, 17. Februar 2017
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Positive Signale im Thurgau

Neue Perspektiven für die Betreuung von jungen Asylsuchenden und Erfreuliches aus den Gemeinden: So sehen Fachleute die asylpolitische Lage im Thurgau. von Jochen Kelter

AGATHU: Das Kürzel steht für Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau – und damit für ein gewichtiges zivilgesellschaftliches Engagement in der Flüchtlingspolitik. Der in Kreuzlingen tätige Verein hat, bedingt nicht zuletzt durch das örtliche Empfangszentrum für Flüchtlinge (EVA), eine Pionierrolle in der Flüchtlingsarbeit durch Freiwillige im Thurgau gespielt und ist weiterhin aktiv. Aber allmählich verstärkt einerseits der Kanton seine Anstrengungen für eine möglichst rasche Integration der Flüchtlinge durch Sprachkenntnis und Eingliederung in den Arbeitsprozess, andererseits gibt es erfreuliche Entwicklungen der sozialen Integration in Gemeinden, in denen Asylsuchende, vorläufig aufgenommene und  anerkannte Flüchtlinge untergebracht sind.

Dies wurde an einem Informationsabend in den Räumen der AGATHU deutlich, wo über Neuerungen und neue Entwicklungen in der Betreuung von Asylsuchenden im Kanton informiert wurde.

Auf dem Weg zum Arbeitsmarkt

Neu sind koordinierte Massnahmen der Integration von Flüchtlingen ab 24 Jahren. Dazu gehören Einstufungstests, Deutschkurse auf verschiedenen Niveaus, Heranführung an den ersten Arbeitsmarkt, Qualifikationsmassnahmen  und Beratungen. Der gesamte Prozess soll nach zwei Jahren mit dem Eintritt ins Berufsleben abgeschlossen sein, wie Bettina  Vincenz, Leiterin der Koordinationsstelle beim kantonalen Migrationsamt, erklärte. Stattfinden soll dieses neue Integrationsprogramm zentral an drei Orten, nämlich Frauenfeld, Weinfelden und Amriswil, wodurch der Hinterthurgau und die Region Kreuzlingen nicht berücksichtigt werden.

Erfreulich auch, dass der Kanton, wie zu hören war, ab dem Sommer ein vergleichbares Programm für Minderjährige und junge Erwachsene (also Asylsuchende zwischen 15 und 24 Jahren) auflegen will.

Entspanntes Klima im Dorf

Christine Holzer, die Beauftragte der Gemeinde Egnach am Obersee, berichtete über die Integrationsanstrengungen in ihrer Gemeinde mit etwa 4’500 Einwohnern. Durch den Einbezug der Einwohnerinnen und Einwohner, von Vereinen, Kirchen und Ortsbehörden sei es gelungen, ein entspanntes Klima im Verhältnis der Bewohner zu den Asylsuchenden zu schaffen. Das könne man nicht von oben verordnen, sondern müsse es sich mit Hilfe von Personen und Institutionen, Lehrerinnen, Pfarrpersonen, Vereinsmitgliedern erarbeiten. Wozu die Überschaubarkeit einer Gemeinde wie Egnach, der Umstand, dass man sich untereinander meist kennt und viel von dem, was im Dorf passiert, rasch bekannt wird, sicherlich beiträgt.

Lesung bei AGATHU:

Usama Al Shahmani und Bernadette Conrad lesen aus ihrem gemeinsamen Buch Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister

9. März, 19 Uhr, Freiestrasse 28 A Kreuzlingen

Ähnliches berichtete Jeanette Ledergerber aus der sehr dezentralen Gemeinde Kemmental mit etwa derselben Einwohnerzahl. Sie habe sich vom Kanton ein Integrationsprogramm absegnen lassen und dann angefangen, Kontakte zu knüpfen. Auf den Wegen der verstreuten Dörfer seien die Fremden ja gut «sichtbar», und man folge ihnen unterdessen mit durchaus wohlwollenden Blicken.

Fussball und Arbeit verbindet

Dass Asylsuchende mit den Schülern der Sekundarschule auf dem Schulgelände gemeinsam Fussball spielten, sei ein wichtiger Baustein für die soziale Integration. Die Schüler berichteten natürlich daheim von ihren Kontakten, was zur atmosphärischen Verbesserung beitrage. Obstbauer Lukas Neuhaus erzählte seinerseits von guten Erfahrungen mit Asylsuchenden bei der Obsternte und anderen Arbeiten. Schon fast freundschaftlich sei er diesen Leuten mittlerweile verbunden, er lobte ihre Arbeitsmoral und ihre Selbständigkeit.

Was am meisten beeindruckte, war das zivilgesellschaftliche Engagement, das an diesem Abend spürbar wurde. Dadurch können Pauschal- und Vorurteile und die tendenziösen Berichte eines Teils  der Medien wirksam unterlaufen werden. Jedenfalls wurde ein differenziertes und verantwortungsbewusstes Bild des Umgangs mit Flüchtlingen sichtbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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