, 29. Januar 2017
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Vom Eier-Ausbrüten: Teil I

Was erwarten
 Sie vom «neuen» Kunstmuseum St.Gallen? Und was würden
 Sie mit den neuen Räumen im Untergeschoss machen? Diese Fragen hat Saiten im Februarheft einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern sowie Kunstvermittlern gestellt. Teil I: Karin Bühler, H.R. Fricker, Georg Gatsas und Elisabeth Nembrini.

Im unterirdischen Depot des Kunstmuseums fotografierte Jan Thoma.

Interessante Bündnisse

Ein neuer Kurator also. Das verspricht neuen Wind. Einen Tornado wird es kaum geben. Lorenzo Benedetti trifft auf ein eingespieltes Team und eine Programmgruppe, die die Ausstellungsideen absegnet. Man darf gespannt sein, wie sich der international agierende Neuling mit dem Regionalen verbündet. Das ist die grosse Chance und Herausforderung «unseres» Hauses. Man darf hoffen und erwarten, dass es immer wieder zu interessanten Bündnissen kommt.

Und ein neuer Raum.

Der 1981 erstellte Beton-Unterbau des neoklassizistischen Gebäudes, der wie eine Beinprothese anmutet, entfaltet mit der aktuellen Ausstellung von Mark Dion plötzlich auch nette Aspekte. Der mögliche Ausblick zum Park zum Beispiel. Man kann sich sehr gut ein «Park-Café» vorstellen. Eine Theke mit Sitzgelegenheiten und direktem Zugang zur Terrasse und zum Park. Das schöne Stück städtischen Grüns lechzt seit Jahren nach solcher Belebung. Spannend ist auf jeden Fall die Situation des Provisoriums – der Einladung zum Experiment. Bleibt zu wünschen, dass diese vielversprechende Gelegenheit wahrgenommen wird.

Karin Karinna Bühler, 1974, ist Künstlerin und lebt in Trogen.

 

Mehr Platz und ein eigener Ansatz

So war es also lediglich eine Platzfrage und keine bewusste, schamhafte Ausklammerung des einheimischen Schaffens, weshalb bis anhin im Kunstmuseum St.Gallen nur selten Ostschweizer Positionen zu sehen waren? Zwischen Deutschland, Österreich und Zürich eingeklemmt, müsste doch Eigenes, sogar Widerspenstiges entstehen. Nicht nur Touristen sollten sich ein Bild über das hiesige Kunstschaffen machen dürfen. Auch die KünstlerInnen profitieren von einer tiefgründigen Orientierung: Welche Bereiche und Themen wurden schon beackert, wo wäre es lohnenswert, dem Bestehenden die eigene Sicht hinzuzufügen? Es macht für die gesamte Bevölkerung der Region
Sinn, umfassend zu dokumentieren, was hier kulturell geschah und weiterhin geschieht. Allerdings muss die Dokumentation über effekthascherisches Standortmarketing hinausgreifen und gemeinsame kulturelle Wurzeln aufzeigen.

Wenn nun im ehemaligen Natur-
und Kunstmuseum mehr Raum für die Auseinandersetzung mit regionalen kulturellen Wurzeln zur Verfügung steht, freut mich das sehr. Zugleich werde ich aber im unteren Stockwerk das Anschauungsmaterial zu den tektonischen Schüben, welche diese Landschaft prägten, den Nagelfluh-Schüttungen, den Sandsteinbänken und den aufgetürmten Kalkfelsen des Alpsteins mit ihren Fossilien und Höhlen vermissen. Von den Erkenntnissen der Archäologie kann ich gleich nebenan im Völkerkunde-Museum profitieren. Dort wird von den Steinzeitjägern im Wildkirchli über die Pfahlbauer am Bodensee bis zu den unmittelbaren Vorläuferkulturen
der heutigen Ostschweiz Bericht erstattet.

Zufällig schwebt über meinem Wohnort Trogen der dadaistische Geist der hier aufgewachsenen Sophie Taeuber-Arp. In ihrem Werk gibt es Ansätze, welche
auf die damals im Appenzellerland gebräuchliche textile Heimindustrie verweisen, während sie sich mit ihrem künstlerischen Schaffen in der europäischen Avantgarde bewegte. Ein herausforderndes Vorbild?

Mit der ganzen Welt vernetzt zu sein, bringt die Gefahr mit sich, im mainstreamigen Einheitsbrei zu versinken. Nützlich ist die Vernetzung nur dann, wenn ich dabei
aus einer fundierten, ureigenen Position heraus agieren und mich austauschen kann. Kommunikation funktioniert nur dann, wenn man selbst etwas Eindrückliches mitzuteilen hat, sonst droht die Entmündigung.

Natürlich finde ich die Wurzeln zu eigenständigem Denken und Handeln nicht nur innerhalb einer überschaubaren Landschaft. Ohne zusätzliches globales Denken wird Regionales zur verantwortungslosen Rechthaberei. Bei meiner Suche nach geeigneten, letztlich individuellen Ansätzen orientiere ich mich nicht nur innerhalb ostschweizerischer Grenzen, der Blick über den Bodensee und den Rhein hinaus kann sehr ergiebig sein.

Ein Kunstmuseum, das Auskunft
über regionale kulturelle Wurzeln gibt,
sollte sich auch mit den jedermann zugänglichen sozialen Medien beschäftigen. Wenn heute in den Medien durch Angebote, die zu «stundenlangen Museumsaufenthalten» animieren, die «Wohnzimmerisierung» der Museen verkündet wird, müsste doch
auch der Austausch über das Wohnzimmer hinaus, mit Hilfe der sozialen Medien, thematisiert werden. SMS, Fototransfer und Facebook u.a. wären Themen, die mittels Ausstellungen und Workshops einem aktiven und mündigen Museumsbesucher gerecht würden.

H.R. Fricker, 1947, ist Künstler und u.a. Erfinder des Museums für Lebensgeschichten Speicher und des Alpstein-Museums. Er lebt in Trogen.

 

Begeistert euch

Vom neuen Kunstmuseum «erwarte» ich eine ausgezeichnete Zusammenarbeit für meine Einzelausstellung im kommenden Herbst. Ansonsten erwarte ich nichts vom Kunstmuseum St.Gallen – aber dafür viel mehr von den BesucherInnen, KunstfreundInnen, privaten SponsorInnen, SammlerInnen, den Stiftungen und den öffentlichen Ämtern: Begeistert euch! Denkt in Gemeinschaften! Fördert eure Leute! Sprecht mehr Geld! Sonst wandern die kreativen Köpfe aus dem Hochpreis-Land Schweiz aus!!

Georg Gatsas, 1978, ist Künstler und Manor- Preisträger 2017. Er pendelt zwischen Zürich, Ostschweiz und Johannesburg.

 

Viel Raum im Kunstmuseum

Jahrelang waren Kunst und Natur in St.Gallen schon beim Start einer Ausstellung spürbar: Um die Vernissagenrede zu hören, wanderte man abwärts – an Fuchs und Dachs vorbei. Und waren alle Sitzplätze im Saal besetzt, lauschte man draussen der
Rede mit halbem Ohr und studierte gleichzeitig Präparate der regionalen Singvögel. Jetzt sind plötzlich alle Räume für die Kunst da. «Endlich», möchte man sagen. Denn man hat sich das schon immer stimmig vorgestellt. Oder vielleicht doch «Hoppla»? Steht doch plötzlich zusätzlich zur LOK viel Platz zur Verfügung, und – vor allem im Untergrund – kein für Ausstellungen architektonisch geeigneter.

Räume der Zwischennutzung sind immer unpassend und widerständig. Man lässt sich
für sie etwas einfallen, was sonst gar nicht stattfinden würde.
Trotz der Räume oder gar gegen die Räume zu arbeiten ist für Kunstschaffende eine interessante Herausforderung. Eine Zwischennutzung mit Gästen gäbe dem Kunstmuseum die Möglichkeit für andersartige Kooperationen. Warum nicht mit
dem Nachwuchs aus den Kunstlehrgängen in St.Gallen, z.B.
aus dem HF Bildende Kunst zusammenspannen? Man wäre gespannt darauf, wie sie mit ortsspezifischen Projekten diese Räume erobern oder einfach ihre Diplomausstellung zeigen.

Ganz neu aber wäre ein «Labor» für Gäste und Gastkurationen, die explizit aus der Ostschweizer Kunstszene stammen. In zeitlich kurzen Abständen wären wieder aktuelle Arbeiten sichtbar, die nur alle drei Jahre anlässlich des Heimspiels oder länger gar nicht zu verfolgen waren. Die kabinetthaften, dunklen Räume eignen sich grundsätzlich gut für digitale und analoge Projektionen aller Art. Vielleicht würde sich daraus mit der Zeit ein medialer Schwerpunkt entwickeln.

Dies alles geht nicht ganz ohne Budget, auch im Untergrund muss professionell gearbeitet werden. Aber man könnte dann eher sagen: endlich!

Elisabeth Nembrini, 1960, ist Künstlerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen. Sie lebt in Berg SG.

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