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10 Jahre Solidaritätsnetz Ostschweiz

2004 ist das Solidaritätsnetz Ostschweiz gegründet worden. Es war die engagierte Antwort auf die Verschärfungen des Asylgesetzes. Die Erfolge können sich heute nach zehn Jahren sehen lassen.
Von  Harry Rosenbaum

«Das Solidaritätsnetz entstand, weil sich der Staat aus der Flüchtlingspolitik zurückgezogen hatte und die Leute auf die Strasse stellte», sagt Josef Wirth. «Dadurch sollte die Schweiz für die Flüchtlinge unangenehm gemacht werden, so dass sie möglichst schnell das Land wieder verlassen und nie mehr zurückkehren sollten. Wir aber machen das Gegenteil. Wir schauen, dass die Flüchtlinge, so lange sie hier sind, in menschlichen Verhältnissen leben können.» Wirth ist katholischer Pfarrer in St. Fiden und als Freiwilligenarbeiter seit drei Jahren Mitglied der zehnköpfigen Solinetz-Koordinationsgruppe und auch deren Mediensprecher.

Foto Josef WirthDie Basisbewegung der Organisation zählt heute über 1300 Personen. Ideell und finanziell werden die Aktivitäten von einem gemeinnützigen Verein und über Spenden unterstützt. Solinetz ist mit öffentlichen Stellen und Organisationen vernetzt und unterhält in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Graubünden und beider Appenzell Regionalgruppen. Kernaufgabe ist, den nicht anerkannten Flüchtlingen den Aufenthalt bei uns möglichst menschlich zu gestalten. Mitarbeit und Engagement bei Solinetz erfolgt freiwillig und unbezahlt.

Seit 2011 unterhält die Organisation an der St. Galler Fidesstrasse 1 das Solihaus, das die Stadt vermietet. Es wurde von Handwerkern, Flüchtlingen und Solidaritätsmitgliedern in unbezahlter Arbeit renoviert. Das Haus bietet neben einem Mittagstisch Platz für die gemeinsamen Aktivitäten von Migranten, Flüchtlingen und Einheimischen. Hier ist auch das Büro des Netzwerkes untergebracht und werden Beratungen und Schulungsprogramme angeboten.

Sprüche und Ängste

Die Solinetz-Arbeit findet in einem schwierigen Umfeld statt. «In der Flüchtlingspolitik ist nach wie vor die SVP tonangebend», sagt Pfarrer Wirth. «Weil die Parteien in der Mitte keine Wähler und Wählerinnen verlieren wollen, ziehen sie mit der SVP mit, auch wenn diese ihre Haltung noch verschärft. Bemühend ist, dass das Thema nach wie vor weitgehend über Sprüche abgehandelt wird, die sich auch noch ständig wiederholen.» Tenor sei das unablässige Schüren von Ängsten vor dem Fremden und das undifferenzierte Einteilen der Flüchtlinge in «unechte» und «echte», natürlich mehrheitlich in «unechte». Das führe automatisch zu einer vergifteten Atmosphäre, die keine sachliche Diskussion zulasse.

Aber trotzdem, es gibt in der Flüchtlingsarbeit auch Erfolgserlebnisse. Pfarrer Wirth formuliert das so: «Für mich persönlich ist der menschliche Austausch, der bei diesem Engagement stattfindet, sehr wertvoll. Und Lichtblicke sind, wenn wir zugunsten eines Flüchtlings oder einer Flüchtlingsfamilie mit einem Rekurs gegen einen behördlichen Entscheid obsiegen. Aber auch wenn wir diesen Menschen eine Wohnung oder Arbeit vermitteln können, ist das ein Aufsteller.»

images«Ich schaue, dass ich mindestens einmal in der Woche an einem Mittagstisch hier im Solihaus teilnehmen kann», sagt Wirth. «Mich fasziniert die Atmosphäre und die Liebenswürdigkeit der Menschen.» Der Mittagstisch scheint eine besondere sozial-psychologische Dynamik zu haben. Ursprünglich wurden die Flüchtlinge von Schweizerinnen und Schweizern bekocht. Ohne spezielle Aufforderung ergriffen sie aber schnell selber die Initiative. Heute kochen fast ausschliesslich die Flüchtlinge. Auch wenn sie aus verschiedenen Kulturen kommen und eigene Speisegewohnheiten mitbringen, funktioniert das auf wunderbare Weise multikulturell, ohne Absprachen. Grosse Küchenpräsenz hätten die Leute aus Ostafrika, sagt Wirth. Sie seien gegenwärtig auch die Hauptgruppe unter den Flüchtlingen. Die verschiedenen Nationen werden in der Küche des Solihauses ziemlich gefordert, weil die Gerichte aus heimischen und saisonalen Produkten zubereitet werden müssen – und das auf eine Weise, dass sie allen schmecken.

Zwischen Politik und Ethik

Am Mittwoch lädt das Solidaritätsnetz Ostschweiz Flüchtlinge, ausländische und einheimische Bürgerinnen und Bürger zu einem Begegnungs- und Diskussionsabend zum Thema «Menschenrechte in der heutigen Flüchtlingspolitik» ins St.Galler Waaghaus ein. Im ersten Teil spiegelt das Playback-Theater St. Gallen unter dem Titel «Fremd zu Hause» Erlebnisse im Zusammenhang mit der Frage, wie Flüchtlinge und Einheimische die Schweiz erleben. Danach nehmen unter der Leitung von Walter Eggenberger Jakob Büchler, Nationalrat und Landwirt, aus Sicht der Politik und die Theologin und Autorin Ina Praetorius aus Sicht der Ethik Stellung.

(Kein) Spiel mit Flüchtlingen, Begegnungs- und Diskussionsabend, 5. November, 19 Uhr, Waaghaus St.Gallen 

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