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«Wir müssen dieses Finanzsystem crashen lassen»

Saskia Sassen war dieses Jahr zu Gast am St.Gallen Symposium. Im Interview erklärt die Soziologin, was ihr als erstes durch den Kopf geschossen ist, als sie den HSG-Campus betrat, wieso die Demokratie zu zerfallen droht und was die Märkte und Mächtigen damit zu tun haben.
Von  Corinne Riedener

Saiten: Sie kritisieren den Neoliberalismus, die Finanzindustrie, die multinationalen Konzerne. Wieso nehmen sie an einem Kongress teil, der auf die «Leaders» dieser Branchen zugeschnitten ist?

Saskia Sassen: Ich muss zugeben, dass ich noch nie von diesem St.Gallen Symposium gehört hatte. Eigentlich ging ich davon aus, dass ich von einer Gruppe Studenten eingeladen wurde – was ich immer sehr schätze. Mit dem Programm habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Ich dachte, dass ich ein normales Referat vor den hiesigen Studenten halte und für wen auch immer. Mit Anfragen von der «Opposition» sozusagen habe ich ganz allgemeinen keine Mühe: Ich halte Vorträge über meine Forschungsarbeit, und in dieser übe ich nunmal hauptsächlich und in vielerlei Hinsicht Kritik an der Welt der Mächtigen.

Welchen Eindruck hatten Sie vom Symposium?

Als ich ankam, war gerade «Philippines Dinner Night». Mein erster – und auch bleibender – Eindruck: Okay, Schweizer Universitäten sind reich. Am Symposium wurden mir gute, kritische Fragen gestellt, und die Leute schienen sehr interessiert zu sein an meiner Arbeit. Das gab mir ein gutes Gefühl. Sonst stehe ich in der Regel vor einem weniger kritischen Publikum, das meine Sicht auf die globalen Verhältnisse nicht teilt. Der Anlass an sich war viel formeller, als ich es von anderen Uni-Events kenne. Andererseits erschien mir alles recht imposant. Eine Uni, die zur luxuriösen Wohlfühloase wird, so etwas habe ich noch nie gesehen auf meinen Reisen zu den Unis dieser Welt. Wirklich noch nie.

Bieten Plattformen wie das Symposium auch eine Chance, die Global Players von ihrem profitorientierten Denken abzubringen?

Natürlich, schliesslich ist es wichtig, dass man sich mit Andersdenkenden auseinandersetzt. Obwohl ich aus meiner Erfahrung weiss, dass sich Leute mit besonders starren Ansichten nur selten von meinen Forschungen überzeugen lassen. Und doch ist ein Samen gepflanzt – manchmal. Für mich ist es wichtig, mir zwischendurch wieder vor Augen zu führen, wie extrem die Gegenmeinungen teilweise sein können, wie die desaströsen Folgen des Neoliberalismus von manchen willentlich übersehen werden.

Wie ist ihre «Work Session» am Freitag angekommen?

Sehr gut, obwohl ich eigentlich nur Fakten geliefert habe. Dass sich die Leute so ernsthaft damit auseinandersetzten, zeigt, dass nackte Zahlen und Fakten eben doch kleine Wunder vollbringen können: Sie bringen die Leute zum Nachdenken und Nachfragen, statt dass sie einfach nur anderer Meinung sind. Doch wer weiss, vielleicht waren auch nur zufällig alle kritischen Köpfe am Symposium gleichzeitig in meiner Session…

Was haben sie ihnen mit auf den Weg gegeben, welche Werte und Ziele sollten sie ihrer Meinung nach vertreten?

Dass von einer gerechten Wirtschaftslogik auf Dauer alle mehr profitieren als von einer räuberischen. Knapp zusammengefasst.

Ich stelle mir vor, dass die jungen «Leaders» empfänglicher sind für ethische Fragen, da viele von ihnen, anders als ihre Eltern, im Schatten der Finanzkrise aufgewachsen sind. Vielleicht schaffen sie doch den Turnaround und krempeln das ausbeuterische System um in ein verantwortungsvolles, faires und nachhaltiges…

Die heutige Finanzindustrie, die sich vom traditionellen Banking massiv unterscheidet, agierte extrem zerstörerisch in den letzten 20 Jahren. Dieses System ist so mächtig, dass es von der Politik nicht mehr kontrolliert werden kann. Eigentlich kann es sich nicht einmal selber kontrollieren. So kommt es immer wieder zu neuen Krisen. 2008 schütteten die Regierungen Milliarden von Steuergeldern, also das Geld ihrer Bürger, in dieses marode System, damit es wieder in Schuss kommt. Doch wir müssen das Finanzsystem crashen lassen. Nachhaltig. Und wir müssen gegen die Regierungen vorgehen, die dieses System unterstützen, sonst wird es ein Desaster bleiben. Nehmen wir Griechenland: All das Geld, das die EU-Bürgerinnen und -Bürger für die Rettung Griechenlands ausgeben, fliesst auf direktem Weg zurück in die Banken! Während die Obdachlosigkeit in Griechenland zunimmt und sich die Menschen keine medizinische Versorgung mehr leisten können…

Die Vielfalt in den Städten ist vielerorts von privaten Investoren bedroht. Sie kaufen ganze Quartiere, um dort tote Bürokomplexe mit Maximalrenditen hinzustellen. Wie finden Sie die Forderung eines Städteplaners am Symposium, dass den Investoren künftig nur noch einzelne Parzellen und nicht mehr ganze Quartiere verkauft werden sollen?

Ich würde das unterstützen, denn was derzeit passiert, ist extrem: Allein im letzten Jahr floss in 100 Städten insgesamt 1 Billion Dollar in den Kauf urbaner Gebiete. Es mag vielleicht so aussehen, als würden diese Unternehmen in Gebäude und Infrastruktur investieren, doch im Grunde machen sie nichts anderes, als Unmengen städtischen Bodens aufzukaufen.

Wie können wir – in den städtischen Gebieten wie auch abseits davon – für echte Vielfalt und politische Teilhabe sorgen, solange der migrantischen Bevölkerung kein Stimm- und Wahlrecht zugestanden wird? Müssen wir die sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen überdenken?

Ein sehr wichtiger Punkt! Es wäre zum Beispiel möglich, dass wir eine Reihe von Aufenthalts- und Niederlassungsformen definieren, die jenen, die in diesem Land leben, über verschiedene Modi und Zeiträume die Möglichkeiten zur Partizipation geben. Das sollten wir wirklich. Sie haben eine Kenntnis und Wahrnehmung unserer Gesellschaft, die uns als Insider fehlt.

Ist es nicht heuchlerisch, die Menschen mit Demokratie und politischer Teilhabe zu locken, wo doch die politischen Entscheide und Prozesse zunehmend von wirtschaftlichen Überlegungen und Rahmenbedingungen bestimmt sind?

Doch, ist es. Ich glaube, dass die liberale Demokratie am Zerfallen ist. Sie war schon immer eine problematische Staatsform, bedingt durch die wirtschaftlichen Ungleichheiten und Machtgefälle innerhalb der Länder. Heute ist die Demokratie jedoch in Schwierigkeiten, angesichts des Machtanstiegs grosser Konzerne, der Privatisierungen und Deregulierungen in den tragenden Wirtschaftssektoren und dem Unwillen der Regierungen, sich gegen die Wirtschafts- und Finanzmächte zu stellen. Davon handelt mein Buch Expulsions.

Sie sind Geschworene in Milo Raus Kongo Tribunal. Taugt die Kultur besser dazu, das politische Bewusstsein zu schärfen?

Kunst und Kultur haben schon immer eine strategisch grössere oder kleinere Rolle gespielt beim Ermöglichen und Fördern politischer Prozesse und Forderungen.

 

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Das Gespräch wurde auf Englisch geführt. Saskia Sassen,1949, ist Professorin für Soziologie an der Columbia University and Vorsitzende des Komitees Global Thought.

2014 erschien das erwähnte Buch Expulsions: When complexity produces elementary brutalities (Harvard University Press). Die deutsche Übersetzung Ausgrenzungen: Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft erscheint Ende September 2015 beim Fischerverlag. Infos: saskiasassen.com

 

Dieses Interview erschien im juni-Heft von Saiten. Hier mehr zum Symposium.

Bilder: pd, symposium.org

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