«Das Solidaritätsnetz entstand, weil sich der Staat aus der Flüchtlingspolitik zurückgezogen hatte und die Leute auf die Strasse stellte», sagt Josef Wirth. «Dadurch sollte die Schweiz für die Flüchtlinge unangenehm gemacht werden, so dass sie möglichst schnell das Land wieder verlassen und nie mehr zurückkehren sollten. Wir aber machen das Gegenteil. Wir schauen, dass die Flüchtlinge, so lange sie hier sind, in menschlichen Verhältnissen leben können.» Wirth ist katholischer Pfarrer in St. Fiden und als Freiwilligenarbeiter seit drei Jahren Mitglied der zehnköpfigen Solinetz-Koordinationsgruppe und auch deren Mediensprecher.
Die Basisbewegung der Organisation zählt heute über 1300 Personen. Ideell und finanziell werden die Aktivitäten von einem gemeinnützigen Verein und über Spenden unterstützt. Solinetz ist mit öffentlichen Stellen und Organisationen vernetzt und unterhält in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Graubünden und beider Appenzell Regionalgruppen. Kernaufgabe ist, den nicht anerkannten Flüchtlingen den Aufenthalt bei uns möglichst menschlich zu gestalten. Mitarbeit und Engagement bei Solinetz erfolgt freiwillig und unbezahlt.
Seit 2011 unterhält die Organisation an der St. Galler Fidesstrasse 1 das Solihaus, das die Stadt vermietet. Es wurde von Handwerkern, Flüchtlingen und Solidaritätsmitgliedern in unbezahlter Arbeit renoviert. Das Haus bietet neben einem Mittagstisch Platz für die gemeinsamen Aktivitäten von Migranten, Flüchtlingen und Einheimischen. Hier ist auch das Büro des Netzwerkes untergebracht und werden Beratungen und Schulungsprogramme angeboten.
Sprüche und Ängste
Die Solinetz-Arbeit findet in einem schwierigen Umfeld statt. «In der Flüchtlingspolitik ist nach wie vor die SVP tonangebend», sagt Pfarrer Wirth. «Weil die Parteien in der Mitte keine Wähler und Wählerinnen verlieren wollen, ziehen sie mit der SVP mit, auch wenn diese ihre Haltung noch verschärft. Bemühend ist, dass das Thema nach wie vor weitgehend über Sprüche abgehandelt wird, die sich auch noch ständig wiederholen.» Tenor sei das unablässige Schüren von Ängsten vor dem Fremden und das undifferenzierte Einteilen der Flüchtlinge in «unechte» und «echte», natürlich mehrheitlich in «unechte». Das führe automatisch zu einer vergifteten Atmosphäre, die keine sachliche Diskussion zulasse.
Aber trotzdem, es gibt in der Flüchtlingsarbeit auch Erfolgserlebnisse. Pfarrer Wirth formuliert das so: «Für mich persönlich ist der menschliche Austausch, der bei diesem Engagement stattfindet, sehr wertvoll. Und Lichtblicke sind, wenn wir zugunsten eines Flüchtlings oder einer Flüchtlingsfamilie mit einem Rekurs gegen einen behördlichen Entscheid obsiegen. Aber auch wenn wir diesen Menschen eine Wohnung oder Arbeit vermitteln können, ist das ein Aufsteller.»
«Ich schaue, dass ich mindestens einmal in der Woche an einem Mittagstisch hier im Solihaus teilnehmen kann», sagt Wirth. «Mich fasziniert die Atmosphäre und die Liebenswürdigkeit der Menschen.» Der Mittagstisch scheint eine besondere sozial-psychologische Dynamik zu haben. Ursprünglich wurden die Flüchtlinge von Schweizerinnen und Schweizern bekocht. Ohne spezielle Aufforderung ergriffen sie aber schnell selber die Initiative. Heute kochen fast ausschliesslich die Flüchtlinge. Auch wenn sie aus verschiedenen Kulturen kommen und eigene Speisegewohnheiten mitbringen, funktioniert das auf wunderbare Weise multikulturell, ohne Absprachen. Grosse Küchenpräsenz hätten die Leute aus Ostafrika, sagt Wirth. Sie seien gegenwärtig auch die Hauptgruppe unter den Flüchtlingen. Die verschiedenen Nationen werden in der Küche des Solihauses ziemlich gefordert, weil die Gerichte aus heimischen und saisonalen Produkten zubereitet werden müssen – und das auf eine Weise, dass sie allen schmecken.
Zwischen Politik und Ethik
Am Mittwoch lädt das Solidaritätsnetz Ostschweiz Flüchtlinge, ausländische und einheimische Bürgerinnen und Bürger zu einem Begegnungs- und Diskussionsabend zum Thema «Menschenrechte in der heutigen Flüchtlingspolitik» ins St.Galler Waaghaus ein. Im ersten Teil spiegelt das Playback-Theater St. Gallen unter dem Titel «Fremd zu Hause» Erlebnisse im Zusammenhang mit der Frage, wie Flüchtlinge und Einheimische die Schweiz erleben. Danach nehmen unter der Leitung von Walter Eggenberger Jakob Büchler, Nationalrat und Landwirt, aus Sicht der Politik und die Theologin und Autorin Ina Praetorius aus Sicht der Ethik Stellung.
(Kein) Spiel mit Flüchtlingen, Begegnungs- und Diskussionsabend, 5. November, 19 Uhr, Waaghaus St.Gallen
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht