100 Mal unverschämte Leichtigkeit
Ein Kunstblatt feiert 100 Ausgaben: Dafür reist Gaffa mit seinem Zine durch vier Schweizer Städte, den Auftakt macht St.Gallen. Weitere Ausgaben sind vorerst nicht geplant, Gaffas Zukunft wird dreidimensional.
Das Kunstkollektiv Gaffa feiert sein 100. Zine und eine dreidimensionale Zukunft. (Bild: pd)
Ein 2016 geborenes Zine wird 100! Zumindest sind 100 Ausgaben geboren. Oder wird doch Freddy Gaffa 100 Jahre alt – oder sein Traumhaus auf Teneriffa? Wie auch immer, Grund zum Feiern gibts allemal! In der St.Galler Kunsthalle gibt es zwar keinen Kuchen und schon gar nicht 100 Kerzen, dafür Suppe und 100 Seiten Kunstblatt. Und jede Menge Gäste, die Freddy zum Hundertsten die verzerrten, verformten und inszenierten Hände schütteln wollen.
Seit nicht ganz 100 Jahren produziert das Künstler-Kollektiv Gaffa (Linus Lutz, Lucian Kunz, Dario Forlin und Wanja Harb) monatlich ein Magazin, dass mit irrwitzigen Collagen zu jeweils einem Thema seine Abonent:innen beglückt. Mit ihrer Kunst treffen sie einen Nerv der Zeit: surreal, optimiert und radikal einfach zugleich. Irgendwo zwischen Meme, Grafik und Fotografie. « Unverschämt leicht» nennt es Lucian Kunz: «Viele Leute können sich mit unserer Kunst irgendwie fallen lassen, sie ist niederschwellig und einfach.» So finden sich im 100. Gaffa-Zine Pferde mit überdimensionierten Cowboy-Hüten, ein Bild vom Eiffelturm, aber statt dem Eisengerüst stapeln sich Bratwürste, Elvis mit verzerrtem Gesicht und der Papst mit einer Morchel auf dem Kopf.
Unverschämt leicht und radikal einfach - die Kunst von Gaffa. (Bild: pd)
Genauso «einfach» wie die Kunst ist auch die Geburtstagsfeier in der Kunsthalle. Statt mit überdimensionalen Ballons und Champagner aus Limousinen förmigen Gläsern pompös zu feiern – was Gaffa zuzutrauen gewesen wäre –, hängen mit Klebeband befestigt die hundert Seiten des letzten Magazins an der Wand, auf dem Tisch steht ein riesiger Topf mit Suppe, das Kässeli für die Einnahmen durch Gaffa-Merchendise wurde vergessen und wird nachgeliefert.
Die 100. Ausgabe des Gaffa-Zines ist «wie immer, aber dicker». A5, schwarzweiss, lustig. Doch diesmal bestimmt nicht ein Thema die Collagen, sondern ein thematischer Querschnitt durch die letzten Jahre. Echte Fans entdecken so wiederkehrende Symbole wie Delfine, Kondensstreifen, Autos oder Darth Vader. «Es hat einfach Spass gemacht, dieses Heft zu produzieren», erzählt Linus Lutz. «Das Magazin war eine Output-Schleuder.» Zeitweise sei dies auch anstrengend gewesen und man befürchtete sich zu wiederholen, fügt Kunz an. Auch deshalb stockten ab etwa 60 oder 70 Magazinen die kreativen Säfte. «Irgendwann haben wir deshalb entschieden, dass es nur 100 Nummern geben wird – darauf konnten wir dann motiviert hinarbeiten.»
Die Kunsthalle machte den Auftakt zur Zinereleasetour. (Bild: Saiten)
Mit dieser letzten Ausgabe ist das Zine zu Ende, nicht aber die Kunst, geschweige denn das Kollektiv. In Zukunft wolle sich das Quartett auf das 3D-Schaffen fokussieren und in einem ersten Schritt eine Atelier-Praxis etablieren, berichten Lucian Kunz und Linus Lutz. Denn bisher habe das Kollektiv on Location gearbeitet, ohne Studio. Die Schnecken für «Sluglife» wurden im Architekturforum zusammengebaut, auch die Limousine in Arbon für «Level Up» ist vor Ort entstanden. Jetzt sucht Gaffa einen Ort, um Konzepte zu schmieden und die Zukunft zu planen. Denn ein erstes mögliches Projekt glitzert schon am Horizont – wie das Sünneli im hinteren Teil von Ausgabe 100.
«Vieles ist mit uns einfach passiert», erzählt Kunz. «Anfragen und Möglichkeiten haben sich einfach entwickelt.» So arbeiten die vier Neffen von Alias-Onkel Freddy Gaffa bisher alle noch in anderen Berufen, haben das Zine und die Kunst immer nebenbei aus Spass betrieben. Geschaut, wer was wie beitragen kann. «Jetzt müssen wir formulieren, was wir machen wollen und Konzepte erarbeiten, das ist neu und aufregend», so Kunz.
Nur schon deswegen sind Kunz, Lutz, Harb und Forlin nicht ganz so traurig über das Ende des Zines – obschon die Gefühle diesbezüglich unterschiedlich gelagert seien, so Lutz. Während der letzten neun Jahre habe sich aber auch ihr Kollektiv gefestigt und vor allem ihre Freundschaft weiterentwickelt. Aus den vier Arbeitskollegen aus dem Palace sind richtig enge Freunde geworden. Geld, welches sie mit dem Zine, das hauptsächlich selbstragend gewesen sei – «ums Geld gings uns nie» –, verdient haben, wurde in gemeinsame Ausflüge oder Abendessen investiert, berichtet Linus Lutz weiter.
Und das obwohl sie alle über die Schweiz verteilt in verschiedenen Städten wohnen. Ein Atelier suchen die vier allerdings in St.Gallen. Lucian Kunz: «Hier fühlen wir am meisten Verbundenheit, Ruhe und Rückhalt durch die Stadt.» Dafür feiert das Quartett den 100. Geburtstag des Magazins neben St.Gallen auch in Bern, Basel und Zürich. Ob sie selber 100 Jahre alt werden wollen? Lucian Kunz und Linus Lutz winken lächelnd ab, nicht wirklich.
«100 Jahre Gaffa»: 1. November, 14–18 Uhr, Galerie Guillaume Daeppen, Basel; 8. November, ab 19 Uhr, soso, Bern; 26. November, 20–22 Uhr, Cabaret Voltaire, Zürichgaffa.world
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