, 9. Februar 2017
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Theater als Stimme des Schweigens

Mit «Angst essen Seele auf» bringt das Stadttheater Konstanz im Februar Fassbinders kontroversen Filmklassiker auf die Bühne, am Samstag ist Premiere. Ein Gespräch mit Schauspieler Mphundu Brian Mjumira. von Veronika Fischer

Mphundu Brian Mjumira. (Bild: Veronika Fischer)

Saiten: Sie kommen gerade aus einer Probe zu Angst essen Seele auf. Worum geht es in dieser Geschichte?

Mphundu Brian Mjumira: Im Stück geht es um die Flüchtlingsthematik, die seit Jahren weltweit präsent ist. Fassbinders Film Angst essen Seele auf aus den 1970er-Jahren erzählt die Geschichte eines Marokkaners, der als Gastarbeiter nach Deutschland kommt. Heute, also 40 Jahre später, ist die Thematik immer noch aktuell. Menschen aus Afrika kommen nach Europa, Menschen aus Asien kommen nach Afrika, und auch nach Malawi, wo ich herkomme, kommen Flüchtlinge aus Mosambik, wo lange Krieg herrschte. In Angst essen Seele auf spiele ich einen jungen Mann, der mit sechs anderen in einem kleinen Zimmer lebt. Das ist unerträglich, könnte man meinen. Aber vielleicht ist in seinem Land Krieg und diese Situation jetzt ist viel, viel besser. Für mich ist der Film eine Liebesgeschichte. Ali, der Gastarbeiter, verliebt sich in Emmi, eine Putzfrau, die sehr viel älter ist als er. Beide kämpfen zusammen gegen die Ablehnung von aussen und dann auch mit der eigenen Dynamik, die ihre Beziehung aufwirft. Das finde ich spannend: der Moment, an dem das Verliebtsein kippt und es schwierig wird.

Finden Sie, es ist Liebe, was diese beiden Menschen verbindet? Oder klammern sie sich aneinander, weil sie sich aus der Einsamkeit holen?

Für mich ist das definitiv Liebe! Am Ende könnte die Frau einfach gehen und sich nicht mehr um den Mann kümmern. Aber das tut sie nicht, trotz all der Probleme. Und so ist es doch in der Realität auch. Wenn man sich liebt, dann streitet man vielleicht viel, wenn man zusammen ist, aber sobald der eine nicht mehr da ist, hat man sofort Sehnsucht und schreibt tausend Nachrichten. «Ich vermisse dich so», «Ich will bei dir sein» und so weiter. Das macht die Thematik des Stücks noch breiter, weil es wirklich jeden betrifft.

Premiere: Samstag, 11. Februar, 20 Uhr, Spiegelhalle Konstanz. Weitere Vorstellungen bis 16. März.
theaterkonstanz.de

Wie sind Sie dazu gekommen, die Hauptrolle in dieser Inszenierung zu spielen?

Ich war 2011 schon hier und habe in The Messenger gespielt, dann 2013 nochmal in Das Spiel ist aus. Das Theater Konstanz hat eine Zusammenarbeit mit Theatergruppen in Malawi aufgebaut. Wir erfahren hier grosse Unterstützung durch die Kooperation. So konnten wir Land in Malawi kaufen und dort einen richtigen Ort für Theater schaffen. Das gibt es sonst nämlich nicht. Man hat keine Bühnen, sondern spielt irgendwo, in einer Schule oder unter einem Baum. Jetzt haben wir einen richtigen Künstlertreff. Dorthin kommen Schauspieler, Bühnenbildner, Musikerinnen und alle, die an Kultur interessiert sind. Wenn es so einen Ort nicht gibt, gibt es auch den Austausch nicht, und viele Projekte würden nie entstehen. Mit der Unterstützung des Theaters Konstanz und seines Intendanten konnten wir uns einen Traum von Theater verwirklichen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Malawi ist ein sehr armes Land. Man könnte sich auch für die Landwirtschaft oder die Schulbildung engagieren. Warum Theater?

Für mich ist das Theater wichtig, um Kultur zu erhalten. Es gibt jenen Menschen eine Stimme, die schweigen. Es ist eine Plattform, wo es gestattet ist, Dinge anders zu betrachten. Wir verbringen unser Leben ja grossenteils im Autopilot-Modus. Aufstehen, essen, arbeiten, schlafen – und dann wieder von vorn. Im Theater kann man die andere Seite des Lebens betrachten und Fragen nachgehen. Wohin geht die Welt? Was machen andere Menschen? Und dann kann man darüber nachdenken, wie man Dinge richtig oder anders machen könnte. Es öffnet also den Horizont des eigenen Denkens.

Und was bedeutet das für Sie persönlich? Welche Erfahrung haben Sie mit dem Theater in Ihrem Leben gemacht?

Ich habe gelernt, dass es nicht nur um mich geht. Das denkt man ja gerne. Immer nur ich, ich, ich. Aber so funktioniert es nicht. Man braucht ein Gegenüber, einen anderen, der einen sieht und unterstützt. Ich wäre sonst nicht hier. Es hat jemanden gebraucht, der mir sein ganzes Vertrauen schenkt. Der mich ansieht und an mich glaubt. Ich bin dem Konstanzer Intendanten Christoph Nix dankbar, dass er mir dieses Vertrauen und diesen Glauben geschenkt hat.

Denken Sie, dass es Ihr Talent ist, das Sie hierher gebracht hat, oder der Zufall?

Es ist das Schicksal. Ich habe vor Jahren in der Dreigroschenoper den Mackie Messer gespielt. Ich habe diese Figur geliebt und habe alles von Brecht gelesen, was ich finden konnte. Ich wollte verstehen, wie dieser Mensch denkt, der Stücke mit dieser universellen Gültigkeit schreibt. Er ist wie ein Satellit, der über der Erde kreist, und alles erfasst. Und dass ich jetzt unter Regie von Johanna Schall spielen darf, ist eine solche Ehre für mich. Ich muss Ihnen dazu ein Geheimnis verraten: Sie ist eine Enkelin von Bertold Brecht. Das ist doch unglaublich, oder?

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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