Der Nordteil von Arkansas besteht aus Wald und leichten Hügeln. Mein Assistent ist mit meinem Fahrstil nicht einverstanden, er meint, es sei meine Verantwortung, so unverantwortlich schnell zu fahren, und will damit ausdrücken, dass lieber wieder er fahren würde. Meine Meinung ist, dass wir endlich aus dieser ewigen Schneise rauskommen sollen, es gibt ja eh keinen Verkehr, abgesehen von den mit Baumstämmen beladenen Lastern.
Die Natur hier ist das, was man allgemein als gross bezeichnet. Endloser feuchter Wald, dazwischen manchmal ein paar Koppeln mit Rindern oder Pferden, dann und wann sieht man ein paar Meter in die Weite, sonst nur Bäume und ein schmaler Streifen Himmel über der Strasse, wo normalerweise ein Geier kreist, selten eine kleine Siedlung, die zum Beispiel Delight heisst und meist fast verlassen ist.
Die Highways sind die einzigen Linien in der Landschaft, dazwischen Wildnis mit Rehen, Waschbären, Gürteltieren, von denen alle paar hundert Meter eins tot am Strassenrand liegt.
Mit Blech gegen die übermächtige Natur
Grade kommt es mir logisch vor, dass die Leute, die hier leben, mit monströsen Pickups durch die Gegend fahren, die Natur ist hier sehr schön, doch scheint sie alles Menschengemachte stetig zu verschlingen, man wehrt sich mit aufgeblasenem Blech, vielen unsinnigen Pferdestärken, Mäh- und Schneidemaschinen aller Art.
Standardhaus mit Standardauto in Murfreesboro.
Im Sommer sollen Millionen von Mücken aus den Sümpfen aufsteigen, so dass man Babys nicht draussen lassen kann, weil sie sonst ausgesaugt werden. Diese Information stammt allerdings von jemandem, der uns gefragt hat, ob wir mit dem Auto zurück nach Europa fahren.
Natur wird hier nicht wie bei uns als schützenswert und bedroht gesehen, sondern als Gegnerin der menschlichen Lebensform. Darum kann man alte Traktoren, Bagger und Trucks einfach stehen lassen, wo sie kaputt gegangen sind, da sie sowieso vollständig überwuchert werden, wie wahrscheinlich bald auch die sich entleerenden Siedlungen.
Baptistenkirche in Murfreesboro.
Baptisten, die wegen ihres Glaubens aus Europa geflohen sind, besiedelten den heute sogenannten Bibelgürtel, der von der Ostküste über Arkansas bis nach Texas reicht. Konservatives Kernland mit vielen Kirchen, massivem Übergewicht der Bewohner und in Murfreesboro, wo wir die letzte Zeit verbrachten, auch einem Alkoholverbot.
Wie sucht man etwas, das man nicht kennt?
In den vergangenen zwei Wochen haben wir hier im Dreck gewühlt, um Diamanten zu suchen, am einzigen Ort auf dem Planeten, an dem es als Privatperson gefahrlos möglich ist, Diamanten zu schürfen, im Crater of Diamonds State Park in Murfreesboro, Arkansas, USA.
Der Grund für dieses Projekt ist, dass ich vor ein paar Jahren die Idee hatte, aus einem Diamanten einen Bleistift zu machen, um damit wieder Diamanten zu zeichnen. Graphit, der Rohstoff, aus dem Bleistiftminen bestehen, und Diamant sind die zwei natürlichen Formen von elementarem Kohlenstoff. Es besteht zwischen ihnen nur der Unterschied einer stabilen Unordnung. Diamant hat eine hyperordentliche Struktur, die selten vorkommt, darum viel wert ist und schön funkelt, Graphit eine, die nicht so stabil ist. In der Industrie wird Graphit unter hohem Druck und grossem Aufwand zu Diamant umgeformt, der umgekehrte Weg ist auch möglich und theoretisch um einiges einfacher. Praktisch habe ich es noch nicht ausprobiert, aber das wird in naher Zukunft geschehen.
Shirley Strawn (links) hat den grössten Diamanten gefunden, der heute in der Mine ausgestellt ist.
Es war seltsam und anstrengend, etwas zu suchen, das man eigentlich nicht kennt und von dem man nicht genau weiss, wie es aussieht. Die Diamantenschürfer sagten: Wenn du einen siehst, weisst du, dass du einen hast. Aber nach ein paar Tagen schaufeln, sieben, schürfen und eingehender Betrachtung und Beratung über jedes halbtransparente Steinchen, habe ich angefangen zu zweifeln, ob wir wirklich wissen, wonach wir suchen. Oder überhaupt fähig sind, etwas zu finden, das man so noch nicht gesehen hat.
Ein anderer Schürfer meinte: Der Schlüssel dazu, einen Diamanten zu finden, ist, dass es keinen Schlüssel gibt. In diesem Sinn haben wir stur weiter gemacht: Gewannen Routine in der Handschürftechnik und entwickelten einen Blick für die vielversprechendsten Ansammlungen von Kies im Schmodder.
Grob überschlagen haben wir in 13 Tagen in der Mine etwa sechs Tonnen Material von Hand durchgearbeitet, was sich in Verspannungen und morgendlichen Gliederschmerzen niederschlug. Wir wurden immer stummer und meistens taub für die sich ähnlicher werdenden Geschichten überspektakuläre Funde, die sich die Diamantensucher an den Waschtrögen erzählten.
Das Land der unwahrscheinlichen Möglichkeiten
Die ganze Sache kam mir immer mehr vor wie eine Metapher auf mein Leben, immer auf der Suche nach irgendwas, von dem ich nicht genau weiss, was es ist, und auch nicht weiss, ob ich es überhaupt finden kann. Aber wir sind ja in den USA, und wie in vielen Hollywoodfilmen müssen die Helden erst mal ein bisschen untendurch, um dann im letzten Moment ins Happyend entlassen zu werden.
Nachdem ich die Hoffnung endgültig aufgegeben hatte, etwas zu finden und wir nur noch unmotiviert die letzten Eimer vor der Abfahrt abarbeiteten, war auf einmal einer da, lag oben auf dem gesiebten Kies und glitzerte wie nichts anderes. 0,47 Karat weiss, und wenn auch sehr klein, so doch der grösste Diamant, der auf der Anzeigetafel über die letzten Funde verzeichnet war.
Der am 23. April gefundene Diamant.
Der Assistent fährt und die Landschaft öffnet sich, weniger Bäume, es wird flacher. Das ist der Anfang der grossen Ebenen, die sich bis zu den Seen und dem Rustbelt im Norden hinziehen. Rechtwinklige Felder und Silos, die aussehen wie Atomraketen. Hier wird das Kohlenhydrat für den immensen Appetit der Amerikaner produziert. Das jetzt noch zarte Grün auf den Feldern wird sich zu Weizen, Mais oder Soja auswachsen und sich dann, nach einigem chemischen oder biologischen Umformen, als Fett an den Körpern der Leute niederlassen.
Unser nächstes Ziel ist Dearborn in Missouri mit 470 Einwohnern, wo ein Bekannter aus St.Gallen mitten in dieser leeren Landschaft einen Lebenspartner gefunden und geheiratet hat. Die beiden liegen 40 Jahre auseinander, der eine Farmer, der andere Sprayer. Wenn ich mir das jetzt so bedenke, scheinen die USA, wenn schon nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dann zumindest das Land der unwahrscheinlichen Möglichkeiten zu sein.
Thomas Stüssi, 1978, ist Künstler und lebt in Teufen. Er war diesen Frühling in Arkansas.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
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