, 13. Februar 2017
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Reisen und reflektieren

Die Kantonsschule Trogen denkt ökologisch: Sie hat für die Kulturreisen der oberen Klassen ein Flugverbot etabliert. Dagegen wehrt sich jetzt die Schülerorganisation. Lehrer Hans Fässler verteidigt das Verbot damit, dass es «für die Erste Welt kein Menschenrecht auf Fliegen gibt, wohl aber für die Dritte Welt ein Menschenrecht auf ein würdiges Leben».

(Bild: bundesumweltamt.de)

Der Antrag der Schüler/innen-Organisation SOT kam im Oktober 2016, knapp zwei Jahre nach der Einführung des Flugverbots. Ihr Hauptargument gegen das ungeliebte Verbot:

Das alternative Reisen mit Bahn oder Car schränkt die Klassen in ihrer Themen- und Destinationswahl massgeblich ein. Der zurückzulegende Weg wird sofort so lang, dass fast zwei ganze Tage der insgesamt fünftägigen Reise für den Weg verloren gehen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird daher auf nur noch drei Tage vor Ort beschränkt, was zu wenig ist für eine facettenreiche Vertiefung des Themas. Dazu kommt der grosse finanzielle Unterschied zwischen den Flugpreisen und den Preisen von Bahn oder Car. Per Flugreise ist eine grössere Anzahl an Destinationen möglich, mit mehr Zeit vor Ort und deutlich tieferen finanziellen Auslagen.

Englischlehrer und Kabarettist Hans Fässler hatte damals den Antrag zur Einführung des Verbots gestellt. Nun nahm er in einem offenen Brief Stellung und verteidigte das Verbot. Morgen Dienstag stimmt die Schulkonferenz ab – die Kontroverse dürfte auch für Kantonsschülerinnen und -schüler anderer Gymnasien von Interesse sein.

Cool durch die halbe Welt?

Fässler kritisiert zum einen, dass «die Kultur des immer öfter immer bequemer immer weiter Reisens dank Billigflügen an der ganzen Schule zu einer kaum hinterfragten Selbstverständlichkeit» geworden ist. Diese Erwartungshaltung gelte es zu durchbrechen «und damit auch die Annahme, dass spannende kulturelle Räume nur in Grossstädten ausserhalb eines Rayons von 500 km um die Schweiz zu finden seien».

Zudem litten einzelne dieser «Traumstädte» inzwischen unter dem Andrang. «So kommt es in Barcelona, das pro Jahr über 8 Millionen Touristen und 17 Millionen Übernachtungen verkraften muss, immer häufiger zu Protesten, weil sich die gewöhnlichen Quartierbewohnerinnen und -bewohner die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können.»

Anschliessend erinnert Fässler an das Pariser Klimaabkommen 2015 und an die dort bestätigten Konsequenzen der menschengemachten Klimaveränderung. In der Schweiz sei die Luftfahrt schon jetzt zu rund 16 Prozent für den Klimaeffekt verantwortlich. «Da in allen anderen Bereichen (Verkehr, Energie, Haushalte, industrielle Prozesse) politische Massnahmen getroffen werden, dürfte der Luftverkehr 2030 jener Sektor sein, der die Schweizer Klimabilanz am meisten belastet.»

Gerade hier sei es umgekehrt besonders einfach, zu handeln. «Während es Jahre der Planung und grosse Investitionen braucht, um etwa Zehntausende von Altbauwohnungen heiztechnisch zu sanieren, kann man auf einen ‹Lustflug› (wie Benedikt Loderer beruflich nicht unbedingt notwendige Flugreisen nennt) einfach verzichten.»

Die Generationen-Verschiebung

Die folgenden Passagen im Wortlaut des Offenen Briefs:

Haben solche Überlegungen bei Eurem Antrag überhaupt eine Rolle gespielt? Habt Ihr abgewogen zwischen dem «Problem» der faktischen Verkürzung der KST-Kulturwoche durch einen Anreise- und einen Rückreisetag (was sich durch die Wahl einer näherliegenden Destination ohne weiteres lösen liesse) und den katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels? Mit diesen Folgen meine ich noch nicht einmal die Tatsache, dass Eure Kinder und Enkel möglicherweise in einer Schweiz ohne Alpengletscher leben werden. Der Schweizer Tourismus wird das Verschwinden des Aletschgletschers irgendwie verkraften, und die reiche Schweiz wird ihre Verkehrswege gegen Überschwemmungen und Hangrutschungen irgendwie sichern können. Ich meine damit die durch Hochwasser, Hungersnöte und andere Umweltfaktoren zur Migration gezwungenen Frauen, Männer und Kinder. Das UNHCR schätzte ihre Zahl schon 2002 auf 24 Millionen und die Zahl der Binnenvertriebenen auf 25 Millionen. Bis ins Jahr 2050 müssen wir vor allem wegen dem ansteigenden Meeresspiegel mit – je nach Schätzung und Studie – zwischen 150 und 700 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen.
Der Schweizer Filmemacher Matthias von Gunten hat in seinem sehenswerten und aufrüttelnden Film «Thule Tuvalu» das dargestellt, was schon heute in Grönland und im Pazifik Realität ist. Der Trailer findet sich auf YouTube.

Beim Schreiben dieses offenen Briefes ist mir bewusst geworden, dass die ganze Situation nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Es ist jemand aus der Generation Eurer Grosseltern, der Euch mit einer gewissen Leidenschaft darauf aufmerksam macht, dass es für die Erste Welt kein Menschenrecht auf Fliegen gibt, wohl aber für die Dritte Welt ein Menschenrecht auf ein würdiges Leben. Vor 40 Jahren wäre es gerade umgekehrt gewesen: Die Jungen hätten die Alten empört darauf aufmerksam gemacht, dass es mit der Zerstörung der Lebensgrundlagen unseres Planeten so nicht weitergehen kann.

Ein Flugverbot für die Kulturreisen der 5. Klassen an der KST ist gewiss kein Patentrezept gegen den Klimawandel. Aber es ist schon einmal ein Anfang. Und wenn Ihr andere oder bessere Ideen habt, so bin ich sehr gespannt darauf.

Postkutsche, Leukerbad, um 1900.

It’s called weather

Schliesslich schlägt Fässler den Bogen zur Tagespolitik: Wer heute behaupte, den menschengemachten Klimawandel gebe es nicht oder seine Existenz sei nicht wissenschaftlich fundiert, sei «mittlerweile in guter – oder sagen wir vielleicht besser: prominenter – Gesellschaft». Donald Trump etwa habe im Dezember 2015 in «Fox News» die Frage, ob er an die Erderwärmung glaube, so beantwortet: «I think that there’ll be little change here. It’ll go up, it’ll get a little cooler, it’ll get a little warmer, like it always has for millions of years. It’ll get cooler, it’ll get warmer. It’s called weather.»

Auch der künftige Umweltminister der USA, Scott Pruitt, verharmlose das Thema ebenso wie der Aussenminister und vormalige CEO des Erdölkonzerns Exxon Mobil, Rex Tillerson, oder der von Trump als Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung nominierte Ben Carson.

Über die Radikalität

Fässler schliesst mit einem Abschnitt über den jeweils rasch geäusserten Vorwurf, solche Veränderungsvorschläge seien «radikal» – und darüber, was tatsächlich an umwälzenden gesellschaftlichen Veränderungen im Gang ist. Im Wortlaut:

Radikal ist doch nicht der Vorschlag, eine kleine digitale Schutzzone («smartphonefreier Bereich») an der Schule zu definieren, sondern die Existenz einer Industrie, die aus dem Internet «die grösste Überwachungsmaschine der Geschichte» (Constantin Seibt im Tagesanzeiger vom 20. Dezember 2016) macht, die mit Geheimdiensten zusammenarbeitet, Milliardenprofite einstreicht, ganze Wirtschaftszweige umpflügt, die Steuergesetze ganzer Staaten aushebelt und vermutlich die Demokratie gefährdet.

Radikal ist doch nicht der Vorschlag, einmal ein Jahr lang keinen CS-Fussball-Cup zu veranstalten, sondern die Existenz einer Finanzindustrie mit Grossbanken, welche jahrelang Zinsen manipuliert, mit Hypotheken getrickst, Steuergesetze umgangen, Risikovorschriften ignoriert und Millionenboni ausbezahlt haben und deren Aktienkurse (wie kürzlich bei der CS) dann steigen, wenn die Busse samt Entschädigungen mit 5,3 Milliarden Franken weniger beträgt, als die Märkte erwartet haben.

Und radikal ist doch nicht der Versuch, an der Kantonsschule Trogen die allgemeine Vielfliegerei ein kleines bisschen einzuschränken, sondern die Tatsache, dass an einem einzigen Wochenende (dem ersten vor den Herbstferien) 270’000 Passagierinnen und Passagiere vom Flughafen Zürich in die ganze Welt starten und nicht wissen oder verdrängen, was sie dabei mit ihrem CO₂-Ausstoss auf diesem Planeten (und mit ihrem Lärm in den Anflugschneisen) anrichten.

 

Nachtrag: Die Schulkonferenz hat am 14. Februar nach eingehender Diskussion den Antrag der SOT auf Aufhebung des Flugverbots mit 35 Nein zu 15 Ja bei 14 Enthaltungen abgelehnt und damit das Flugverbot für die 5. Klassen deutlicher als bei seiner Einführung bestätigt.

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