Kategorie
Autor:innen
Jahr

Salamandra salamandra!

Oh tiefschwarzglattgelbe Schwanzlurch-Glückseligkeit, oh wehleidig-gähniges Hurra-Ostrandzonen-Geheul - die Nachrichten aus dem spätherbstlichen Sumpf. Von Charles Pfahlbauer jr.
Von  Charles Pfahlbauer jr.

Mindestens zehn Jahre hatte ich vergeblich nach ihnen Ausschau gehalten, war in feuchten Wäldern in jedes Bachbett und jede Wegrinne gestolpert und über unzählige Laubbeigen und Abhänge gekrochen. Doch jetzt endlich war mir die Begegnung wieder einmal vergönnt, mit gleich zwei höchst lebendigen Prachtskerlen: Den ersten, einen wahrhaft Grossen von gegen 20 Zentimeter Länge, erspähte ich im Buchenwald am Osthang des Monte Lema unweit einer Alp mit dem erquicklichen Namen Fontana, wie er, auf einen Laubhügel hochgekraxelt, seinerseits Ausschau hielt, stolz wie ein kleiner Saurier; der zweite, etwa handgross, vielleicht sein jüngerer Bruder oder auch die Tochter, wer weiss das schon, kroch nur eine Armlänge entfernt Kreise scheinbar orientierungslos vor einer Laubhöhle. Feuersalamander, in echt, Salamandra salamandra, tiefschwarzglattgelbe Schwanzlurch-Glückseligkeit! Unter den Lieblingstieren eines der allerliebsten, in manchen Momenten noch vor Dachs, Uhu und Steinkauz. Natürlich war ich hin und weg, auch Braunauge jauchzte vergnügt, und wir liessen es nicht lange bei der Beobachtung bleiben. Zusammen legten wir uns ins Laub und liessen die Urviecher über unsere Jacken und später garament nackten Oberkörper laufen, schon unsere Urahnen wussten, dass es nichts Besseres gegen Hautpilz gibt, die munteren Passagen von Maldorors Gesängen leise im Hinterkopf. Bis uns ein diffuses Brennen der Haut daran erinnerte, dass die ja ein leichtgiftiges Sekret absondern können. Zugegeben, wir hatten es etwas übertrieben mit der tierischen Freude, und wir liessen es dann auch gut sein und die beiden Kerle wieder in ihre feuchtlaubfröhliche Freiheit entkriechen.

Wir liefen weiter, warfen uns die wenigen italienischen Wörter zu, die wir am Morgen gelernt hatten, besonders schön lautmalerisch: Torrente, für Wild- oder Gebirgsbach, da ist die Turbulenz drin im Wort, und auch der Horror, der bald folgen sollte. Weiter, weiter, den Hohlweg rauf, doch etwas hatte sich merklich verändert. Ein Wind war aufgekommen, dunkle Wolken zogen auf, Nebelschwaden umschlangen die alten Buchen, die nun immer bedrohlicher erschienen. Manche, meinten wir, streckten sich nach uns. Unter all den Buchen ein paar vereinzelte Kastanien, aber ihre wenigen Marroni klein oder dann wurmstichig. Auf einer Anhöhe unvermittelt Ruinen einer Siedlung; drei, vier Gemäuer, lose Steine, die Überreste eines Stalles. Dort stand eine geisterhafte Figur: ein uraltes Männchen, langbärtig und schieläugig und offenbar stumm, es beobachtete uns bewegungslos, ohne den Hauch eines Winks, schon gar nicht eines freundlichen. Wir versuchten möglichst unauffällig zu passieren und machten Tempo; als wir uns nach einigen hastigen Dutzend Metern umdrehten, war das Männchen verschwunden. Spurlos, wie ein Spuk, der nur eingebildet war. Wir haben die Dämonen geweckt, du weisst doch, mit diesen Feuermolchen ist letztlich nicht gut Laub fressen, versuchte Braunauge ein Spässchen. Doch zum Lachen war uns längst nicht mehr zumute. Den Steilhang keuchend hinter uns, rannten wir am Ende fast eine Stunde, bis wir endlich, bis auf die Knochen erschöpft, den Weiler mit der Postautohaltestelle erreichten.

Abends, halbwegs erleichtert in unserer Hütte am Langen See, erfreulicher Besuch von Harry Grimm und Sumpfbiber. Die hatten wie erwartet wenig gute Nachrichten aus der Ostrandzone: Im Trubel der Kuhmesse das wehleidig-gähnige Hurra-Ostrandzonen-Geheul der regierenden Ost-Orks für einen Bundesratssitz, derweil der Club im Halbschuhstadion kaum noch Fussball spielt, dafür jetzt diesen öligen Austrovolksalpenrocker Gabairgendwie engagiert hat. Was für eine Affiche: Mausis, zieht schon mal das Dirndl an, ihr könnt hernach dann auch gleich ostwärts auswandern.

Immerhin, sagte Harry, seien im Toggenburg soeben die letzten der zehntausend Bäume des sogenannten Helvetia-Schutzwaldengagements gepflanzt worden. Der Regierungsork Da Mann habe eigenhändig zehn Weisstannen gepflanzt, es gebe ja gar nichts Besseres gegen all die Naturgefahren wie Hochwasser, Murgänge, Rüfen, Lawinen und Steinschlag. Gerade wenn dort Wildbäche wie der Dürrenbach wüteten. Oder wie der Förster sagte: «Die Weisstanne mit ihrem tief reichenden Wurzelwerk ist für die Stabilität der Schutzwälder äusserst wichtig.» Harry war dabei, er kaufte brav mehrere Baumpässe, für zehn Franken schon gibt’s einen zusätzlichen Baum im Gebiet Ölstein in Unterwasser. Das war, Irrtum vorbehalten, einen Tag, bevor Unterwasser ein wenig übers Toggenburg hinaus Schlagzeilen machte. Und man sich fragte, ob die Versicherung Helvetia für den Schutzwald auch einmal eine Aktion lancieren könnte, wo man für einen Zehnerlappen eine Halle abbrechen kann. Oder ein paar Weisstannen den Hang herunter kugeln könnten, wenn eine Halle so toll voll ist mit Ostglatzen. Aber eben, da wussten wir noch nichts von der Invasion, sondern nur, dass es eben doch keine Dämonen gibt. Jedenfalls nicht solche wie das Langbartmännchen in der torrentig-salamandrigen Fontana-Alp.

pfahlbild_nov_1

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – Ho­len die Es­pen den Cup?

Ganz Sangal­lä fahrt uf Bern – auch SENF. Wir ti­ckern den Cup­fi­nal der Es­pen ab 14 Uhr live aus dem Wank­dorf.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler