|  | Ein kalter Sonntagmorgen mit Schneehaufen und Eis hinter dem Haus. Da verkriecht man sich am liebsten im Bett mit einem dicken Wälzer. – Ich aber darf nach Biel: Erste Station der Rückrunde und lang ersehntes Ziel auf der Tour durch die Stadien der Schweiz. Mit Biel verbindet der Ostschweizer jenes Vorurteil über den Jurasüdfuss, das auch Grenchen und Solothurn anhaftet: Irgendwie bringen es diese Orte auch fussballerisch auf keinen grünen Zweig und träumen nur noch von längst vergangenen glorreichen Zeiten. Auf der Bieler Gurzelen müssen sich lauter warmherzige, schwermütige Menschen aufhalten, die sich gegenseitig trösten in ihrem Verlierer-Dasein.Noch hinter Winterthur liegt Schnee, im schattigen Kemptthal gibt es einen Eis-See auf der Wiese. Ich lese Andrzej Stasiuks «Unterwegs nach Babadag». Der Pole erzählt von ziellosen Reisen zwischen dem Schwarzen Meer und den Karpaten, von wunderbaren Begegnungen und verzaubert mein klimatisiertes IC-Zugabteil in eine rauchige Bahnhofskneipe in der Ungarischen Tiefebene. Ich lese in der Berner Zeitung einen Bericht über die Bieler Fanseele. «Jammertaschen sind rar geworden im Seeland», heisst es da und ich reibe mir die Augen. Bescheiden und heimatverbunden seien die Menschen in der Arbeiterstadt noch immer, aber nun habe sich nach Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und Uhrenkrise ein neues Denken und Zuversicht in den Köpfen festgesetzt. Und das zeige sich im auch Stadion, wo der Anpeitscher der Fankurve, ein Rasta-Mann mit weiten Hosen und Dreadlocks, zweisprachig und selbstbewusst gegen die Übermacht aus Zürich und Bern ankämpfe. Klar, hier ist vom Eishockey die Rede und ich fürchte, von diesem Aufschwung ist die baufällige Gurzelen unberührt geblieben, denn so läuft es zumindest in Genf und Lausanne ab: Die Jungen sorgen in den vollen Eishallen für Lärm, aber in die Fussball-Stadien verirren sich nur jene, die einfach nicht anders können, als sich diese Trostlosigkeit weiterhin zuzumuten. Vor Biel sind die Wiesen grün, auf dem Jurakamm liegt Schnee. Die Bahnhofsunterführung ist abgesperrt. Die zurückgehaltenen Passanten murren. Die St.Galler Fans werden unter Polizeischutz direkt vom Extrazug in Autobusse auf der Seeseite des Bahnhofs verfrachtet, die sie zum Stadion bringen. Ich wähle den Fussweg durch die Vorstadt, vorbei an den heruntergekommen schlichten Dreissigerjahr-Fassaden und der Brasserie de la Rotonde, einem stilechten welschen Lokal mit einfachen Holztischen und grossen Schaufenstern. «Lue Trudi, dert bini gsesse als Bueb vor füfzg Jaar!» Zunächst scheint meine erste Begegnung mit der Gurzelen genau nach Plan abzulaufen. Ein älterer Herr führt seine Begleiterin zum ersten Mal aus zum Fussball und schwärmt von früher, hier sind viele Habitués, meist über fünzig - «nei, 1976 sisi abgschtige» – aber es gibt kaum Jugendliche auf den Rängen. Lauter Support kommt nur von der Stadionecke mit den grünweissen Anhängern, die von der ersten Minute an ununterbrochen singen und eine Partystimmung verbreiten, wie sie Bieler sonst aus der Eishalle kennen. Auf der Haupttribüne herrscht fast andächtige Ruhe, St.Gallen macht zwei schnelle Tore und die Bieler schütteln die Köpfe, denn so klar unterlegen hätten sie ihr bisher überraschendes Team gegen den Aufstiegskandidaten nicht erwartet. In der Pause laufe ich bekannten Gesichtern über den Weg, Sion Trainer Barberis plappert auf staubigen Holzbrettern mit Freddy Chassot und der FCSG-Präsident holt sich ganz selbstverständlich wie jeder andere einen Hotdog in der Buvette unter dem bröckligen geschwungenen Balkon der Haupttribüne. Die junge Rock-Band No Limits spielt auf dem Platz den neuen FC Biel-Bienne-Song. Nach dem verdienten Anschlusstreffer beginnt der grauhaarige Einheimische neben mir nervös Zigaretten zu rauchen und ich fühle mich wohl dabei, denn von Minute zu Minute spürt man deutlicher, wie die Haupttribüne lebendig wird, an die eigene Mannschaft zu glauben beginnt und sie anfeuert. Es ist so wie früher, als es noch keine Vorsänger gab und sich die Begeisterung von der Mannschaft auf das Publikum übertrug. Vielleicht gefällts mir deshalb so gut an diesem Ort. Weil es ist, wie es ist - nicht mehr und nicht weniger. |