, 1. Mai 2016
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Selbstüberschätzung, systemrelevant

Der St.Galler Psychotherapeut Theodor Itten hat nach «Jähzorn» ein neues Buch geschrieben: «Grössenwahn»
ist eine zornige Analyse der Topshots in Wirtschaft und Politik.

Theodor Itten liest am 3. Mai im Rösslitor St.Gallen aus seinem neuen Buch. (Bild: pd)

«Die Gier der Haudegen, der Tausendsassas im Grössenwahn führte zum realwirtschaftlichen Systemkollaps, der nur dank des Einsatzes von Volkseigentum in den privaten Banken aufgefangen werden konnte. Was ist los im Hause der Demokratie, wenn Notenbanken diesen systemrelevanten Grössenwahn stützen, den selbstverschuldeten, schwindelerregenden Ruin schützen?»

Theodor Itten geht in seinem neuen Buch hart ins Gericht mit dem, was er den «Superkapitalismus-Grössenwahn» nennt. Er sieht ihn bei den Affären um Grossbanken wie die UBS, die «too big to fail» war; er sieht ihn bei VW und dem gigantischen Abgasbetrug seiner Topmanager, die VW zum grössten Autokonzern der Welt machen wollten, «koste und brauche was es wolle». Er sieht ihn, wohin er schaut in der Deutschland AG, Schweiz AG, Europäische Union AG. «In der global vernetzten Finanz- und Realwirtschaft regieren Ruhm, Geld- und Machtgier.»

Narzisstisch gestört

Die Gründe liegen im Buch nicht so leicht auf der Hand wie die zornigen Diagnosen. Itten beschreibt diese Spezies Manager als «soziopathisch und psychopathisch veranlagte» Machtmenschen: ein Steve Jobs, ein Jürgen Schneider, ein Warren Buffet, ein Martin Winterkorn. Er zitiert Studien wie das Buch Gier von Jason Zweig, der den Topshots «narzisstische Störungen» zuschreibt, die «Überschätzung der eigenen Fähigkeiten als Tausendsassa», Verführbarkeit durch «die unheimliche Macht des Vermehrens», in der Folge «mangelnde Einfühlung» und «mentale Härte».

In der Summe gelten diese Eigenschaften als Garanten des Erfolgs in der Chefetage – aber zugleich sind sie eine «systemrelevante» gesellschaftliche Bedrohung, wie im Fall VW, diesem «Totalschaden der industriellen Arroganz».

Theodor Itten: Grössenwahn. Ursachen und Folgen der Selbstüberschätzung. Orell Füssli Verlag Zürich 2016, Fr. 26.90.

Grössenwahn dieser katastrophalen Art diagnostiziert Therapeut Itten auch bei zahlreichen Politikern von Putin bis Assad, von Chrustschow bis Karadzic und vielen weiteren. Und besonders weit tut sich der Abgrund menschlicher bzw. männlicher Hybris im Terrorismus auf. In islamistischen wie in «abendländisch»-breivikschen Wahnsinnstaten, im mörderischen Grössenwahn des Lufthansa-Piloten Lubitz, der vor einem Jahr 149 Menschen in den Tod riss, in den Greueln der Nazis und anderer Verbrecher. Als eine der wenigen Frauen kommt die 1914 geborene britische Hitler-Verehrerin Unity Valkyrie Mitford zu zweifelhaften Ehren im Buch.

Etwas harmloser geht es im «höher, schneller, weiter» des Spitzensports zu und her. «Lauter Verrückte», sagt einer dazu, der es wissen muss: Uwe Seeler, deutsche Fussballlegende, gibt in einem ausführlichen Interview im Buch seine «Ideologie der Normalität» preis und äussert sein Unverständnis über die egomanischen Kollegen auf dem Feld.

Lob des Jugend-Grössenwahns

Harmloser – oder doch nicht? – sind auch die egozentrischen Phänomene der sozialen Medien, denen Itten eine beträchtliche Verführungskraft in Sachen Grössenwahn zuspricht. Insgesamt seien die heutigen Jugendlichen mit all den «Plattformen zur Ermöglichung von Selbstpräsentation» einem «ununterbrochenen Grössenwahn-Festival» ausgesetzt, heisst eine der Hypothesen des Autors.

Im Gespräch mit einem Lehrlingsbetreuer bei Bühler Uzwil lässt sich die These allerdings nicht erhärten; die «Komplexitätsreduktion», die eine solche Pauschalisierung bedeute, nimmt Itten selbstkritisch und zugleich erleichtert zurück.

Buchvernissage: Dienstag, 3. Mai, 20 Uhr, Rösslitor Buchhandlung St.Gallen

Denn umgekehrt ist das bilderreiche, mehr assoziative als systematische Buch auch eine Lobrede und Rechtfertigung jugendlicher Selbst-Überschätzung. Jungsein: Das bedeute seit jeher auch, «die wunderbarsten Selbstansagen» in sich selber zu spüren. Jugendbewegungen aller Zeiten nährten sich aus dieser Überheblichkeit und dieser Veränderungslust, aus einem Jugendgrössenwahn im Kontrast zur «rundum brav arbeitenden Wirklichkeit» (Martin Walser). «In einer zum ekstatischen Höhepunkt strebenden, aus dem Schatten der Gewohnheit tretenden Inszenierung befreien sich Jugendliche jeweils aus den Ruinen der einträchtigen Vergangenheit.»

Glücklich, wer sich im allmählichen Erwachsenwerden davon lösen kann und zu einem, in Ittens Worten, «genügend guten Ich» gelangt, das mit sich und den Zumutungen der Umwelt einigermassen ins Reine kommt, ohne Bomben werfen oder Millionen scheffeln zu müssen.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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