Seit 2018 fahren die Appenzeller Bahnen in St.Gallen zwischen dem Güterbahnhofareal und dem Riethüsli durch einen Tunnel. Dadurch ist neben dem Ruckhaldenrank, einst Europas engster und steilster Zahnradbahnkurve, ein grosses Areal zur Überbauung frei geworden. Ein Jahr nach der Tunneleröffnung schlug die genossenschaftlich abgestützte IG Ruckhalde vor, hier eine Siedlung mit bezahlbaren Wohnungen zu bauen. Nicht nach kommerziellen Überlegungen von Investoren geplant, sondern nach Bedürfnissen zukünftiger Bewohner:innen, so die Forderung.
Das provozierte schon bald Kreise aus dem Immobilienbusiness. Ingenieur Oskar Seger, Immobilienspezialist Thomas Mesmer und Architekt Thomas Egli gründeten als Reaktion auf die genossenschaftlichen Vorschläge die IG Zukunft Ruckhalde. Für das Areal müsse ein Gesamtleistungswettbewerb ausgeschrieben werden, forderten sie. Neben Genossenschaften müssten auch Investoren bauen können.
Nach diesem ersten Disput wurde es ruhig um den steilen Nordhang, bis die Stadt einen Beitrag für die Teilnahme mit diesem Areal am Europan-Wettbewerb budgetierte. Europan ist ein europaweit ausgeschriebener, städtebaulicher Wettbewerb für junge Architekt:innen und Planer:innen. Der Kredit löste einen politischen Wirbel aus: das Stadtparlament wollte hier sparen und strich den Beitrag einstimmig aus dem Budget 2025, der Stadtrat gab im vergangenen März den Betrag aus der Investitionsrechnung aber doch frei.
Siegerteams aus Spanien
Jetzt liegen die Resultate vor: Zwei von insgesamt 15 Ruckhalde-Studien hat die Europan-Jury zu Gewinnern erklärt. Beide tragen fantasievolle Namen: «Die den Gletscher bewohnen» und «Abbey in RE major». Beide stammen von Teams aus Spanien, denn dort hat der Europan-Wettbewerb einen hohen Stellenwert, weil junge Berufsleute, im Gegensatz zur Schweiz, wenig Möglichkeiten haben, sich an Wettbewerben zu beteiligen.
Das eine der Siegerteams suchte nach lokalem Know-how und fand via Verbindungen in ein Zürcher Architekturbüro Roman Schober. Er stammt aus dem nahem Appenzellerland, hatte ursprünglich eine Lehre als Hochbauzeichner absolviert und in St.Gallen die Berufsschule besucht. Das zweite preisgekrönte Team, eine Doktorandin und ein Doktorand der Universität Barcelona, war anlässlich der Preisverleihung zum ersten Mal in St.Gallen. Dank vieler leicht auffindbarer Informationen und Grundlagen sei die Planung aus Distanz kein Problem gewesen, erklärten die beiden an der Preisverleihung. Nicht erwartet hätten sie allerdings, dass der Spaziergang über den Ruckhaldenhang derart dreckige Schuhe hinterlasse.
St.Gallens Stadtplaner Florian Kessler lobte die Vorschläge der jungen Berufsleute, denn dieser Nordhang bringe einige Herausforderungen mit sich. Nicht ohne Grund ist er immer noch unbebaut. Die Vorschläge würden nun das Feld der Ideen nochmals öffnen, sagte er. Allerdings ging es im Wettbewerb ausdrücklich nicht um ein konkretes Bauprojekt. Europan-Jurypräsidentin Regula Lüscher wies darauf hin, dass sich die Teams mit der Situation und dem vorgegebenen Thema «resourcing» intensiv beschäftigt und neue, ungewohnte und überraschende Perspektiven aufgezeigt hätten. Architektur werde in vielen Vorschlägen als Teil der natürlichen Kreisläufe aufgefasst. Das Resultat seien sorgfältigen Analysen und kluge Positionierungen der Bauten. Genau das sei das Ziel des Europan-Wettbewerbs: Er wolle das freie Denken fördern, «aus dem drögen Alltag» herausführen.
Auf der Moräne bauen und die grosse Form
Das fünfköpfige Team mit Roman Schober wurde von der Jury für sein Projekt «Die den Gletscher bewohnen» gelobt, weil es darin einen weiten erdgeschichtlichen Bogen schlägt, indem es die Ruckhalde als Ort eines ehemaligen Gletschergebietes betrachtet. Bäche und Sedimente sollen freigelegt werden, als Symbol dafür, dass Bauen und Wohnen einem Stoffwechsel gleichen, der fürs Leben nötig ist. In einem grossen Schema zeigt das Team den Zusammenhang von lokalen Ressourcen. Entstehen könnte eine Mischung von Terrassenhäusern, Zeilen- und Solitärbauten – in Etappen von oben nach unten. Möglichst viele der heute auf dem Areal untergebrachten Familiengärten sollen belassen werden oder einen neuen Platz bekommen.
Das andere Siegerprojekt, «Abbey in RE major», schlägt als Überbauung eine teils zickzack-förmige, teils kurvige Grossform vor, angelehnt an das gemeinschaftliche Wohnen im Kloster. Der Vorschlag löst auf den ersten Blick Kopfschütteln aus, aber die Jury sieht ihn als Beispiel für den schonenden Umgang mit dem Boden. Er stellt auch die Frage, wie wir zusammenleben wollen und macht mit einer überdachten «Agora», einem weiten Platz, einen Vorschlag für einen zentralen Treffpunkt.
Unterschiedlichste Vorschläge
Viele der Verfasser:innen der 15 eingereichten Projekte haben sich offensichtlich auf der Website der IG Ruckhalde informiert und zum Beispiel den dort geforderten Einbezug des Quartiers und potenzieller Bewohner:innen aufgenommen. Die IG verlangt eine solche gemeinschaftliche, ökologische und kooperative Planung. Diesen Aspekt hatte die Stadt auf Drängen der IG Ruckhalde mit in die Europan-Ausschreibung gepackt.
Nun gibt es dafür mehrere Vorschläge. Fast alle Projekte schlagen vor, das ehemalige Bahntrassee als Erschliessungsweg beizubehalten. Zwei geben ihren Projekten auch einen entsprechenden Namen: «In search of lost trains» und «Sankt Gallen au fil du train». Was die Projektverfasser:innen aber offensichtlich nicht wussten: die Schienen der berühmten Kurve sind dank einer Intervention des Heimatschutzes gerettet und könnten in ein Gestaltungsprojekt für die Umgebung als Hommage an die technische Pioniertat wieder eingebaut werden. So wie beispielsweise in der Lokremise oder in der Überbauung des Saurer-Areals in Arbon die alten Gleise erhalten sind.
Ein Projekt schlug eine Brücke von der Ruckhalde bis zu den SBB-Gleisen vor.
Das Spektrum der Projekte ist breit: Sie reichen von eher konventionellen Terrassenhäusern bis zu Gebäuden auf Stelzen und Hochhäusern, von einer verkehrsfreien Siedlung bis zu mehreren hundert Parkplätzen oder einer neuen Buslinie über die bergwärts verlängerte Langweidstrasse. Ein Projekt überrascht mit dem Vorschlag, den Hang nicht zu überbauen und ihn weiterhin als Areal für die heute rund 80 Familiengärten und als Park zu gestalten. Im Zentrum der früheren Bahnkurve könnten ein Badepool und ein Turm mit einer Brücke entstehen, die über die Oberstrasse bis an den Rand des Gleisfelds reicht.
Neue Diskussionen folgen
Wie geht es nun weiter? Vorstandsmitglieder der IG Ruckhalde, die an der Preisverleihung dabei waren, beurteilten die offene Ausgangslage nach den präsentierten Arbeiten als interessant, monierten allerdings, dass sie die Mittel für den Wettbewerb samt Jurierung und Preisverleihung in St.Gallen lieber für ihre Weiterarbeit zur Verfügung gehabt hätten. So könnte man eine breit angelegte Diskussion auch mit künftigen Bewohner:innen in Gang bringen.
Zu einer ersten Diskussionsrunde hat die Stadtplanung die «Anspruchsgruppen» auf den 10. Februar bereits eingeladen. Dort werden alle 15 Wettbewerbsbeiträge präsentiert und diskutiert. Danach soll entschieden werden, wie der Planungsprozess weitergeht. Ziel sei es, das Areal im Baurecht an unterschiedliche Bauträger abzugeben, heisst es seitens der Stadt.