Ein Mensch schneidet eine Hecke. Das Normalste der Welt. Bloss ist die Hecke zu hoch. Also hat sich der Mensch aus zwei umgekippten Schubkarren und einem darübergelegten Brett ein Podest gebaut. Und einer hat hingeschaut und abgedrückt: Jiří Makovec. Die Bildlegende erklärt, wo das geschah: an einer «Seestrasse», irgendwo.
«What do you photograph?» – «Everything.»
«Where would you like to go?» – «Everywhere.»
So steht es im Nachwort.
Weesperplein (Two Women), 2014.
Jiří Makovec fotografiert, was ihm vor die Kamera kommt, wo immer er sich aufhält, From … To …, wie es der Buchtitel verspricht. Er mag die Normalität, den Alltag, und vermutlich mag er ihn deshalb, weil im vermeintlich Gewöhnlichen immer das Einmalige, nur gerade hier und jetzt Stattfindende steckt. Makovecs Buch ist voll mit diesen Sensationen des Alltäglichen, übervoll: 1525 Bilder legen Zeugnis ab vom Leben, das unablässig, rund um die Uhr und rund um den Globus, passiert und das, so scheint es manchmal, nur darauf gewartet hat, dass einer wie Makovec kommt und es sieht und festhält.
Zum Beispiel die zwei Frauen an einer Tramhaltestelle in den Niederlanden. Oder: wie ein älteres Paar versucht, über einen Drahtzaun zu steigen (Scala dei Turchi). Wie einer ein Nickerchen macht auf dem Betonporsche vor dem Kunsthaus Bregenz, wie ein Hund (immer wieder: Hunde!) vor einer Leuchtreklame die verlassene Hongqi Lafu Road in der chinesischen Stadt Tashkurgan quert oder, in der selben Stadt, ein Mensch mit Mundschutz vor einer Schulhauswand sitzt, über ihm gemalte Porträts von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und Deng Xiao Ping.
Jiří Makovec, 1977 in Prag geboren, lebt in St.Gallen, New York, in China, in Zürich – ein Globetrotter, der sich die grenzenlose Neugier auf das Leben, wie es wirklich ist, bewahrt hat. In umgekehrter Chronologie dokumentiert das Buch Aufnahmen von 2018 bis 2002. Damals, kurz nach 9/11, kommt er von Prag nach New York. In den ersten Jahren sind ausschliesslich US-Szenen sein Sujet; der Blick, so scheint es, sucht noch stärker das Spektakuläre, aus der Norm Fallende. Die Architektur ist dramatisch, die Menschen sind schrill, theatralisch. Mit den Jahren wirken die Bilder immer gelassener, selbstverständlicher.
Und der Horizont erweitert sich, Makovec geht zurück nach Prag, dann nach Asien, 2009 taucht erstmals St.Gallen im Bild auf. Es ist das Jahr, als Jiří Makovec in die Ostschweiz zieht, zu seiner Partnerin, der Künstlerin Jiajia Zhang, die auch das Nachwort zum Buch geschrieben hat. Verschiedentlich hat Makovec seither Bildstrecken zu Saiten beigetragen; 2018 erhielt er den Preis der Ortsbürger im Rahmen der jurierten Heimspiel-Ausstellung, 2017 einen Werkbeitrag der Stadt.
Jiří Makovec: From … To …, Jungle Books St.Gallen 2019, Fr. 58.-
Buchvernissage: 4. Dezember, 19.30 Uhr, Palace St.Gallen
jungle-books.com
Makovecs Zugang zur Welt sei weder dokumentarisch noch fiktional, schreibt Jiajia Zhang im Nachwort; vielmehr gehe es um den simplen Akt des Schauens. In der Fülle und Chronologie der Aufnahmen spiegle das Buch das alltägliche Tun des Fotografen und werde so auch zu einer Art Tagebuch.
Privates taucht in diesem Tagebuch aber nur mit höchster Diskretion auf. Was es herstellt, ist vielmehr Öffentlichkeit für die meist namenlosen Protagonisten dieser Welt. Gelegentlich kommen Freundinnen und Verwandte ins Bild, ganz selten bekannte Gesichter – Vaclav Havel etwa, der Künstler Roman Signer, Felix Lehner vom St.Galler Sitterwerk, immer mal wieder auch umgestürzte Statuen einstiger Herrscher.
Wer das kiloschwere Buch im LP-Format aufschlägt, bringt sich so schnell nicht wieder weg. Die Bilder haben einen Sog, sie stossen unentwegt Fragen an – wo sind wir, wer ist das, was passiert da grade und warum…? Ihre Überdosis kann einen Bildrausch samt Schädelbrummen zur Folge haben. Aber auch das Gegenteil: wachsende Neugier und geschärfte Sinne für die «condition humaine».
Grace Plaza (Man and Cops), 2009
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