Es ist eine unscheinbare Ecke; wer Rorschach nicht so gut kennt, wird das Areal kaum im Kopf haben. Aber das kann sich ändern: Für rund drei Jahre ist hier ein Zwischennutzungs-Projekt geplant, «aufgegleist» würde auch gut passen, denn gleich nebenan fahren die Züge durch, das Leben hier ist vom Takt der Barriere Mariabergstrasse mitbestimmt.
«1000 m2» heisst das Projekt simpel; so viel Fläche steht in den drei etwas ineinander verschachtelten Gebäuden an der Ecke Eisenbahnstrasse und Mariabergstrasse zur Verfügung. Hinter dem Plan steht die Architektin Isa Stürm, die Zwischennutzung hat sie zusammen mit der St.Galler Agentur Alltag entwickelt, Interessenten und Ideen sind gefragt, ab Juli sind die Räume frei, und die Formel heisst so simpel wie schlagend: «Je besser die Idee, desto günstiger die Miete.»
Gute Ideen: Das könne vieles heissen, sagt Isa Stürm. Künstlerische, handwerkliche, soziale Tätigkeiten sind denkbar, die Räume in den bisher gewerblich genutzten Bauten sind vielfältig, gefragt seien «Leute, die etwas probieren wollen». Wichtig ist ihr: Was in dem Haus passiert, soll möglichst der Rorschacher Bevölkerung zugute kommen und zur Identifikation mit dem Ort beitragen.
Isa Stürm ist mit dem Ort gleich dreifach verbunden, als Grundeigentümerin, als Architektin und als hier Aufgewachsene. Im angrenzenden klassizistischen Gebäude Mariabergstrasse 19 hat sie ihre Jugend verbracht, ihr Grossvater war als Eisenhändler hierher gezogen, der Vater machte die Stürm AG zum Eisenwarenkonzern und wichtigen Arbeitgeber in der Region. Sie kenne das Quartier also «wie ihre Hosentasche». Was hier passiere, interessiere sie professionell, als Architektin, und es betreffe sie biographisch.
Was hier passiert, geht denn auch über die aktuelle Zwischennutzung weit hinaus. Die Stadt hat zusammen mit der Architektin und weiteren Beteiligten eine Stadtteil-Entwicklung in Gang gesetzt. Sie nimmt das ganze Geviert zwischen Mariabergstrasse, Eisenbahnstrasse, Kirchstrasse und Kolumbankirche ins Visier. Isa Stürm lobt den planerischen Prozess als vorbildlich und partizipativ. Es gebe ein Gesamtkonzept, Grundeigentümerinnen, Nachbarn, Planer und auch der Kanton seien eingebunden, ihre Anliegen würden gehört. «Mit der Stadt kann man planen».
1000m2.ch, stuermwolf.net
Auf dem heute der Gewerbezone zugehörigen Areal sollen Wohnungen entstehen, verdichtet, aber nicht in Hochhausmanier wie im «Stadtwald» oder als störende Querriegel, sondern mit Rücksicht auf die Baugeschichte des Quartiers. Um Seesicht, dieses Zauberwort des Rorschacher Standortmarketings, gehe es an diesem Standort weniger, sagt Isa Stürm. Sondern um Wohnraum an zentralster Lage, nah bei allen drei Bahnhöfen – den See habe man in der Stadt sowieso ständig bei sich, man schmecke ihn, man spüre ihn…
Rorschach und der See: Das Spezielle am Rorschacher Blick sei, dass er immer nach Norden gerichtet sei, nicht sonnenwärts, sondern mit der Sonne im Rücken über den Spiegel des Sees, eher diffus als mit scharfen Konturen, aber mit Blick ins Offene. Weitblick habe schon die Baugeschichte der Stadt und der ganzen Bodenseeregion geprägt; auf kleinem Raum lasse sich hier europäische Baukultur aus diversen Epochen studieren. Rorschach, als Transitort, Handelsstadt, Industriemetropole, Marktflecken und Badeort historisch vielfältig vernetzt, habe Stil und Klasse und eine «baukulturelle DNS», sagt Isa Stürm.
Grosses Lob von einer Architektin, die mit ihrem Büro unter anderem der St.Galler Lokremise und dem Kunstzeughaus Rapperswil neues Leben eingehaucht oder in Zürich die Grossüberbauung Röntgenareal der Sozialversicherungsanstalt SVA realisiert hat.
In Rorschach geht es vorerst um Kleineres: um gute Ideen für 1000 Quadratmeter.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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