, 30. Juni 2017
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1:0 Rapperswil vs. Sittertobel

Jan Delay macht grad ein Ostschweiz-Tüürli. Das ist richtig gut für die Ostschweiz. Gestern Donnerstag spielte er am Blues’n’Jazz in Rapperswil, und am Samstag steht er mit den Beginnern um 00.45 Uhr auf der Sitterbühne am Openair St.Gallen.

Jan Delay mit schwarzweissem Regenbogen, fotografiert vom Rapperswiler Stadtpräsidenten.

Es ist einer dieser Abende. Der Wetterbericht verheisst nichts Gutes. Die dunklen Wolken rollen gewitterandrohend apokalyptisch über See und Voralpen und geben dem Wetterbericht recht. Doch dann leuchtet plötzlich ein Regenbogen über der Bühne auf dem Rapperswiler Fischmarktplatz, gerade so, als hätten die Lichttechniker ihr Arsenal um einen ganz besonderen Kniff ergänzt. Und als kurz nach neun Jan Delays Band Disko Nr 1 die ersten Fanfaren gen Firmament schmettert ist klar: Es wird einer dieser ganz besonderen Abende.

«Jan Delay ist ein deutscher Hip-Hop-, Reggae-, Soul-, Rock- und Funk-Musiker», heisst es auf Wikipedia. Es wäre besser, wenn Rock und Funk vertauscht wären. Denn Jan war zuerst Hip-Hop-Musiker, und dann kamen Reggae, Soul und Funk und schliesslich, mit dem Album Hammer & Michel im Jahr 2014, der Rock dazu.

Jan blickt tatsächlich auf eine bewegte Musikergeschichte. Bereits 1991, 15-jährig, gründete er mit Freunden die Absolute Beginners, die später zu den Absoluten Beginnern wurden und seit 2013 nur noch die Beginner sind. Damit gehört er zu den Pionieren und ganz, ganz, ganz Grossen des deutschen Rap.

Parallel zu den Beginnern etablierte er sich als Solo-Künstler. Zuerst 2001 mit einem Reggae-Album, dann mit zwei Funk-Soul-Alben und schliesslich eben mit Hammer & Michel. Seit der ersten Funk-Soul-Platte Mercedes Dance 2006 («Reggae ist tot, jetzt ist Funk dran») landeten alle auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. In Rapperswil spielte er sich durch alle Jans.

Verdichtetes Tanzgold

Seit Jahren wird zu Gold, was Jan anfasst. Auch die verschiedenen Musikstile. Nicht, dass er die Musik neu erfindet. Aber seit er mit der vielleicht tightesten Band des Abendlandes, Disko Nr 1, musiziert, verdichtet er, was er anfasst, zu genial arrangiertem Tanzgold. Durchaus selbstironisch, keineswegs naseweis näselnd. Nach dem Reggae-Set im Programm auf dem Fischmarktplatz mahnt er das Publikum, wieder aufzuwachen. Es ist ein kurzer Kontrapunkt in einem Konzert, das grundsätzlich auf bewegte Knie-, Hüft- und andere Gelenke sowie wild wackelnde Hintern abzielt.

Auf dem ganzen Fischmarktplatz und der VIP-Tribüne (als Jan das Publikum auffordert, ein Kleidungsstück über dem Kopf zu schwenken, ruft er den VIPs zu: «Wenn ihr kein freies Kleidungsstück habt, dann schwenkt wenigstens eure riesigen Geldscheine!») tummelt sich viel einheimisches und importiertes Gemüse. Es bleibt aber – vielleicht der Wetterlage sei Dank – genügend Raum für ausschweifende Tänze und ellbogenkampffreie Biertransportgänge zu Bars, wo man keine drei Minuten aufs Getränk wartet.

Jan Delay läuft sich warm fürs Blues’n’Jazz.

Einer dieser Roboter

Man stellt fest: Jan ist ein sympathischer Kerl, der sich mit ansteckender Überenergie durchs Konzert tanzt und singt und rappt, Disko Nr 1 ist einer dieser Roboter aus den Filmen, einer von denen, die nebst mathematischer Robotergenauigkeit menschliche Emotionen zeigen, und wenn man die Backgroundsängerinnen hört und ihnen zuschaut, denkt man: Doch, Menschen sind eigentlich schon noch gut.

Und dann muss auch mal gesagt sein, dass die Soundanlagen, die heute auf grossen Festivals stehen, wirklich richtig gut klingen. Besonders dann, wenn ein Konzert so seidenfein gemischt ist wie das von Jan Delay und Disko Nr 1.

Zum Schluss des Konzerts fielen doch noch ein paar Tropen. Aber weil der Fischmarktplatz mit Pflastersteinen und nicht mit stinkendem Schlamm ausgestattet ist, steht es vorläufig 1:0 Rapperswil vs. Sittertobel.

Stimmung, festgehalten von der Rapperswiler Sängerin Jessy Hirschi.

 

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