, dass das Flaschenwasser unseren Planeten austrocknen wird. Es ist auch klar, das Nestlé kein Hilfswerk ist, das sich die flächendeckende Wasserversorgung für die Weltbevölkerung auf die Fahne geschrieben hat. Projekte wie der Bau eines Brunnens für ein Flüchtlingslager sind  Imagepflege - auch darüber sind die Illusionen längst gefallen.

Darf Wasser verkauft werden? Für diejenigen, die daheim nur den Wasserhahn aufzudrehen brauchen um an trinkbares Wasser zu kommen, eine müssige Frage. Aber es geht um eine Grundsatzfrage: Darf Wasser verkauft werden in Gegenden, wo die Bevölkerung Durst leidet?

Es ist eine berechtigte Frage, die der Film stellt, aber eine, die nur an der Oberfläche kratzt. 2010 wurde sauberes Wasser von der Uno zu einem Menschenrecht erklärt. Wer aber ist in der Pflicht, eine freizugängliche Wasserversorgung gewährleisten? Wasserpipelines müssen bis in entlegene Gebiete gebaut und unterhalten werden, in unruhigen Gegenden mit schwachen und korrupten Staaten ein Problem. Ein Problem in Ländern mit ungelösten Landfragen - ein Umstand der von Multis gerade im Rohstoffsektor schamlos ausgenutzt wird.

Sowie die Staaten zur Einhaltung von Menschenrechtsstandards verpflichtet werden sollen, müssen das auch multinationale Konzerne. Bereits existiert der Globale Pakt der Vereinten Nationen. Ein Abkommen zwischen Firmen und der UNO zum sozialen und ökologisch nachhaltigen Handeln. Nestlé hat diesen zusammen mit 5000 anderen Unternehmen unterzeichnet. Noch ist aber die Einhaltung der Kriterien freiwillig.

Amnesty International fordert zurzeit ein «Recht ohne Grenzen». Schweizer Firmen sollen zur Einhaltung von Rechtsstaatlichen Standards auch im Ausland verpflichtet werden.

Dass sind Massnahmen gegen menschenrechtsverletzende Geschäfte. Darüber hätte der Film sprechen sollen.

Der Film «Bottled Life» läuft am Donnerstag, 26. Januar in der Deutschschweiz an.

  Film      Andrea Kessler
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