Willkommen - Bienvenue!
08.03.2009, 23:38 Uhr
Ein kalter Sonntagmorgen mit Schneehaufen und Eis hinter dem Haus. Da verkriecht man sich am liebsten im Bett mit einem dicken Wälzer. – Ich aber darf nach Biel: Erste Station der Rückrunde und lang ersehntes Ziel auf der Tour durch die Stadien der Schweiz. Mit Biel verbindet der Ostschweizer jenes Vorurteil über den Jurasüdfuss, das auch Grenchen und Solothurn  anhaftet: Irgendwie bringen es diese Orte auch fussballerisch auf keinen grünen Zweig und träumen nur noch von längst vergangenen glorreichen Zeiten. Auf der Bieler Gurzelen müssen sich lauter warmherzige, schwermütige Menschen aufhalten, die sich gegenseitig trösten in ihrem Verlierer-Dasein.

Noch hinter Winterthur liegt Schnee, im schattigen Kemptthal gibt es einen Eis-See auf der Wiese. Ich lese Andrzej Stasiuks «Unterwegs nach Babadag». Der Pole erzählt von ziellosen Reisen zwischen dem Schwarzen Meer und den Karpaten, von wunderbaren Begegnungen und verzaubert mein klimatisiertes IC-Zugabteil in eine rauchige Bahnhofskneipe in der Ungarischen Tiefebene. Ich lese in der Berner Zeitung einen Bericht über die Bieler Fanseele.  «Jammertaschen sind rar geworden im Seeland», heisst es da und ich reibe mir die Augen.  Bescheiden und heimatverbunden seien die Menschen in der Arbeiterstadt noch immer, aber nun habe sich nach Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und  Uhrenkrise ein neues Denken und Zuversicht in den Köpfen festgesetzt. Und das zeige sich im auch Stadion, wo der Anpeitscher der Fankurve, ein Rasta-Mann mit weiten Hosen und Dreadlocks, zweisprachig und selbstbewusst gegen die Übermacht aus Zürich und Bern ankämpfe. Klar, hier ist vom Eishockey die Rede und ich fürchte, von diesem Aufschwung ist die baufällige Gurzelen unberührt geblieben, denn so läuft es zumindest  in Genf und Lausanne ab: Die Jungen sorgen in den vollen Eishallen für Lärm, aber in die Fussball-Stadien verirren sich nur jene, die einfach nicht anders können, als sich diese Trostlosigkeit weiterhin zuzumuten.

Vor Biel sind die Wiesen grün, auf dem Jurakamm liegt Schnee. Die Bahnhofsunterführung ist abgesperrt.  Die zurückgehaltenen Passanten murren. Die St.Galler Fans werden unter Polizeischutz direkt vom Extrazug in Autobusse auf der Seeseite des Bahnhofs verfrachtet, die sie zum Stadion bringen. Ich wähle den Fussweg durch die Vorstadt, vorbei an den heruntergekommen schlichten Dreissigerjahr-Fassaden und der Brasserie de la Rotonde, einem stilechten welschen Lokal mit einfachen Holztischen und grossen Schaufenstern. «Lue Trudi, dert bini gsesse als Bueb vor füfzg Jaar!» Zunächst scheint meine erste Begegnung mit der Gurzelen genau nach Plan abzulaufen. Ein älterer Herr führt seine Begleiterin zum ersten Mal aus zum Fussball und schwärmt von früher, hier  sind viele Habitués, meist über fünzig - «nei, 1976 sisi abgschtige» – aber es gibt kaum Jugendliche auf den Rängen. Lauter Support kommt nur von der Stadionecke mit den grünweissen Anhängern, die von der ersten Minute an ununterbrochen singen und eine Partystimmung verbreiten, wie sie Bieler sonst  aus der Eishalle kennen. Auf der Haupttribüne herrscht fast andächtige Ruhe, St.Gallen macht zwei schnelle Tore und die Bieler schütteln die Köpfe, denn so klar unterlegen hätten sie ihr bisher überraschendes Team gegen den Aufstiegskandidaten nicht erwartet.

In der Pause laufe ich bekannten Gesichtern über den Weg, Sion Trainer Barberis plappert auf staubigen Holzbrettern mit Freddy Chassot und der FCSG-Präsident holt sich ganz selbstverständlich wie jeder andere einen Hotdog in der Buvette unter dem bröckligen geschwungenen Balkon der Haupttribüne. Die junge Rock-Band No Limits spielt auf dem Platz den neuen FC Biel-Bienne-Song. Nach dem verdienten Anschlusstreffer beginnt der grauhaarige Einheimische neben mir nervös Zigaretten zu rauchen und ich fühle mich wohl dabei, denn von Minute zu Minute spürt man deutlicher, wie die Haupttribüne lebendig wird, an die eigene Mannschaft zu glauben beginnt und sie anfeuert.  Es ist so wie früher, als es noch keine Vorsänger gab und sich die Begeisterung von der Mannschaft auf das Publikum übertrug. Vielleicht gefällts mir deshalb so gut an diesem Ort. Weil es ist, wie es ist - nicht mehr und nicht weniger.

  Challenge Tour 08/09      Daniel Kehl
  1 Kommentar
  Mitreden
Name:
E-Mail:
URL:
Bitte die Mitmachnummer unten
ins Code-Feld eingeben.
Code:
01 Hansdampf, Sonntag, 15. März 2009, 00:38

Jesses, der Präsi ohne Haare holt sich "selbstverständlich wie jeder andere einen Hotdog an der Buvette"..., ist ja richtig romantisch. Die Arenen-Abgehobenheit und Klassenteilung hat sich also schon nachhaltig in die Köpfe gefressen.


zurück zum Blog


Tagestipps aus dem Saiten-Kulturkalender
:
Kantine #2 Sommer - Klub.Kult.Urknall
Donnerstag, 29. Juli 2010, 20:00 Uhr / (bis Donnerstag, 26. August 2010)
Spielboden, Dornbirn
mehr
:
Lachen am See: Kaspartout
Donnerstag, 29. Juli 2010, 21:00 Uhr
Restaurant Fischerhaus, Kreuzlingen
mehr
:
Le petit Nicolas
Donnerstag, 29. Juli 2010, 21:30 Uhr
Quaianlagen, Arbon
mehr
:
Foto Szene GR
Donnerstag, 29. Juli 2010, 12:30 Uhr / (bis Donnerstag, 2. September 2010)
Bündner Kunstmuseum, Chur
mehr
Take Away zu Jannis Kounellis, Senza titolo, 1969
Donnerstag, 29. Juli 2010, 12:30 Uhr
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz
mehr
Alle Kulturveranstaltungen in der Ostschweiz: Saiten-Kulturkalender
 


 ALLE 
 Bühne (17) 
 Challenge Tour 08/09 (18) 
 Film (3) 
 Geschichten aus dem Bunker (18) 
 Hausmeldungen (25) 
 Literatur (7) 
 Museen / Kunst (8) 
 Musik (13) 
 Nicht zu vergessen (13) 
 Politik (90) 
 Querfeldein (77) 
 Stadtratswahlen 2012 (18) 
 Stadtraum (31) 


 OSTBLOG als RSS-Feed abonnieren 



 ALLE 
 Andrea Haller (4) 
 Andreas Kneubühler (34) 
 Beni Bischof (16) 
 Charles Pfahlbauer jr. (3) 
 Daniel Ammann (14) 
 Daniel Kehl (15) 
 Daniel Ryser (1) 
 Die Betonblogger (1) 
 Dominik Kaschke (1) 
 Harry Rosenbaum (53) 
 Heinrich Kieber (2) 
 Johannes Stieger (13) 
 Lika Nüssli (15) 
 Man of constant sorrow (13) 
 Martin Benz (5) 
 Nikolaus Benda (1) 
 Rafaël Zeier (3) 
 Red. Saiten (30) 
 Richard Zöllig (8) 
 Rolf Bossart (2) 
 Romeo Meyer (4) 
 Rubel U. Vetsch (3) 
 Tea Kolbe (6) 
 Verlag Saiten (4) 


 ALLE 
 Juli 2010 (1) 
 Juni 2010 (6) 
 Mai 2010 (11) 
 April 2010 (13) 
 März 2010 (18) 
 Februar 2010 (14) 
 Januar 2010 (7) 
 2009 (100) 
 2008 (80) 





 AlthussersHände v. Milo Rau 
 Andreas Niedermanns Blog 
 Die Klangschau 
 Hochparterre 
 Knapp daneben 
 Kulturstattbern (Der Bund) 
 Kulturteil Luzern 
 Nation Of Swine 
 Ostschweizblog.ch 
 Saile Kleins Wordpress 
 seemoz Konstanz 
 St.Gallen – Die Seifenoper 
 terzett.fm 
 The Roman Games Diary (NYC) 
 thurgaukultur - blog 
 Viertel Blog