|  | Eine Tour durch die Stadien des Genfer Fussballs habe ich mir als Einstimmung auf den Servette-Match vorgenommen. Zuerst geht’s vom Bahnhof hinauf zur alten Charmilles, vorbei an Kebab-Buden und kleinen Cafés. Drei Tribünendächer stehen noch, durch das Stadion-Haupttor fährt man heute zum Parking auf dem einstigen Spielfeld. Unversehrt sind nur die weinroten Graffitis bei den leeren Kassenhäuschen mit den eingeschlagenen Fenstern. Ein besseres Sinnbild für die trostlose Verfassung des Servette FC gibt es nicht.Der Feierabend-Verkehr beim Hauptbahnhof bricht zusammen, die Busfahrerin öffnet die Türen und ich geh zu Fuss weiter. Auf der anderen Seite der Rhône wartet das kleine Stadion von Urania Genf. Ein St.Galler legte in den Vierziger- und Fünfziger-Jahren denselben Weg von der Charmilles nach Frontenex zurück: Goalie Toni Rüesch, ursprünglich Junior beim FC Fortuna, wechselte nach fünf Saisons bei Servette für vier Jahre zum zweiten Stadtklub Urania. „Mit seiner weissen Haarsträhne, seinem bleichen Gesicht, seiner extrem lockeren Haltung, die an Provokation grenzte, ein buchstäblich faszinierender Torwart…“ schwärmt das Goldene Buch de Schweizer Fussballs. Das Stadion liegt auf einer Anhöhe, inmitten von Bäumen und die Tribüne erinnert an einen Landsitz. Vor der Holzbaracke mit den violetten Türen feuern zwei Junge den Holzgrill ein für den Erstliga-Match gegen Martigny. Auf ihren T-Shirts steht: Buvette de la troisième mi-temps. Die Serviererin singt mit zu Roxanne von den Police und sucht die längste Zeit jemanden, der ihr eine Hunderternote wechseln kann. Zwei Trainer reden, einer sagt: „Erste Liga geht, aber schon die Challenge League ist zuviel.“ Und der andere sagt: „Oueh!“ Dass ein Klub mit so hoffnungslos sympathischer und veralteter Infrastruktur noch vor kurzem mit Bertarellis Millionen in Verbindung gebracht wurde, will mir nicht in den Kopf. Der Bus fährt hinab an die Arve, vorbei am grossen Trainingsgelände beim „Bout du monde“ in Richtung des Stade de Fontenette von Etoile Carouge. Der FCSG-Fan verbindet mit dem malerischen Ort gute Gefühle, ebenfalls mitten unter der Woche feierten die Grünweissen hier die Qualifikation für den Cupfinal 1977. Im Tram geht’s mitten durch das alte Carouge, wo man sich tief in der französischen Provinz glaubt, und dann schliesst man am besten die Augen, denn das Stade de Genève steht im hässlichsten Teil Genfs, inmitten von Autobahnzubringern und Rangiergeleisen. Kein Wunder, will sich hier niemand Fussball ansehen. Der Empfang ist surreal: Ein riesiger eingezäunter Parkplatz mit drei St.Galler Fan-Cars und beim Eingang zwei Polizisten, die dafür sorgen, dass die St.Galler ihren Stadionsektor nicht verlassen. Die Ordner nehmen mir meine Tasche ab, die ich nicht mitnehmen darf hinein. Anweisung von höherer Stelle. Man bleibt höflich, aber bestimmt. 2500 Zuschauer verlieren sich im grossen Oval mit den rosaroten Sitzen. Die Spieler betreten zu „Paint it black“ von den Rolling Stones das Feld. Die St.Galler Fankurve singt das kümmerliche Häufchen der Servettiens an die Wand, 90 Minuten lang, die Mannschaft spielt zunächst schwach, doch die Fans lassen nicht locker. „Tous unis dans la légende“ steht auf den T-Shirts der Jungen mit den Rastafrisuren am Getränkestand, die trotz des klaren Rückstands der eigenen Mannschaft völlig relaxt und freundlich bedienen. Draussen beginne ich mit einem mittelalterlichen Ordner über Servette zu reden, über die glorreiche Vergangenheit und die Gründe des Niedergangs. Er scheint der einzige Mensch im Stadion zu sein, der frustriert ist. „Woran fehlts?“, frage ich. „Hier fehlts nicht an Geld“, sagt er, „aber es herrsche ein Scheissmentalität, jeder warte, bis der andere bezahle.“ Wir zählen zusammen die Namen der grossen Servette-Spieler aus den 70er und 80ern auf. Dann gibt er mir meine Tasche zurück. |