2025 also, abgemacht!

Theaterfrau Ann Katrin Cooper über die Forderung nach einem Haus für die freie Szene und das neue Kulturkonzept der Stadt St.Gallen. 
Von  Peter Surber
Ann Katrin Cooper, 1979, ist Co-Leiterin des Panorama Dance Theaters und Kulturproduzentin. (Bild: Tine Edel)

Saiten: Wir führen dieses Gespräch am Tag der Premiere eures Panorama Dance Theaters – und dann ist auch noch Frauenstreik. Auftreten statt streiken: Ist das sinnbildlich für die Lage der Freien in der Tanz- und Theaterszene?

Ann Katrin Cooper: Der Premierentermin in Winterthur ist festgelegt worden, bevor vom Frauenstreik die Rede war – sonst hätten wir die Kollision natürlich vermieden. Andrerseits ist es schon typisch für die Freien, dass immer alles miteinander kommt, statt schön sortiert.

Du hast vor ein paar Jahren von einer Festanstellung am Theater St.Gallen in die freie Szene gewechselt, weg von der institutionalisierten Sicherheit. Was war der Grund?

Es hatten sich bei mir ganz viele Ideen angestaut, und die wollte ich realisieren. Mich hat es rausgedrängt, und ich habe den Entscheid keinen Tag bereut, auch wenn es herausfordernd ist. Ohne ein regelmässiges Monatseinkommen zu leben, daran muss man sich gewöhnen. Bis man merkt, dass es geht.

Und nicht drei Kinder zu versorgen hat…

Ja genau. In unserer aktuellen Produktion haben alle mitwirkenden Frauen keine Kinder. Die freie Szene ist für Familien eine grosse Herausforderung.

Was könnte dem abhelfen? Mehr Geld?

Mehr Geld, ja, um die Arbeit angemessener zu entschädigen. Je weniger Geld da ist, umso weniger flexibel ist man, weil man das Gefühl hat, Tag und Nacht arbeiten zu müssen, um eine Produktion auf gutem Niveau herauszubringen.

Das heisst, die Förderbudgets müssten erhöht werden? Wir reden hier ja über das neue Kulturkonzept der Stadt St.Gallen. Es schlägt eine Mehrjahresförderung für Ensembles vor, und ein Haus für die Freien.

Das wäre grossartig. Die Förderung heute ist zwar gut und klug, aber zu wenig nachhaltig. Sagen wir mal: 15 freie Gruppen sind hier tätig, sie müssen Proberäume, Licht- und Tonanlage mieten, dafür geben sie einen rechten Teil des Budgets aus. Wenn es Räume gäbe, die bereits ausgestattet sind, könnte man das Geld in Löhne umlagern oder in grössere Teams. Das würde das Niveau anheben und flexiblere Arbeitszeiten für junge Familien ermöglichen. Heute dagegen ist mit dem Geld für die Infrastruktur nichts Dauerhaftes aufgebaut – aber ausgegeben ist es trotzdem.

Die oft gehörte Forderung, Kulturförderung solle mehr in Menschen als in Häuser investieren, wäre also ein Trugschluss?

Beides stimmt. Man braucht zuerst einen Ort zum Proben und zum Aufführen, man braucht Licht, man braucht Ton,… Wenn gar nichts da ist, fängt der Kreislauf immer wieder von vorn an. Wenn das Haus da ist, können die Menschen darin arbeiten. Und dann kann man ein Publikum aufbauen und begeistern.

Du hast von 15 Gruppen gesprochen – sind es wirklich so viele? Eher kann man sie an anderthalb Händen abzählen.

Dass die Szene zu klein sei, darin steckt ein Denkfehler. Damit die Szene lebt, muss es attraktiv sein, hier zu sein und zu bleiben. Und daran hapert es heute. Wer in St.Gallen arbeitet, wird überregional kaum wahrgenommen. Man ist nicht Teil der nationalen Szene und Förderung. Denn um national gefördert zu werden, braucht man Koproduktionen und eine hohe Basisförderung vor Ort. Und für eine Koproduktion wiederum braucht man ein Haus, das einen engagiert und eine Gage zahlt.

Das heisst, die Stadt ist mit den zwei Zielen (professionell geführtes Haus und mehrjährige Förderung) auf dem richtigen Weg?

Ich finde: total. Bei der Vorstellung des Konzepts fanden einige, das sei utopisch und nicht zu finanzieren. Aber wenn man einen partizipativen Prozess durchführt und diese Forderung immer wieder genannt wird: Dann soll das auch im Konzept so stehen. Wie ein Haus für die Freien zu finanzieren ist, dafür ist die Politik gefragt, aber ich bin überzeugt, dass es über zehn Jahre hinweg nachhaltiger wäre, diesen Weg zu beschreiten.

Was wäre das Vorbild für St.Gallen?

Zum Beispiel die Kaserne Basel.

Die ist viel grösser…

Die ist gross, ja – aber wir kennen das St.Galler Haus ja noch gar nicht. Da gehts schon wieder los mit dem Sich-Kleinmachen. Es gibt auch Provinznester, die tolle Häuser haben, die rappelvoll sind.

Heute proben freie Gruppen zum Beispiel im Chössi-Theater Lichtensteig, in Steckborn oder im Tak in Schaan. Könnte das Haus der Freien auch ausserhalb der Stadt stehen?

Proberäume könnten ausserhalb liegen. Aber das Haus muss nach meiner Überzeugung mitten in der Stadt sein. Es geht ja darum, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Ein Haus irgendwo auf der grünen Wiese wäre eine vergebene Chance und ein falsches Zeichen.

Hast Du ein Haus im Kopf?

Das Zeughaus auf der Kreuzbleiche wäre ein denkbarer Ort. Die Reithalle wäre ein super Haus gewesen, aber das ist vorbei. Und ja: Man könnte bauen… Wenn keine Räume da sind, dann muss man sie bauen.

Noch ein Wort zur Lokremise…

Die Lokremise ist eine tolle Lokalität für Aufführungen, sie bietet aber keine Möglichkeit zum Proben, und die Zeitfenster sind zu kurz.

Das ist die Lage der Freien?

Zumindest hier ist es so. Und man muss noch hinzufügen: Es geht nicht nur darum, wer hier arbeitet, sondern auch um Gastspiele. Nach St.Gallen kommt kaum jemand, weil es keine Stelle gibt, die Ensembles einlädt, und kein Haus dafür da ist. Kultur braucht Inspiration, Austausch und auch den Druck, rauszukommen aus der Komfortzone.

Wann steht das Haus für die freie Tanz- und Theaterszene? 2025?

Das hiesse noch lange warten… Das Haus fehlt hier echt, es fehlt schon seit 20 Jahren. Drum ist es gut, dass die Forderung jetzt so klar da steht. St.Gallen würde definitiv zur Kulturstadt. 2025 also, abgemacht!

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

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