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Tanz in Handschellen

Nach dem Tränengas  die Verhaftung: In Winterthur kannte die Polizei keine Gnade, auch nicht mit  friedlich Tanzenden. Ein Bericht  von Anonymus.

Von  Gastbeitrag

Die politischen Tanzveranstaltungen gleichen sich. Sowohl das «Tanz Dich Frei» in Bern, an dem ich vor zwei Jahren teilgenommen habe, als auch die Veranstaltung «Standortfucktor» vom Samstag in Winterthur beginnen jeweils harmlos, man wähnt sich an einem Open-Air-Konzert und in kultureller und politischer Sicherheit. Schliesslich will man bloss tanzen und eine politische Botschaft transportieren. Dass das Ganze dieses Mal in Handschellen und in kriegsähnlichen Zuständen enden würde, damit hatten weder ich noch die weiteren Beteiligten und Verhafteten gerechnet.

Wir wollen tanzen, wollen es geniessen, in einem «freiheitsliebenden» Land den öffentlichen Raum als das zu nutzen, wofür er konzipiert ist: für die Öffentlichkeit. Um zehn Uhr, rund eine Stunde nach offiziellem Beginn treffen ich und zwei Kollegen am Bahnhof Winterthur ein und werden gleich von rund fünfzehn Polizisten in Vollmontur begrüsst. Ich bin mich das von Fussballspielen gewöhnt und deshalb wenig überrascht. Es erstaunt mich aber, dass die Polizei bereits so früh präsent ist und Wege blockiert. Der Zugang zur Winterthurer Innenstadt ist bereits versperrt, uns bleibt lediglich die Zuschauertribüne auf der anderen Seite des Bahnhofes.

Um halb elf sind die Polizisten dann plötzlich verschwunden, der Durchgang zum Salzhaus und der Innenstadt offen. Wir folgen blind der Musik und finden uns zehn Minuten später inmitten friedlicher und ausgelassener Leute wieder. Soundmobile und mobile Boxen, gar eine Liveband sorgen für Stimmung. Doch die Ruhe währt nicht lange. Bereits eine Viertelstunde später sieht sich die tanzende Menge von drei Seiten umgeben von Wasserwerfern, Absperrwagen und Polizisten.

Später wird mir ein Beamter sagen, die Polizei habe die Demonstranten mehrere Male dazu aufgefordert, die Demo aufzulösen und den Ort zu verlassen. Wir hatten nie eine solche Aufforderung gehört. Und auch wenn sie erfolgt wäre, ist es zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr möglich, das Areal zu verlassen. Denn auch der letzte Ausweg, die Archstrasse zum Bahnhof, durch die wir gekommen waren, ist bereits zugesperrt.

Kriegsähnliche Zustände

Die Erinnerungen danach sind verschwommen, konfus. Und doch sehe ich die Bilder in einer erschreckenden Intensität bis jetzt vor mir. Ich erinnere mich daran, dass Flaschen flogen, Böller, Feuerwerkskörper, dass die Polizei mit Wasserwerfern blind in die Menge schoss, an Gummischrot, heftiges Knallen, an Tränengas oder vielleicht auch «nur» Pfefferspray. Nach einer halben Stunde allgemeiner Verwirrung finden sich rund 400 Personen eingepfercht in der Archstrasse wieder, umstellt von der Polizei. Darunter Mädchen, Familienväter, Aktivisten, gewalttätige und friedliche Menschen. So durchmischt die Menge ist, so einfach und einheitlich ist die Reaktion der Polizei, mit der man zu keinem Zeitpunkt wirklich kommunizieren kann. Jegliche Versuche werden im Keim, bzw. im Wasserstrahl oder Gummischrotgeschoss erstickt. Bei jedem Knall ducken sich die Leute, verschränken die Arme über ihren Köpfen. Ein Kollege hat Glück im Unglück: Ein Geschoss trifft ihn knapp oberhalb des rechten Auges.

Es sind kriegsähnliche Zustände. Ich kann zwar nicht von mir behaupten, zu wissen, wie sich Krieg anfühlt, aber ich glaube nach dieser Nacht eine Vorstellung davon bekommen zu haben, wie man sich als Zivilist, als unschuldige Person fühlt, wenn man zwischen den Fronten steht, wenn man jederzeit fürchten muss, verletzt zu werden. Es gibt keinen Ort, wo man sich sicher fühlen kann. Es kann jeden treffen. Wir verkriechen uns unter eine Treppe, um ein minimales Gefühl von Sicherheit zu haben.

Die Nacht hüllt Winterthur mittlerweile in eine gespenstische Dunkelheit, nur die gesperrte Strasse ist dauerbeleuchtet und unter Dauerbeschuss. Die Szenerie hat etwas Apokalyptisches an sich, ich komme mir vor wie in einem Schaufenster oder auf einer Theaterbühne. Das Publikum: Das ist die Öffentlichkeit, die sich empört über eine verdorbene Jugend, über Krawalle und Sachbeschädigungen, die von der Polizei und der Politik hartes Durchgreifen und Nulltoleranz fordert. Die Regisseure: der Polizeikommandant und die Stadtpräsidentin. Und wir Darsteller werden gezwungen, das Stück bis zur Zufriedenheit der Regisseure fertigzuspielen, ob wir wollen oder nicht.

Von Seiten der Politik wird stets gesagt, die «Chaoten» nutzten die Anonymität in der Masse aus. Doch diese Masse wird an diesem Abend bewusst gefördert und als legitimes Mittel für willkürliche polizeiliche Gewalt missbraucht. Es ist eine Machtdemonstration, eine symbolische Aktion. Eine Aktion, die eine junge Frau wohl ihr Augenlicht auf einem Auge kosten wird, wie jemand später berichtet.

Ich gebe mir Mühe, gegenüber den Polizisten keine moralische Indifferenz zu entwickeln; doch es fällt schwer, verdammt schwer! Und obwohl ich Gewalt gegen Menschen absolut verurteile und verachte, kann ich die Leute verstehen, die ausrasten, die Kontrolle verlieren und damit genau zu jener Eskalation beitragen, die sich die Polizei wünscht. Ruhe zu bewahren ist schwierig und doch die einzige Möglichkeit, die uns bleibt.

Im Kastenwagen nach Zürich

Der Platz wird allmählich leerer, es geht das Gerücht um, man könne den Kessel verlassen. Wir reihen uns in die Schlange ein, die sich am Rand der Strasse gebildet hat. Ein Mädchen schreit verzweifelt einen Mann an, der die Polizei anflucht. Er solle aufhören, der Spass sei vorbei. Der Spass ist wirklich vorbei.

Mehrere Personen werden, meist unter willkürlicher Begründung, verhafte, in Handschellen gelegt und nach Zürich gebracht. Ein Verhafteter berichtet am nächsten Tag, sie hätten – wohl etwas pathetisch, aber das war der Situation ganz angemessen – im Kastenwagen das Lied von John Lennon angestimmt: «All we are saying is, give peace a chance», und dazu an der Wand des Wagens den Rhythmus geklopft. Rund eine halbe Stunde später sassen sie mit weiteren Personen in einer Zelle und wurden einzeln für die Befragung aufgerufen. Er erzählt weiter: «Ich war über die Normalität, die bürokratische Teilnahmslosigkeit überrascht. Es wirkte, als sei für die Beamten von vorhinein klar, dass sie hier Verbrechern gegenüberstünden. Er habe Verständnis für meine Argumentation, sagte der Gefreite, der mich befragte. Ich glaubte ihm nicht.» Der Spuk ist nach einer halben Stunde vorbei, die Gefangenen werden in die Zürcher Nacht entlassen.

Mein Verständnis von Freiheit und Institutionen, welche diese hochhalten und «verteidigen», hat sich an diesem Tag verändert. Ob das «Theaterpublikum» applaudiert oder den Polizeieinsatz kritisch hinterfragt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Letzteres wäre für eine Demokratie und einen Rechtsstaat zwingend notwendig.

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